Verbraucherschutz Wie die Fleischindustrie ihre Waren schönmogelt

Mit dem Gütesiegel QS gaukelt die deutsche Fleischindustrie dem Verbraucher vor, er kaufe qualitativ hochwertiges Fleisch aus artgerechter Tierhaltung. Tatsächlich garantiert das Prüfzeichen nicht viel mehr, als gesetzliche Regelungen einzuhalten.

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Hamburg - Buntes Gemüse, saftiges Fleisch und zufrieden lächelnde Kunden - die Botschaft des QS-Fernsehspots könnte eindeutiger nicht sein. "Was kaufst du denn da, woher kommt das, wie wurde das verarbeitet?", fragt da ein älterer Kunde seine Tochter, als die eine Packung Fleisch in den Einkaufswagen legt. "Papa, das ist doch ganz einfach", antwortet diese. Man müsse nur auf das QS-Prüfzeichen achten, das sei ein Prüfsystem, das alle Lebensmittel von der Weide bis zur Ladentheke kontrolliere.

QS-Siegel: Wo Qualität draufsteht, ist nicht immer Qualität drin
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QS-Siegel: Wo Qualität draufsteht, ist nicht immer Qualität drin

Frisch, lecker, einwandfrei - genau das ist es, was das blaue Prüfzeichen der "Qualität und Sicherheit GmbH" dem Verbraucher verspricht, es findet sich inzwischen auf fast jeder Fleischpackung. "Unser Ziel ist es, das Vertrauen der Verbraucher in die korrekte, qualitätvolle und hochwertige Herstellung unserer Lebensmittel wiederzugewinnen und zu stärken", heißt es dazu auf der Homepage der Gesellschaft. Alle Unternehmen, die im QS-System arbeiten - und das sind im Fleischbereich inzwischen fast 80.000 Betriebe in Deutschland - hätten das "gemeinsame Ziel" und bemühten sich um "aktiven Verbraucherschutz", preist QS sich selbst weiter an.

Allein: Wo Qualität und Sicherheit draufsteht, ist womöglich nicht immer Qualität und Sicherheit drin. Das legen Bilder der Tierrechtsorganisation Peta nahe, die in den vergangenen zwei Jahren in mehreren Schweine- und Geflügelmastbetrieben gemacht wurden und dabei Erschreckendes zu Tage gefördert haben. "Wir haben Schweine mit mehrere Tage alten Wunden gefunden, die in fensterlosen Hallen vor sich hinvegetiert haben", sagt Edmund Haferbeck, Vorsitzender von Peta. In einer Geflügelzucht habe man "bis zur Unkenntlichkeit skelettierte Hühner" entdeckt, die nicht aus der Mastanlage entfernt wurden. Das gleiche Bild auch in einem Putenstall, in dem ebenfalls tote und verweste Tiere herumgelegen hätten. "Die Tiere wiesen außerdem schwerwiegende Verletzungen auf, eine tierärztliche Behandlung fand offensichtlich nicht statt."

"Siegel geht kaum über gesetzliche Vorschriften hinaus"

All diese Betriebe, so der Vorwurf der Tierschützer, arbeiteten mit dem QS-Prüfsystem - eben jenem Siegel, das dem Verbraucher suggeriert, qualitativ hochwertiges Fleisch aus artgerechter Tierhaltung zu kaufen. Gegen die Verbreitung der Bilder der Tierrechtsorganisation wehrt sich die QS GmbH inzwischen gerichtlich. "Die Bilder sind nicht identifizierbar, enthalten keine genauen Angaben zu Ort und Zeit der Aufnahme", sagt QS-Sprecher Oliver Thelen. Hier werde der Anschein erweckt, die Aufnahmen würden die Realität in den Betrieben der QS-Systempartner widerspiegeln.

Tatsächlich aber wäre es nicht das erste Mal, dass das QS-Siegel durch Skandale auffällt. "So wurden im Frühjahr 2003 bei Futtermittelherstellern in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen erhöhte Dioxinwerte gemessen. Das belastete Futter wurde auch von QS-zertifizierten Futterherstellern weiterverarbeitet", hat die Verbraucherschutzorganisation foodwatch dokumentiert. Auch sei das QS-Mitglied "Real" beim Umetikettieren von Hackfleisch ertappt worden. Zuletzt kam QS in die Schlagzeilen, weil Promi-Koch Alfred Biolek einen schon gedrehten Werbespot zurückziehen ließ, als ihm klar wurde, wie umstritten das Siegel ist. Bis heute streitet die von QS beauftragte Werbeagentur mit Biolek um die Kosten des Spots, QS selbst erklärt, keine Probleme mit Biolek zu haben.

