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Ver.di-Attacke gegen Amazon: "Selbst Lidl zahlt besser"

Von Tobias Lill

Regelmäßig kritisiert die Gewerkschaft Ver.di die Arbeitsbedingungen bei Discountern wie Lidl und Aldi. Doch nun geraten auch Online-Versandhändler wie Amazon in die Kritik: Ver.di wittert in der Branche eine Ausbeutung der Angestellten.

Hamburg - Das Bild, das Amazon auf seiner Jobbörse von sich zeichnet ist verlockend: "Unsere Wandervögel erkunden mehrmals im Jahr die Berge in der Umgebung", und "wenn das Wetter schön ist, ertönt im Sommer der Ruf "Die Sonne scheint - raus mit dem Grill", heißt es in einer Stellenausschreibung über die Münchner Niederlassung.

Amazon-Versandzentrum in Bad Hersfeld: "Es gibt genug andere, die Arbeit suchen"

Amazon-Versandzentrum in Bad Hersfeld: "Es gibt genug andere, die Arbeit suchen"

Für Mirko Burger* klingt das wie blanker Hohn: Er arbeitet in der Münchner Zweigstelle des Versandriesen. Von idyllischem Miteinander, wie es die Anzeige suggeriere, könne keine Rede sein, erzählt er. Vielmehr wehe ein eisiger Wind durch die Flure. "Jeder hier steht unter gewaltigem Druck, um die von der US-Führung gesteckten Geschäftsziele zu erreichen". 50 und 60 Stundenwochen seien auch bei Mitarbeitern der unteren Lohngruppen keine Seltenheit. Nicht wenige kündigten deshalb freiwillig, andere würden krank. "Ein Kollege, Anfang 30, ist irgendwann einfach zusammengeklappt", sagt der Angestellte.

"Wer nicht mithalten konnte, dem wurde offen gedroht, dass es genug andere gibt, die Arbeit suchen", erinnert sich auch Stefan Schmidt*, der mittlerweile nicht mehr bei Amazon arbeitet. "Am schlimmsten" sei es den Arbeitern mit befristeten Verträgen ergangen, die oft erst wenige Tage vor dem Monatsende erfahren hätten, ob sie weitermachen dürften. "Die haben doch auch Familien und Verpflichtungen", sagt Schmidt.

"Die wollen Ältere und Schwächere rausdrängen"

Mechthild Middeke, die für Ver.di die 1200 Mitarbeiter des Logistikzentrums von Amazon im hessischen Bad Hersfeld betreut, berichtet ebenfalls von hohem Druck auf die dortigen Mitarbeiter. Speziell Vorgesetzte würden ihre Untergebenen teilweise regelrecht mobben, kritisiert die Gewerkschafterin. Eines der Druckmittel seien Abmahnungen, gegen Angestellte, die ihre Zielvorgaben nicht erfüllten. "Vor allem ältere Arbeitnehmer können oft nicht mithalten", sagt sie. Darunter leide auch deren Gesundheit. Mancher könne irgendwann einfach nicht mehr. Middeke vermutet: "Die wollen Ältere und Schwächere rausdrängen."

Die Bezahlung liegt laut Middeke deutlich unter dem Niveau im Einzelhandel. "Selbst Lidl zahlt besser", schimpft sie. In Bad Hersfeld, der größten Amazon-Niederlassung, sind nach Ver.di-Angaben fast ein Drittel der Beschäftigten befristet angestellt "Hinzu kommt eine steigende Zahl von Arbeitern, die von Leiharbeitsfirmen geschickt werden." Allerdings gibt es in Hersfeld, anders als etwa in der Münchner Amazon-Niederlassung, einen Betriebsrat. "Der fängt das Gröbste ab", sagt die Gewerkschafterin.

Amazon will sich zu den Ver.di-Vorwürfen nicht im Detail äußern. Eine Sprecherin betonte allerdings, dass das Alter bei der Auswahl der Mitarbeiter keine Rolle spiele. Auch die Entlohnung sei nicht schlechter als bei anderen Arbeitgebern in der Region: So erhielten die Mitarbeiter neben dem Fixgehalt, auch Belegschaftsaktien und "weitere Nebenleistungen". Den hohen Anteil von Leiharbeitern rechtfertigt die Sprecherin mit dem Hinweis, dass der Handel ein saisonales Geschäft sei. Zudem verweist Amazon auf die Existenz eines Betriebsrates.

Ebay-Betriebsrat widerspricht Ver.di

Neben Amazon ist auch Ebay ins Visier von Ver.di geraten: Dort gebe es gehäuft Mobbing seitens der Unternehmensführung, insbesondere gegen Gewerkschafter, berichtet Erika Ritter von Ver.di Berlin-Brandenburg. Im Ebay-Call Center in Dreilinden bei Berlin herrsche eine "Hire and Fire"-Mentalität" und ein "Klima der Überwachung". "Der Leistungsdruck auf die Mitarbeiter ist so hoch, dass er bei einigen Mitarbeitern bereits zu gesundheitlichen Problemen geführt hat", sagt Ritter. Die Entlohnung sei niedriger als der Tarif, dafür liege die Wochenarbeitszeit mit 40 Stunden darüber. Wochenendzuschläge würden nicht bezahlt.

Der Kritik will sich der eBay-Betriebsratsvorsitzende Branson Gatewood allerdings nicht anschließen. Die Bezahlung sei durchschnittlich und die Arbeitsbedingungen gut, sagt er. "Die Mehrheit der Mitarbeiter ist zufrieden". Außerdem könne von einer Überwachung der Angestellten keine Rede sein: "Auf die Steuerungssoftware hält der Betriebsrat ein genaues Auge", sagt der 44-Jährige. Mobbing gebe es in Einzelfällen, aber nicht öfter als in anderen Unternehmen auch.

Ebay-Sprecher Nerses Chopurian bezeichnete die Anschuldigungen als haltlos. Die Fluktuation und der Krankenstand unter den Mitarbeitern seien gering, der Arbeitsdruck nicht höher als in anderen Call Centern auch. "Die Angestellten dürfen sogar frei surfen", sagt Chopurian. Einen Tarifvertrag lehnt Ebay ab, da ein solcher nicht in das Konzept eines modernen Unternehmens passe. Stattdessen bezahle man "leistungsgerecht". Chopurian geht von einer "gezielten Kampagne" der Gewerkschaft aus.

Ver.di hatte bereits vor zwei Jahren eine anonyme Umfrage unter Ebay-Mitarbeitern über deren Arbeitsbedingungen gestartet, allerdings ohne sich als Urheber erkennen zu geben. Dies stieß auch bei der Ebay-Belegschaft auf massive Kritik. "Die Geheimnistuerei war ein Riesenfehler", sagt Ritter heute.

*Name von der Redaktion geändert

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