Verbot für Monsanto-Sorte Deutschland demütigt den Agro-Giganten

Er ist weltweit erfolgreich, nur in Deutschland klappt es nicht: Trotz gezielter Lobbyarbeit konnte der Saatgutmulti Monsanto das Verbot seiner Genmaissorte MON 810 nicht stoppen. Ein überraschender Rückschlag - meist bricht der Konzern jeden politischen Widerstand.

Von


Hamburg - Die Zahlen sind eindeutig, sie lassen kein Drumherumreden zu, sind nicht verhandelbar: 40.000 Hektar wollte Monsanto in diesem Jahr bundesweit eigentlich mit seinem genveränderten Mais MON 810 bewirtschaften lassen. 40.000 Hektar entsprechen knappen zwei Prozent der gesamten Maisanbaufläche in Deutschland. Vor zehn Jahren fasste Ursula Lüttmer-Ouazane, die heutige Nordeuropa-Chefin des weltgrößten Saatgutherstellers, dieses Ziel. Ein realistischer Plan, dachte man damals bei dem Agro-Giganten.

Firmenlogo von Monsanto in Düsseldorf: Front der Gegner wächst
DPA

Firmenlogo von Monsanto in Düsseldorf: Front der Gegner wächst

Herausgekommen sind gerade mal knappe 4000 Hektar. So viel haben deutsche Landwirte für dieses Jahr beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit angemeldet. Und auch genau diesen Anbau hat Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner an diesen Dienstag verboten. Die überraschende Entscheidung der CSU-Politikerin ist sinnbildlich für das Scheitern eines Großkonzerns, der in Deutschland seinen Einfluss über- und den Widerstand unterschätzt hat.

Trotz Protest erfolgreich

Denn bislang war der weltweit agierende Konzern zwar Protest gewohnt, hat seine Ziele aber erfolgreich umgesetzt: Das börsennotierte Unternehmen beschäftigt weltweit 17.000 Mitarbeiter in mehr als hundert Ländern, verbuchte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 11,4 Milliarden Dollar und ist Quasi-Monopolist bei gentechnisch veränderten Pflanzen. In den nächsten zwei Jahrzehnten will Monsanto Chart zeigen-Chef Hugh Grant die Erträge von Mais, Soja und Baumwolle verdoppeln, beim Gewinn will er das schon 2012 schaffen.

Doch mit dem Erfolg könnte es jetzt vorbei sein, denn die Front der Monsanto-Gegner wächst langsam, aber stetig. "Bislang ist Monsanto beim Endverbraucher so gut wie nicht in Erscheinung getreten", sagt Alexander Hissting, Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace. "Aber das ändert sich langsam - und damit wächst der Widerstand gegen die Methoden des Konzerns."

Inzwischen sind es nicht mehr nur Umweltschützer in Indien und anderen Entwicklungsländern, die sich gegen die Dominanz des Saatgut-Giganten wehren. Es sind Biolandwirte, Hobbyimker, Kirchen und seit neuestem auch die CSU, die ihre traditionelle Stammklientel kurz vor der Europawahl nicht mit grüner Gentechnik verschrecken will. Sie alle stehen den gentechnisch veränderten Pflanzen kritisch gegenüber - und das Vorgehen des Konzerns verstärkt ihre Skepsis.

Kontrolle durch die "Saatgut-Polizei"

Denn das Unternehmen ist nicht zimperlich, wenn es um seine Gegner geht. "Skrupellos" und "rücksichtslos" nennt Greenpeace-Experte Hissting das Vorgehen des Konzerns. Bestechung, das Verdrehen von Fakten, das Zurückhalten von Informationen und das Diskreditieren von Wissenschaftlern, die unangenehme Fragen stellen - all das werfen Kritiker dem Konzern vor. Wenig Gutes trägt auch die Konzerngeschichte bei: Monsanto war einst wesentlicher Produzent des dioxinhaltigen Kampfstoffes Agent Orange, der im Vietnam-Krieg eingesetzt wurde.

Die wichtigsten Punkte zum Genmais
MON 810
Die gentechnisch veränderte Maissorte MON 810 des US-Herstellers Monsanto, ist seit 1998 in der EU zugelassen. Sie ist bisher einzige kommerziell angebaute transgene Pflanze in Europa. Österreich, Frankreich, Ungarn, Luxemburg, Griechenland haben den Anbau verboten. In Deutschland ist MON 810 seit 2005 erlaubt. Zwei Jahre später war die Aussaat dann schon einmal gestoppt worden. Im Dezember 2007 legte Monsanto aber einen Plan zur allgemeinen Überwachung des Anbaus vor, woraufhin der Anbau wieder zugelassen wurde.

Der Anbau in Deutschland
In Deutschland umfasst die Anbaufläche von MON 810 nach Angaben der Umweltorganisation Greenpeace 3668 Hektar. Das entspricht 0,18 Prozent der gesamten Maisanbaufläche. Die Aussaat von MON 810 sollte vor allem in Ostdeutschland erfolgen.