"Das Problem des QS-Siegels ist, dass es so gut wie keine Anforderungen enthält, die über die gesetzlichen Regelungen hinausgehen", sagt Matthias Wolfschmidt von foodwatch. "Im Kern ist das QS-Siegel nichts anderes als das Versprechen, die geltenden Regelungen auch einzuhalten." Zwar listet QS auf drei Seiten mehr als 50 Kriterien auf, die angeblich über den gesetzlichen Anforderungen liegen. Doch die lesen sich entweder so vage wie "ruhiges Entladeverhalten beim Transport" oder es sind Kriterien, die nur minimal über die gesetzlichen Standards hinausgehen: So lässt QS etwa alle Schweinemastbetriebe auf Salmonellen überwachen, obwohl der Gesetzgeber das erst ab 200 Tieren vorschreibt. "Da ja auch die kleinen Betrieben das QS Prüfzeichen erhalten, ist es logisch, dass auch diese überwacht werden", sagt Wolfschmidt.

"Antwort auf massiv verlorenes Verbrauchervertrauen"

Dass das Siegel - QS selbst spricht nach anhaltender Kritik von Verbraucherschützern inzwischen nur noch von einem "Prüfzeichen" - nicht wirklich viel aussagt, überrascht allerdings nicht. Denn gegründet wurde die "QS Qualität und Sicherheit GmbH" vom Deutschen Raiffeisenverband, dem Deutschen Bauernverband, den Verbänden der deutschen Fleischindustrie, der Handelsvereinigung für Marktwirtschaft und nicht zuletzt von der Centralen Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) - allesamt Vertreter der durchrationalisierten, konventionellen Landwirtschaft.

"Nach dem BSE-Skandal war das eine Antwort, massiv verlorenes Verbrauchervertrauen zurückzugewinnen", sagt Bärbel Höhn, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen und ehemalige Verbraucherschutzministerin in Nordrhein-Westfalen.

Herausgekommen ist denn auch ein Siegel, das nach Meinung von foodwatch bis heute "weder Qualität noch Sicherheit" garantiert. Denn im Gegensatz etwa zum Bio-Siegel sei QS kein staatliches Prüfzeichen, die Industrie prüfe und verleihe es sich selbst. "Das ist automatisch die Schwäche dieses Siegels, wenn die Produzenten selbst ihre Standards und Kontrollsysteme festlegen", kritisiert Höhn.

Und das hat Folgen, sowohl was die Kriterien als auch deren Überprüfung angeht. "Die Bauern wollten sich nicht in die Karten sehen lassen und haben deshalb alles blockiert, was eine transparente Herkunftssicherung für den Verbraucher möglich gemacht hätte", sagt auch ein Landwirtschaftsexperte, der sich jahrelang mit Qualitätssicherungssystemen beschäftigt hat. Außerdem gebe es keine neutralen Zertifizierungsstellen, die Prüfer würden von den Bauern selbst bezahlt. "Scharfe Überprüfungen lohnen sich für die Labore nicht, weil sie dann beim nächsten Mal keine Aufträge mehr bekommen." QS dagegen verweist darauf, mit anerkannten Instituten wie etwa dem TÜV zusammenzuarbeiten.

Einzelfallkontrolle ist machbar - aber teuer

Aber nicht nur die Kontrolle der Betriebe ist mangelhaft, auch beim Lebensmittelhandel hapert es: "Eine Lebensmittelkette darf all ihre Supermärkte mit dem QS-Siegel bewerben, auch wenn nur eine von hundert Filialen tatsächlich geprüft wurde", kritisiert Wolfschmidt von foodwatch. Vor allem aber ist die von der EU geforderte und von QS versprochene komplette Rückverfolgbarkeit der Ware nicht möglich. "Wir haben das probiert, konnten das Fleisch aber nicht weiter als bis zum Schlachthof verfolgen - dort wurden uns dann zwölf oder mehr Betriebe genannt, aus denen das Fleisch hätte stammen können."

