Vergangenheitsbewältigung Bosch, Siemens und die Zyklon-Panne

Ein jüdischer Interessenvertreter spricht bereits von einem "großen, großen Skandal": Ein Joint-Venture von Siemens und Bosch wollte in den USA Marken schützen lassen, deren Name an das in Auschwitz eingesetzte Giftgas Zyklon B erinnert. Die Anträge sollen nun eilig zurückgezogen werden.

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Siemens-Staubsauger Cyclon: Manchmal entscheidet die Platzierung weniger Buchstaben darüber, ob ein Name Entrüstung auslöst oder nicht. Der britische Hersteller Dyson etwa vertreibt einen Sauger namens Cyclone - gestört hat das bisher niemanden
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Siemens-Staubsauger Cyclon: Manchmal entscheidet die Platzierung weniger Buchstaben darüber, ob ein Name Entrüstung auslöst oder nicht. Der britische Hersteller Dyson etwa vertreibt einen Sauger namens Cyclone - gestört hat das bisher niemanden

München/London - Der Begriff schien so harmlos - geradezu perfekt geeignet für Staubsauger und anderes Haushaltsgerät. Denn eigentlich stammt das Wort Zyklon aus der Meteorologie. Wetterkundler benutzen den Begriff, der sich vom griechischen kyklos, Kreis, ableitet, um Luftwirbel zu beschreiben. Schon seit längerem benutzten Siemens und die britische Firma Dyson die Titel Cyclon oder Cyclone als Namen für ihre Staubsauger. Dieses Gerät saugt mit der Wucht eines Wirbelsturms, lautet die PR-Assoziation.

Ebenso bekannt, wenn nicht gar bekannter, ist indes der Name Zyklon B. Die Nationalsozialisten benutzten dieses Produkt im Vernichtungslager Auschwitz, um damit jüdische und andere Insassen zu vergasen. Ein Faktum, das den Verantwortlichen beim Joint-Venture Bosch Siemens Hausgeräte (BSH) offenbar unbekannt oder entfallen war, als sie am 25. Juli 2001 zwei Anträge bei der amerikanischen Patent- und Markenschutzbehöre USPTO einreichten. Die Namen, die sie schützen lassen wollten: X-Zyklon und Mixed-Zyklon.

"Unglücklich gewählt"

Monate lang blieb alles ruhig, nirgendwo regte sich Unmut. Dann entbrannte in Großbritannien eine Diskussion über ein fast genauso benanntes Produkt einer ganz anderen Firma: Der britische Sportartikel-Hersteller Umbro verkaufte Turnschuhe mit dem Namen Zyklon - und zwar nach eigenen Angaben schon seit 1999. In diesem Sommer aber begann eine jüdische Interessengruppe nach der anderen, gegen diese offenkundige Benennungspanne zu protestieren. Die dortige Presse griff die Proteste auf und schürte die Empörung wohl auch, der Fall gewann Dynamik - bis Umbro Ende August versprach, den Schuhen einen neuen Namen zu verpassen.

Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück mit Zyklon-B-Giftgasdose: Die Bennennungspanne weckt Erinnerungen an die Verstrickungen des Siemens-Konzerns mit den NS-Machthabern
AP

Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück mit Zyklon-B-Giftgasdose: Die Bennennungspanne weckt Erinnerungen an die Verstrickungen des Siemens-Konzerns mit den NS-Machthabern

Durch einen Bericht auf der Webseite der BBC hat diese Dynamik in dieser Woche auch die BSH GmbH, die Bosch und Siemens je zu 50 Prozent gehört, erfasst und zum Handeln gezwungen. Am Donnerstag habe man Vorbereitungen getroffen, um die Patentanträge bei der USPTO zurückzuziehen, sagte BSH-Sprecherin Eva Delabre SPIEGEL ONLINE. Man bedaure, dass Irritationen entstanden seien, die Produktnamen seien in der Tat unglücklich gewählt gewesen. Niemand sei auf die Idee gekommen, X-Zyklon und Mixed-Zyklon in Verbindung mit Zyklon B zu bringen. "Das sind alles Techniker hier".

"Siemens sollte es besser wissen"

Noch ist unklar, ob BSH wirklich so leicht davonkommt und die Namensaffäre mit der Entschuldigung erledigt ist. Wie andere deutsche Großkonzerne ist auch die BSH-Mutter Siemens in den vor allem in den USA geführten Streit um eine angemessene Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus verwickelt. Siemens befindet sich in der Defensive, weil in der NS-Ära zeitweise große Teile der Konzernbelegschaft aus Fremdarbeitern, Kriegsgefangenen, jüdischen Zwangsarbeitern und Häftlingen aus Konzentrationslagern bestanden.

Kläger könnten nun versuchen, die Namens-Unbedachtheit als Argument zu nutzen, um den deutschen Konzern weiter unter Druck zu setzen. Als besonders geschmacklos könnten Kritiker werten, dass BSH die in den USA angemeldeten Namen unter anderem offenbar auch für Gasöfen benutzen wollte. Shimon Samuels, Chef des Simon Wiesenthal Zentrums Europa, griff Siemens im Gespräch mit der BBC jedenfalls scharf an und sprach von einem Skandal. "Siemens sollte es besser wissen, insbesondere weil sie Komplizen beim Einsatz von Zwangsarbeitern waren", wird Samuels in dem Bericht zitiert.



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