Die Genveränderung
Durch eine Genveränderung sollen Maispflanzen wie die der Sorte MON 810 eine höhere Resistenz gegenüber Schädlingen wie dem Maiszünsler erhalten. Grundlage dafür ist ein Gen, das ein für den Maiszünsler giftiges Protein des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis codiert. Durch dieses sogenannte Bt-Toxin wird die Pflanze gegen die Schädlingslarven resistent. Der Befall durch ausgewachsene Tiere wird allerdings nicht verhindert.
Der Schädling
Der Maiszünsler ist ein kleiner Schmetterling mit einer Flügelspannweite von bis zu 35 Millimetern. Er ernährt sich von Mais, Kartoffeln, Hirse, Beifuß und anderen Pflanzen. Wissenschaftler unterscheiden zwei Rassen ("E" und "Z"). Für den Mais gefährlich ist vor allem die Rasse "Z", die zunächst vor allem in Süddeutschland für Probleme im Maisanbau sorgte. Mittlerweile hat sich das Verbreitungsgebiet des Schädlings auch nach Norden ausgebreitet. Gegen den Maiszünsler ist in Deutschland ein einziges Insektizid zugelassen. Gentechnisch veränderter Mais wie MON 810 soll die Resistenz der Maispflanzen gegen den Schädling erhöhen.

Dazu kommt die von US-Farmern inzwischen als "seed police", Saatgutpolizei, verschriene Gattung von Monsanto-Vertretern, die die Erzeugnisse der Landwirte kontrolliert. Sie prüfen, ob die Abnehmer des gentechnisch veränderten Saatgutes die jährliche Technologiegebühr zahlen - und das Saatgut nicht etwa unerlaubt vermehren. Dabei macht man auch vor unbeteiligten Farmern nicht halt, deren Saat durch Pollenflug verunreinigt wurde - wie der Fall des kanadischen Bauers Percy Schmeiser zeigt, den Monsanto wegen angeblicher Patentverletzung verklagte.

"Monsantos Geschäftsprinzip basiert darauf, den Bauern zu verbieten, was sie seit Jahrtausenden getan haben: aus der Ernte Saatgut für die nächste Aussaat zurückzuhalten", sagt Marie-Monique Robin. Die französische Journalistin hat sich drei Jahre lang mit dem Großkonzern beschäftigt und ihre Recherchen Anfang des Jahres in dem Buch "Mit Gift und Genen: Wie der Biotech-Konzern Monsanto unsere Welt verändert" veröffentlicht. Darin beschreibt sie, wie Monsanto seine Abnehmer vertraglich so bindet, dass ihnen relativ schnell keine andere Wahl bleibt, als das drei- bis viermal teurere Saatgut des Konzerns zu kaufen.

Gezielte Lobbyarbeit - ohne Erfolg

Vor allem aber kritisiert Robin den politischen Druck, den Monsanto inzwischen aufbaut: "Den Einfluss, den ein multinationales Unternehmen auf demokratische Staaten ausübt, finde ich schockierend", sagt die Journalistin. Sie spielt dabei auf den regen Austausch zwischen Unternehmensvertretern und Regierungs- und Aufsichtsbehörden an, den es vor allem in den USA gegeben hat. Die Liste von Lobbyisten und Überläufern sei lang, sagt Robin. So habe etwa Michael Taylor von der Anwaltskanzlei King & Spalding erst Monsanto vertreten, später arbeitete er direkt bei dem Saatgutmulti. Danach wurde Taylor Vizechef der amerikanischen Zulassungsbehörde für Nahrungs- und Arzneimittel FDA - um dann wieder zurück zu Monsanto zu wechseln.

Auch in Deutschland hat der Konzern es mit Lobbyarbeit versucht - wenn auch weniger erfolgreich. Eine Vielzahl von Organisationen trommelt bei Bund und Ländern, aber auch in Brüssel für mehr Akzeptanz bei der grünen Gentechnik zu wecken. Sie heißen "InnoPlanta", "Industrieverband Agrar" oder "Europabio". Gebracht haben sie wenig, bei der Formulierung des Gentechnikgesetzes war der Konzern enttäuscht. Die Haftungsregeln seien zu streng, der bürokratische Aufwand zu hoch, heißt es.

Nach außen gibt sich der Konzern trotzdem gelassen. "Wir müssen in erster Linie unseren Kunden überzeugen", wehrt Monsanto-Sprecher Andreas Thierfelder Fragen nach mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz von Gentechnik ab. Auch von der Kritik an möglichen Interessenskonflikten will er nichts wissen. Ein Wechsel von Mitarbeitern aus der Politik in die Wirtschaft und umgekehrt sei nicht untersagt, keiner der Vorwürfe haltbar. "Ich bin mir sicher, dass sie ihre Aufgaben und Ziele strikt getrennt haben."

Und doch: Aigners Entscheidung hat für Verwunderung gesorgt. Noch Ende März habe man bei Gesprächen mit dem Ministerium explizit nach Sicherheitsbedenken beim Anbau von MON 810 gefragt - und eine eindeutig positive Antwort bekommen. "Bislang gab es in Deutschland ein valides Zulassungssystem, deshalb erstaunt es uns, wenn eine solche Entscheidung jetzt rein politisch motiviert sein sollte", sagt Thierfelder. Rechtliche Schritte behält man sich derzeit vor, man will abwarten, ob der Ankündigung auch ein Bescheid folgt - und wie dieser begründet ist. Die EU-Kommission behält sich Einspruch gegen das Genmais-Anbauverbot vor.

Monsanto bleibt Zeit, die Truppen zu sammeln und sich neu zu positionieren. Den finanziellen Schaden - das Unternehmen schätzt ihn auf drei bis vier Millionen Euro - wird der Milliardenkonzern wegstecken können. Schwieriger wird es, die sowieso schon skeptischen Deutschen weiter für die grüne Gentechnik zu begeistern.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.