Ein System, dass die QS GmbH verteidigt. Zum einen würden alle einzelnen Supermärkte kontrolliert - eben nur nacheinander. Und die Herkunft des Fleisches sei sehr wohl nachzuvollziehen: "Im Krisenfall können wir das Fleisch bis auf eine Gruppe von Betriebe zurückverfolgen und diese dann kontrollieren", sagt QS-Sprecher Thelen. Das Fleisch in jedem Einzelfall bis zum Landwirt rückverfolgbar zu machen, sei technisch realisierbar, aber mit großem Aufwand verbunden - und damit sehr teuer.

Vielleicht mit ein Grund, warum aus dem QS-Prüfzeichen kein wirkliches Qualitätssiegel geworden ist. Nicht umsonst lautet der Slogan von QS "Gut für den Verbraucher. Gut für die Wirtschaft."



Forum - Zu lascher Umgang mit Lebensmittel-Sündern?
insgesamt 172 Beiträge
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Seite 1
Arion's Voice, 28.08.2007
1. gefährdung
scheint so. dabei empfinde ich das vergehen als bewusste gefährdung dritter.
Wuz-zy, 28.08.2007
2. Ja!
Zitat von sysopLebensmittelskandale bleiben an der Tagesordnung, die schwarzen Schafe der Branche profitieren von zu seltenen Kontrollen und milden Strafen. Unternimmt die Politik zu wenig gegen die Fleisch-Sünder?
Ansonsten würden z.B. die Namen der Unternehmen und Unternehmer, die diesen Dreck in Umlauf bringen bzw. ihr Personal dazu zwingen, veröffentlicht. Offensichtlich werden lebensmittelproduzierende Unternehmen auch viel zu wenig kontrolliert - aufgrund Personalmangels, aus Kostengründen, aus Bequemlichkeit?
08154711, 28.08.2007
3. Solange Geld damit verdient wird
Zitat von sysopLebensmittelskandale bleiben an der Tagesordnung, die schwarzen Schafe der Branche profitieren von zu seltenen Kontrollen und milden Strafen. Unternimmt die Politik zu wenig gegen die Fleisch-Sünder?
Na klar wird zu wenig unternommen. Solange Mensch damit Geld verdienen kann und keine Kontrollen oder Strafen ihn hindern, wird es weiter Gammelfleisch geben. Uns bleibt da nur noch, Vegetarier zu werden - oder?... Ach nein, da waren doch die Pestizide im Gemüse, oder doch Geflügel?...Ach geht ja auch nicht - Geflügelpest u.s.w. u.s.w.
Midnightman 28.08.2007
4. Gesundheit & Wohlstand??
Seltene Kontrollen? Zu milde Strafen? Hallo? Ich finde es einfach schade, daß man diese Kriminellen nicht so lange mit ihrem Dreck den sie da verkaufen zwangsernähren kann, bis sie sich zu Tode kotzen - wahlweise noch das Ertränken in einer Güllegrube! Sorry, wenn ich mich jetzt so unverblümt ausdrücke, aber wer nach dem Motto handelt "nach mir die Sintflut", & außer ein paar Tausend Euro Strafzahlung (im besten Fall!) & evtl. einer Abmahnung nichts zu befürchten hat, für den ist die Versuchung anscheinend zu groß, danach weiterzumachen wie gehabt. Wie soll aber auch eine effiziente Kontrolle stattfinden, wenn es dem Bund (oder dem Land) einfach nicht nötig erscheint (oder sie es sich nicht leisten wollen), eine entsprechende Anzahl von Kontrolleuren einzusetzen, die diesem verbrecherischen Gehabe Einhalt gebietet. Was muß eigentlich noch passieren, bis hier mal Abhilfe geschafft wird? Ich für meinen Teil verzichte schon seit langem auf den Verzehr von Fleischwaren, deren Herkunft ich nicht zweifelsfrei zurückverfolgen kann. Hat mir bisher nicht geschadet ;-))
Ichbinsleid, 28.08.2007
5.
Es sollte eine Internetseite geben auf der alle Lebensmittelsünder mit Namen und Produkt genannt werden.
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