Verhandlungen geplatzt Lokführer in Streiklaune - Tarifkampf-Chaos erschüttert Bahn

Adventsdesaster für die Bahn: Urplötzlich hat die GDL die Tarifverhandlungen abgebrochen - jetzt drohen kurz vor Weihnachten neue Streiks. Als ob das nicht genüg wäre, begehrt auch die Konkurrenzgewerkschaft Transnet auf: Sie überlegt überraschend, alle Tarifverträge zu kündigen.


Hamburg – Eins muss man GDL-Chef Manfred Schell lassen: Die Überraschung ist ihm geglückt. Auch mehrere Funktionäre seiner Lokführergewerkschaft, die SPIEGEL ONLINE kontaktiert hat, wussten noch nichts von dem Abbruch der Tarifgespräche mit der Deutschen Bahn. Urplötzlich hat die Gewerkschaft ein für heute um 18.30 Uhr angesetztes Spitzentreffen mit Bahn-Verhandlungsführern und den Chefs der beiden Konkurrenzgewerkschaften Transnet und GDBA abgesagt.

Schell, Mehdorn (l.): "Atmosphärisch" seien die Verhandlungen gut gelaufen, sagt die Bahn
DDP

Schell, Mehdorn (l.): "Atmosphärisch" seien die Verhandlungen gut gelaufen, sagt die Bahn

Dabei schien der Weg zu einer Lösung endlich frei: Nach monatelangem Zank hatten sich Bahn und GDL darauf geeinigt, einen "eigenständigen Tarifvertrag" für Lokführer auszuhandeln. Gleichzeitig würden die drei Bahn-Gewerkschaften einen Kooperationsvertrag für künftige Tarifgespräche aushandeln. In ihm sollten drei Punkte geregelt werden, sagte Transnet-Chef Norbert Hansen SPIEGEL ONLINE: Erstens die Abstimmung der tarifpolitischen Forderungen der verschiedenen Gewerkschaften; zweitens die Zuständigkeitsgebiete der Gewerkschaften; drittens "die Frage der Verhandlungsabläufe".

Alles lief geordnet: Die Vereinbarung für die Zusammenarbeit zwischen GDL, Transnet und GDBA wurde in den vergangenen Tagen von den Fachleuten des Konzerns und der Gewerkschaften fachlich vorbereitet - dabei sei "atmosphärisch" auch noch alles in bester Ordnung gewesen, sagt zumindest ein Bahnsprecher. Unüberbrückbare Gegensätze seien nicht absehbar gewesen.

Bei dem für heute Abend angesetzten Spitzentreffen zwischen Bahnchef Hartmut Mehdorn, Bahn-Personalvorstand Margret Suckale, GDL-Chef Schell und den Chefs von Transnet und GDBA, Norbert Hansen und Klaus-Dieter Hommel, sollten die Eckpunkte der Vereinbarung festgeklopft werden.

Doch dann das plötzliche Aus. Warum sie die Verhandlungen abgebrochen hat, will die GDL erst morgen um 14 Uhr mitteilen - heute hüllt sie sich in Schweigen. So lässt sich nur aus Indizien lesen.

Wollte die Bahn die Gewerkschaften zu eng aneinanderbinden? Ein Sprecher der Bahn erklärt, in der Kooperationsvereinbarung sollten GDL, Transnet und GDBA klären, wer "welche Stücke vom Kuchen" fordert: "Es soll vermieden werden, dass die Lohnforderungen sich gegenseitig hochschaukeln." Gewerkschaftschef Schell hatte im Laufe des Konflikts aber immer deutlich gesagt, sich bei Gehältern und Arbeitszeiten der Lokführer überhaupt nicht hineinreden lassen zu wollen.

Klar ist: Die geplatzten Tarifverhandlungen sind eine Katastrophe für den Konzern. Denn kaum hat Schell wieder zum Aufstand gerufen, meldet sich auch Transnet-Chef Hansen lautstark zu Wort. Sollte den Lokführern zu viel zugestanden werden, "könnte die Konkurrenzklausel wieder eine Rolle spielen", sagt er. Damit gemeint: Transnet und GDBA hatten im Sommer mit der Bahn Lohnerhöhungen von 4,5 Prozent vereinbart. Sollte aber eine Berufsgruppe - sprich: die Lokführer - unverhältnismäßig bessere Konditionen herausschlagen, kann die Transnet die Vereinbarung aufkündigen.

Und Hansen setzt noch einen drauf: Man denke sogar darüber nach, "alle bestehenden Tarifverträge aufzukündigen", sagt er. Dann müssten alle Bedingungen neu verhandelt werden - und ab Januar wäre man "raus aus der Friedenspflicht".

Transnet befürchtet offensichtlich, angesichts der neu aufgeflammten Kampfbereitschaft der GDL erneut Mitglieder an die Konkurrenzvereinigung zu verlieren. Hansen formuliert es so: Er vermute, die GDL wolle "über ihr Zuständigkeitsgebiet hinaus" agieren.



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