Verdacht auf Insiderhandel Polizei nimmt Ex-EADS-Chef in Gewahrsam

Es wird eng für Noël Forgeard: Der ehemalige Co-Chef des Rüstungsriesen EADS ist von der französischen Polizei wegen des Verdachts auf Insiderhandel in Gewahrsam genommen worden. Forgeard hat die Vorwürfe bisher immer abgestritten - das beeindruckt die Ermittler nicht.

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Paris - Manchmal gibt es Zufälle, die eine unfreiwillige Symbolik entfalten: Die Straße, die der ehemalige EADS Chart zeigen-Konzernchef Noël Forgeard am späten Mittwochvormittag zum Verhör entlang ging, ist eine Einbahnstraße. Der Smart, mit dem der 61-Jährige von seinem Anwalt Jean-Alain Michel zu der Vernehmung gefahren wurde, musste um die Ecke parken.

Ex-EADS-Chef Forgeard (Mitte) vor seiner Vernehmung: Der ehemalige Top-Manager trat eher unscheinbar auf
AFP

Ex-EADS-Chef Forgeard (Mitte) vor seiner Vernehmung: Der ehemalige Top-Manager trat eher unscheinbar auf

Auch sonst begann die Vernehmung des ehemaligen Topmanagers bei der Finanzaufsicht erst einmal unauffällig: Bekleidet mit einem sportlichen, braunen Jackett und nur in Begleitung von Anwalt Michel betrat Forgeard das Gebäude, wo er zu den Vorwürfen des Insiderhandels vernommen werden sollte. Die französische Börsenaufsicht AMF und die Polizei werfen Forgeard vor, 2005 und 2006 Aktien mit Insiderwissen verkauft zu haben. Forgeard soll wenige Tage, bevor die Lieferverzögerungen beim Großraumjet A380 bekannt wurden, in großem Stil Aktien verkauft und damit Millionen verdient haben.

Bislang hatte Forgeard diese Vorwürfe entschieden zurückgewiesen. Im Laufe der Vernehmung wurde aber klar, dass sich die Ermittler dadurch wenig beeindrucken lassen: Forgeard wurde in Polizeigewahrsam genommen - was zur Folge hat, dass die Ermittler den ehemaligen Rüstungschef ohne richterlichen Beschluss 48 Stunden festhalten und befragen können.

Neben der Finanzpolizei hat auch die französische Börsenaufsicht AMF ein Sanktionsverfahren eingeleitet. Und zwar nicht nur gegen Forgeard, sondern auch gegen 17 EADS-Manager, darunter den amtierenden Airbus-Chef Thomas Enders, der vor der A380-Krise zwei Aktienpakete verkauft hatte. Im Bericht der AMF, der an die Staatsanwaltschaft übermittelt wurde, ist von "massivem Insiderhandel" zwischen Ende 2005 und Anfang 2006 die Rede.

Die Vorgeschichte der Affäre beginnt am 7. März 2006. Damals kam der EADS-Verwaltungsrat zu einer alles entscheidenden Sitzung zusammen. Laut "La Tribune" sprachen die obersten Konzernaufseher erstmals über mögliche Lieferprobleme beim Riesenflugzeug A380. Diskutiert wurde unter anderem über "schwere industrielle Schwierigkeiten und sich daraus ergebende Lieferverzögerungen".

Ergebnis der Sitzung: Statt 29 Maschinen wie geplant werde man im darauf folgenden Jahr wohl nur 24 ausliefern können. Pikant dabei: Im Protokoll der Aufsichtsratssitzung wurde nichts davon festgehalten.

Trotzdem wurden die beteiligten Personen aktiv - und zwar am Aktienmarkt. Noch am selben Tag begannen Spitzenmanager, EADS-Optionen zu verkaufen. Allen voran Konzern-Co-Chef Forgeard: Im gesamten Monat März soll er dadurch einen Gewinn von 2,5 Millionen Euro erzielt haben.

