Krisenstaat Benzin ist in Venezuela bald nicht mehr billiger als Wasser

In vielen Läden sind die Regale leer, selbst Grundnahrungsmittel sind schwierig aufzutreiben - Benzin aber war in Venezuela bislang fast umsonst. Nun hebt die Regierung die Preise an.

Autoschlangen vor einer Tankstelle in Caracas am Freitag
REUTERS

Autoschlangen vor einer Tankstelle in Caracas am Freitag


Kaum etwas ist im Krisenland Venezuela einfach und günstig zu haben. Die Versorgungslage ist sehr schlecht, viele Ladenregale sind leer - und wenn es Grundnahrungsmittel wie Reis, Milch und Öl überhaupt gibt, sind sie aufgrund der Hyperinflation für viele Einwohner unerschwinglich. Benzin hingegen gibt es meistens - und praktisch gratis. Ein Liter kostet sechs Bolívar, für umgerechnet einen Euro gibt es rund eine Million Liter Treibstoff. Eine Tasse Kaffee kostet genauso viel.

Doch das ändert sich von diesem Montag an. Die sozialistische Regierung unter Präsident Nicolás Maduro will die Treibstoffpreise langsam auf internationales Niveau anheben. Das ist Teil eines Maßnahmenpakets, zu dem unter anderen auch gehört, dass fünf Stellen aus der Landeswährung Bolívar gestrichen werden. Zudem wird der Bolívar an die neue Kryptowährung Petro gekoppelt.

"Ich hoffe, dass wir in zwei Jahren diese Missbildung beenden, die über lange Zeit gewachsen ist: Wir haben das Benzin praktisch verschenkt", sagte Maduro bei der Ankündigung der Pläne. In den vergangenen Tagen bildeten sich vor den Tankstellen lange Autoschlangen, viele Venezolaner tankten noch einmal zu den niedrigen Preisen voll.

Die Regierung geht davon aus, dass sie allein durch Benzinschmuggel nach Kolumbien und in die Karibik pro Jahr 18 Milliarden Dollar verliert. Registrierte Regierungsanhänger, Sozialhilfeempfänger und der öffentliche Nahverkehr sollen aber weiterhin durch direkte Subventionen unterstützt werden.

Staatsschulden müssen mit Öl beglichen werden

Venezuelas einst stolze Ölindustrie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Fördermenge ist auf zuletzt rund 1,36 Millionen Barrel (je 159 Liter) pro Tag gesunken, den niedrigsten Stand seit mehr als 50 Jahren. Weil die staatliche Erdölfirma PDVSA seit Jahrzehnten nicht mehr in moderne Fördertechnik, Instandhaltung ihrer Anlagen und Ausbildung von Personal investiert, kann das Land mit den größten Ölreserven der Welt seinen Reichtum kaum abschöpfen.

Wegen des desolaten Zustands der Förderanlagen kann Venezuela derzeit noch nicht einmal von den wieder anziehenden Ölpreisen profitieren. Der Preisanstieg reicht nicht aus, um die Verluste durch die sinkende Förderung auszugleichen. Zudem kann Venezuela gar nicht seine gesamte Produktion auf dem freien Weltmarkt verkaufen, weil ein wesentlicher Teil schon verplant ist. So bezahlt das hoch verschuldete Land seine Kredite in Russland und China mit Öllieferungen und schickt auch dem sozialistischen Verbündeten Kuba noch immer Öl zum Vorzugspreis.

fdi/dpa



insgesamt 12 Beiträge
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norgejenta 20.08.2018
1. Diese Land ist das beste
Beispiel dafür, was der Sozialismus aus einem Land macht, dass alle möglichen Ressourcen hat aber keinen Politiker der damit umgehen kann..
rockwater 20.08.2018
2. Ein schlechtes Beispiel
Aber für schlechte Kapitalismusstaaten gibt es eine deutlich längere Liste. Venezuela scheint eine unfähige Regierung zu haben und Kriminalitätsprobleme wie Mexiko. Dass sie die USA auch noch gegen sich haben macht den Bock richtig fett.
ericstrip 20.08.2018
3. Man kommt aus dem Kopfschütteln...
...nicht mehr heraus. Vor allem vor dem Hintergrund, daß auch in Deutschland gewählte Volksvertreter Venezuela vor noch gar nicht so sehr langer Zeit als vorbildliches sozialistisches Wunderland gepriesen haben (gut, als nächstes kam - ebenso unverständlich - meistens Kuba)... Man sollte das mal zusammenstellen, wer sich da alles disqualifiziert hat. Die Tragik der Allmende. Es gibt einige Staaten mit Ressourcen, die der gesamten Bevölkerung Wohlstand bescheren könnten. Korruption, Gleichgültigkeit und die Abwesenheit von planerischem Denken verhindern dies. Daran ist dann nicht "der Westen" schuld, es sind die Menschen, die sich in dysfunktionalen Gesellschaftssystemen eingerichtet haben. Von nichts kommt nichts.
kuschl 20.08.2018
4. Diese tollen sozialistischen Gesellschaftsmodelle
Theorie und Praxis sind eben zwei Paar Schuhe. Linke, Sozialisten darunter auch Grüne moralisieren überall auf der Welt herum, beschimpfen politisch Andersdenkende und scheitern regelmäßig krachend an der Unfähigkeit aber auch diktatorischen Herrschsucht ihrer eigenen Protagonisten in der realen Welt. Dann sin die bösen Konterrevolutionäre, die man vergessen hat, einen Kopf kürzer zu machen, schuld.
7eggert 20.08.2018
5.
Kommunismus und Sozialismus scheitert an der Hirngröße. Der Mensch kann sich ca. 100 und wer gut ist ca. 150 Personen merken. Wächst die Gemeinschaft darüber hinaus, so zerfällt sie und man braucht als Ersatz Geld. Leider hat auch Marx ein bißchen Recht: Das Geld sorgt mit Zinseszis und der Macht, dem Schwächeren das gleiche Einkommen zu verwehren, zu einer Konzentration. Die Lösung ist eine Soziale Marktwirtschaft, an deren Abschaffung hier die Neoliberalen und "Gerheim"organisationen wie die Bertelsmannstiftung werkeln, "Geheim" weil nur eine kleine Schar "Die-Anstalt"-Zuschauer das mitbekommt und der Rest in der Filterblase der fünf großen Medienhäuser lebt.
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