Verbraucherschutz Stromkunden sparen mit Atomkraft nur 50 Cent im Monat

Sollen Deutschlands Atommeiler länger laufen? Aus Sicht von Verbraucherschützern spricht wenig dafür: Hielte die Regierung an der Kernkraft fest, würde die monatliche Stromrechnung im Durchschnitt um 50 Cent sinken. Laut Experten bringt eine einzige Energiesparlampe mehr.


Frankfurt am Main - In der Bundesregierung tobt der Streit um die Atomenergie: Die Union will Deutschlands Kernkraftwerke länger laufen lassen, die SPD-Führung ist dagegen und hält am Ausstieg fest. Nun mischen sich auch Verbraucherschützer in die Debatte ein - und schlagen sich auf die Seite der Atomgegner.

Kernkraftwerk Grundremmingen: Die SPD hält sinkende Strompreise für eine "Fabel"
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Kernkraftwerk Grundremmingen: Die SPD hält sinkende Strompreise für eine "Fabel"

Sollten die deutschen Kernkraftwerke länger laufen, würde sich dies im Portemonnaie der Bundesbürger nur minimal bemerkbar machen. Das geht aus Berechnungen des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv) hervor. Längere Atomlaufzeiten brächten eine Ersparnis von gerade einmal 50 Cent pro Monat, sagte der Energiefachmann des vzbv, Holger Krawinkel. Beim Austausch einer einzigen 60-Watt-Glühbirne durch eine Energiesparlampe könne man mehr Geld sparen.

Krawinkel legt seiner Rechnung die Annahme zugrunde, dass bei einer Restlaufzeitverlängerung zwei Drittel der Atomkraftwerksleistung von derzeit 140 Terawattstunden zehn Jahre lang weiterlaufen würden. Dies ergebe 900 Terawattstunden zusätzlich in einem Zeitraum von etwa 25 Jahren. Pro Jahr stünden demnach in Deutschland durchschnittlich 36 Terawattstunden Atomstrom zusätzlich zur Verfügung, dies entspreche rund sieben Prozent der gesamten Stromproduktion.

Bei heutigen Großhandelspreisen betrage der Preisvorteil von Atomstrom gut fünf Cent pro Kilowattstunde, von denen die Hälfte (2,5 Cent) an den Verbraucher weitergegeben werde. Wären also sieben Prozent des Stroms 2,5 Cent billiger, werde die Stromrechnung insgesamt um 0,175 Cent pro Kilowattstunde billiger. Ein Durchschnittshaushalt mit einem Verbrauch von 300 Kilowattstunden monatlich hätte demnach einen Preisvorteil von einem halben Euro.

Zum Vergleich hat Krawinkel ausgerechnet, wie viel der Austausch einer 60-Watt-Glühbirne durch eine gleich helle 11-Watt-Energiesparlampe bringt. Das Ergebnis: 60 bis 90 Cent pro Monat. Krawinkel kommt so zu dem Schluss, dass Energiesparen den Geldbeutel deutlich effektiver schütze als ein Festhalten an der Atomkraft.

Auch die Grünen haben sich strikt gegen längere Laufzeiten von Atomkraftwerken ausgesprochen. "Man kann nicht den Beelzebub Klimawandel mit dem Teufel Atomkraft austreiben", sagte Parteichefin Claudia Roth in Berlin. Bis heute gebe es kein Endlager für radioaktiven Müll. Längere Laufzeiten brächten zudem nur den Stromkonzernen mehr Profit, dienten aber nicht dem Verbraucher.

Die SPD-Spitze sprach sich dafür aus, den Bau neuer Atomkraftwerke im Grundgesetz zu verbieten. Generalsekretär Hubertus Heil forderte die Union zu einem "klaren Bekenntnis" auf, ob sie eine solche Verankerung in der Verfassung mittragen werde.

Wenn sie dies ablehne, zeigten CDU/CSU, dass es ihnen auch um die Errichtung neuer Atommeiler in Deutschland gehe, sagte Heil nach einer Konferenz des SPD-Präsidiums.

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Der SPD-Politiker Erhard Eppler hatte im SPIEGEL eine solches Bauverbot im Grundgesetz gefordert und im Gegenzug dafür längere Restlaufzeiten für bestehende Atommeiler vorgeschlagen. Dazu sagte Heil, es bleibe bei dem von der früheren rot-grünen Bundesregierung mit der Industrie ausgehandelten Atomausstieg.

Es sei eine "Fabel", dass Strompreise oder Benzinkosten bei längeren Restlaufzeiten sinken würden. Die Konzerne versprächen sich davon allein mehr Profit.

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Atomenergie ist auch beim G-8-Gipfel in Japan ein großes Thema. Deutschland gerät dort zunehmend in die Defensive: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) muss den deutschen Atomausstieg verteidigen, während die sieben anderen führenden Industrienationen auf ein Comeback der Atomkraft setzen.

wal/AP/dpa-AFX

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