Verhängnisvolle Sicherheitslücke Wie eine Ein-Mann-Firma vorgab, halb Japan gekauft zu haben

Eine obskure Zwergfirma versetzt ganz Japan in Aufruhr: Auf der Webseite der staatlichen Finanzaufsicht gibt sie bekannt, auf einen Schlag Toyota, Sony, NTT, Mitsubishi und Fuji übernommen zu haben - eine Falschmeldung, die eklatante Sicherheitsmängel offenbart.

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Tokio - Die Teramento Corporation war bislang keine Firma, deren strategische Manöver in der internationalen Finanzwelt Aufsehen erregt haben. Laut japanischem Handelsregister verfügt das Unternehmen über sieben Euro Kapital und genau einen Mitarbeiter: den Gründer selbst.

Webseite der japanischen Finanzaufsicht: Eklatante Sicherheitsmängel

Webseite der japanischen Finanzaufsicht: Eklatante Sicherheitsmängel

Letzten Freitag änderte sich der Bekanntheitsgrad der Zwergfirma schlagartig - Teramento schockte die japanische Finanzwelt mit einem Coup, den einem so kleinen Unternehmen niemand zugetraut hatte: Kurz nach Börsenschluss gab die Firma bekannt, soeben halb Japan übernommen zu haben.

Teramento besitze ab sofort 51 Prozent an Toyota, Sony, NTT, Mitsubishi und Fuji, schrieb der Unternehmenschef in einer offiziellen Erklärung auf der Webseite der japanischen Finanzaufsicht. Geschätzter Wert der vermeintlichen Transaktion: gut 129 Milliarden Euro.

Binnen Minuten entfachte diese Behauptung einen veritablen Tsunami unter den Anlegern - denn die Internet-Seite der Finanzaufsicht wird von Investoren scharf beobachtet. Seit April 2007 veröffentlicht hier alles, was in der Börsenwelt Rang und Namen hat, seine Deals - vor allem die, die fünf Prozent des Kapitals eines börsennotierten Unternehmens überschreiten.

Ein japanischer Kerviel?

Zweifel regten sich: War das ganze der schlechte Scherz eines Schelms? Der clevere Coup eines Finanz-Amokläufers à la Jérôme Kerviel? Oder schlang da doch ein mysteriöser, böser Finanz-Krake seine Arme um Japan? Die Telefone der Finanzaufsicht standen nicht mehr still.

"Die meisten Anleger haben sofort begriffen, dass es sich um eine Falschmeldung handeln muss", sagt Hitoshi Hirokawa, Pressesprecher der japanischen Finanzaufsicht, SPIEGEL ONLINE. "Trotzdem war die Verwirrung natürlich erst mal groß."

Die betroffenen Konzerne reagierten flugs, dementierten die Übernahmen noch am Freitag, die japanische Finanzaufsicht schob am Montag ein offizielles Statement hinterher. Nur die Teramento hat ihre Übernahmegeschäfte bislang nicht dementiert.

"Wir haben den Firmengründer mehrfach kontaktiert und ihn gebeten, seine Anzeigen zu entfernen", sagt Hirokawa. Sogar eine Strafe von umgerechnet 6400 Euro habe man ihm angedroht - bislang ohne Erfolg.

Aktienkäufe ohne Konto

Die Motive des Täters sind nach derzeitigem Wissensstand unklar. "Was wir wissen ist, dass der Teramento-Chef bei einem Wertpapierhändler den Kauf größerer Aktienposten in Auftrag gegeben hat", sagt Hirokawa. "Allerdings hat er dort nie ein Konto eröffnet, was Aktienkäufe faktisch unmöglich macht."

Trotzdem glaubte der Mann offenbar felsenfest daran, der Händler habe seinem Geheiß Folge geleistet: "Wir haben ihn angerufen und gefragt, warum er die Anzeige bei uns geschaltet hat - er antwortete, er sei davon ausgegangen, die Aktien seien inzwischen gekauft worden", sagt Hirokawa.

Der Zeitung "Yomiuri Shimbun" zufolge ist der Teramento-Chef so etwas wie ein kleiner Kerviel - er wollte, wie der Franzose, offenbar "nur spielen". Ja, er habe eine Erklärung auf die Seite der Finanzaufsicht eingestellt, sagte er der Zeitung. Aber er hätte nie gedacht, dass diese Erklärung tatsächlich veröffentlicht werde.

Laxe Kontrollen

Ganz gleich, ob es sich um ein absichtliches oder um ein versehentliches Täuschungsmanöver gehandelt hat - für die japanische Finanzaufsicht hat der Fall einen bitteren Nachgeschmack. Wie der Fall Teramento zeigt, können Firmen fast ohne Kontrolle Erklärungen auf der Seite veröffentlichen.

"Wir prüfen bei der Registrierung bislang nur, ob die betreffende Firma oder Person wirklich existiert", räumt Hirokawa ein. Danach könnten Firmen die Seite nach Belieben nutzen. "Wir haben nicht gedacht, dass irgendjemand dabei etwas Böses im Sinn haben könnte."

Nach dem Vorfall habe man sofort eine Task Force gegründet, die sich des Problems annimmt: "Wir wollen das System schnell sicher machen, allerdings ohne es allzu sehr zu verkomplizieren", sagt Hirokawa. Das System müsse nach wie vor schnell und leicht zu bedienen sein. "Der derzeitige Zustand ist aber völlig inakzeptabel."

Mit Material von AFP



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