EADS-Marketing- und Strategiechef Jean-Paul Gut soll 1,15 Millionen Euro eingenommen haben, vier weitere EADS-Vorstandsmitglieder machten offenbar Gewinne zwischen 365.000 und 1,2 Millionen Euro. Der deutsche Chef der Rüstungssparte, Stefan Zoller, soll 492.880 Euro verbucht haben.

Auch Daimler steht in Verdacht

Offiziell teilte EADS die A380-Probleme erst am 13. Juni 2006 mit - drei Monate nach der Aufsichtsratssitzung. Der Aktienkurs des Unternehmens rauschte daraufhin 26 Prozent in die Tiefe. Seitdem stehen die verantwortlichen Manager im Verdacht, marktrelevante Informationen zurückgehalten und sich mittels ihres Insiderwissens selbst bereichert zu haben.

In der Folgezeit weitete sich der Skandal sogar noch aus. So gerieten auch die Hauptaktionäre Daimler und Lagardère ins Zwielicht: Sie hatten in den fraglichen Monaten ebenfalls Aktien verkauft - und zwar nicht gerade wenige. In beiden Fällen ging es um je 7,5 Prozent des EADS-Kapitals, ein Viertel des jeweiligen Aktienpakets. Nach Ermittlungen der französischen Börsenaufsicht sollen hochrangige Daimler-Manager schon seit der entscheidenden Verwaltungsratssitzung am 7. März 2006 von den A380-Problemen gewusst haben.

Zusätzliche Nahrung erhielt der Insiderverdacht durch eine Äußerung des früheren EADS-Co-Chefs und jetzigen Airbus-Chefs Thomas Enders, im Unternehmen bekannt als "Major Tom". Im kleinen Kreis erklärte er Ende 2006, warum er im Gegensatz zu anderen Managern Mitte März auf die Ausübung der ihm zustehenden Aktienoptionen verzichtet habe: "Ich hielt einen Verkauf aufgrund der mir damals vorliegenden Informationen nicht für opportun." Das klingt, als habe Enders von den Schwierigkeiten beim A380 gewusst, ein Aktienverkauf hätte sich für ihn auch gelohnt, aber er wollte sich nicht in Verdacht bringen.

Abfindung von sechs Millionen Euro

Gebracht hat das Enders allerdings nichts. Denn seit Oktober 2007 untersucht die französische Börsenaufsicht AMF auch seine eigenen Aktienkäufe. Enders hatte zuletzt im November 2005 EADS-Aktien verkauft. Er selbst argumentiert, damals sei das A380-Debakel definitiv nicht absehbar gewesen.

Insgesamt gehen die AMF-Kontrolleure gegen 17 Manager vor, außerdem gegen Daimler und Lagardère. Alle Beschuldigten streiten die Vorwürfe ab. Selbst der ehemalige französische Regierungschef Dominique de Villepin soll von den umstrittenen Aktiengeschäften gewusst haben. Das behauptet zumindest EADS-Großaktionär Arnaud Largadère, Villepin selbst weist dies zurück. Sollten sich die Anschuldigungen erhärten, drohen den Verantwortlichen Geldbußen in Millionenhöhe und sogar Haftstrafen.

Besonders bitter ist das Versagen der EADS-Manager, weil die Mitarbeiter die Hauptlast tragen. Denn wegen der A380-Probleme legte Airbus im vergangenen Jahr das Sanierungsprogramm "Power 8" auf. Wichtigster Punkt der Maßnahme: 10.000 Jobs fallen weg.

Nur einer konnte sich freuen: Ex-Chef Forgeard. Presseberichten zufolge hat sich der Manager seinen EADS-Abgang mit einer ordentlichen Summe versüßen lassen. Die Rede war von mehr als sechs Millionen Euro.



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Seite 1
5mark, 28.02.2007
1.
---Zitat von sysop--- Nach Monaten sind die Details des Airbus-Sanierungsprogrammes Power 8 bekannt - 10.000 Stellen fallen weg, in Deutschland stehen die Werke Laupheim und Varel zur Disposition. Gleichzeitig bekommt das Werk Hamburg neue Kompetenzen. Kommt Airbus so aus der Krise? Und was bedeutet die Sanierung für den Standort Deutschland? ---Zitatende--- Offensichtlich finden die Mitarbeiter der in Frage kommenden Werke diese Lösung nicht so prickelnd. Sonst wären sie wohl nicht nach Haus gegangen,wie ich grad in der Eilmeldung gelesen hab. Naja wenn man das Gefühl hat, man wird nur noch verschaukelt kommt man ganz leicht an den Punkt wo man sich sagt "Dann spielt doch alleine weiter, ich habs satt." Persönlich glaub ich ja die Krise geht jetzt erst los. Mal sehen wie europäisch wir alle wirklich sind.
jocurt, 28.02.2007
2. Es wohl ein ziemlicher Gipfel an Unverfrohrenheit...
---Zitat von 5mark--- Offensichtlich finden die Mitarbeiter der in Frage kommenden Werke diese Lösung nicht so prickelnd. Sonst wären sie wohl nicht nach Haus gegangen,wie ich grad in der Eilmeldung gelesen hab. Naja wenn man das Gefühl hat, man wird nur noch verschaukelt kommt man ganz leicht an den Punkt wo man sich sagt "Dann spielt doch alleine weiter, ich habs satt." Persönlich glaub ich ja die Krise geht jetzt erst los. Mal sehen wie europäisch wir alle wirklich sind. ---Zitatende--- das ich dem Spiegel Post entnehmen darf, dass auch eine èbergabe an das Management anstehen kann: " Dazu zählt neben einem Verkauf an Hauptzulieferer auch eine Abgabe an das Management oder die Zusammenlegung mit anderen Werken. Für den Standort Nordenham (ebenfalls Niedersachsen) sowie für Filton in Großbritannien und Méaulte in Frankreich erwägt Airbus "industrielle Partnerschaften". Für diese Standorte gebe es bereits "unaufgefordert Angebote möglicher Investoren". " Das heisst ja, erst abzocken, Karre in den Dreck fahren und die Reste gewinnbringend als MBO übernehmen. Nimmt ein Mitarbeiter eine Schraube mit, wird er wegen Diebstahl entlassen. wie nennt man das aber jetzt?
Mathesar 28.02.2007
3.
---Zitat von sysop--- Nach Monaten sind die Details des Airbus-Sanierungsprogrammes Power 8 bekannt - 10.000 Stellen fallen weg, in Deutschland stehen die Werke Laupheim und Varel zur Disposition. Gleichzeitig bekommt das Werk Hamburg neue Kompetenzen. Kommt Airbus so aus der Krise? Und was bedeutet die Sanierung für den Standort Deutschland? ---Zitatende--- Wie so häufig zeigt sich auch bei Airbus mal wieder: Wenn man etwas wirklich gegen die Wand fahren will, muß man nur die Politik mitspielen lassen. Airbus ist dafür ein profundes Beispiel.
medienquadrat, 28.02.2007
4. wie soll das denn funktionieren?
Vielleicht kann mir das endlich jemand erklären, wieso 10.000 entlassen werden sollen? Haben die ansonsten immer herumgesessen und blöd in die Gegend gestiert? Wer soll denn deren Arbeit machen? Oder haben die nichts mehr zu tun, keine Aufträge mehr, oder werden die Flugzeuge von selbst fertig, setzen sich selbsttätig zusammen? Ist das denn etwa demnächst so, dass die Flieger notdürftig zusammengekloppt ausgeliefert werden? Muss man sich Sorgen machen, um die Flugsicherheit?
AttilaR, 28.02.2007
5. Faire Verteilung
Das Management hat versagt; Verkabelungsprobleme. So hieß es. Die Auslieferungen klappten nicht . Krise. Die Folgen. Krise. Es werden ca. 10.000 oder doch nur "8.5oo" Arbeiter entlassen? Das Management wird aufgrund des beherzten Durchgreifens be- fördert und/oder bekommt Prämien. Vielleicht als Krönung eine MBO. Und die Politik? Die Politik labert von "gerechter Lastenverteilung!! Attila Keiner ist so schwer zu überzeugen, als einer, der dafür bezahhlt wird, die Sache nicht zu verstehen. (Nach einen amerikanischen Schriftsteller.)
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