Verkauf der Dresdner Bank Warum Deutschland eine neue Superbank braucht

Beim Verkauf der Dresdner Bank steht viel auf dem Spiel: Eine geglückte Übernahme durch die Commerzbank wird die deutsche Finanzbranche von Grund auf verändern. Experten sehen darin das einzige Mittel gegen die Verzwergung einer ganzen Branche.

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Hamburg - Es wäre ein Durchbruch nach jahrelangem Zaudern: Die Commerzbank steht Zeitungsberichten zufolge kurz vor der Übernahme der Dresdner Bank. Die Grundzüge der Transaktion sollen geklärt sein, eine Entscheidung steht laut Insidern noch in diesem Monat an.

Banken-Skyline in Frankfurt: Kampf um die Neuordnung des Privatsektors
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Banken-Skyline in Frankfurt: Kampf um die Neuordnung des Privatsektors

Viel steht auf dem Spiel, bei den Gesprächen von Allianz-Chef Michael Diekmann mit der Commerzbank-Spitze unter Martin Blessing: Es geht um die Neuordnung des deutschen Privatbanken-Sektors. Denn durch den Zusammenschluss wüchse neben der Deutschen Bank ein zweites nationales Superinstitut mit rund zehn Millionen Kunden heran.

Die Fusion von Commerzbank und Dresdner Bank könnte zudem nur das Vorspiel für weitere Fusionen sein. Mittelfristig, sagen Experten, sei ein Dreierbündnis mit der Postbank denkbar, vorausgesetzt, die Deutsche Bank schnappt der Konkurrenz die Deutsche-Post-Tochter nicht aus Selbstschutz vor der Nase weg.

Ein Zusammenschluss wäre ein wichtiger Schritt, um die Konsolidierung der Bankenbranche voranzutreiben - und die halten Branchenkenner für längst überfällig. Denn im Vergleich zu Giganten wie der chinesischen ICBC (Marktkapitalisierung: 248 Milliarden Dollar) oder der britischen HSBC (189,9 Milliarden) wirken Deutsche Geldhäuser wie Zwerge. Gemessen an ihrem Börsenwert belegt die Deutsche Bank weltweit gerade Mal Rang 32, die Commerzbank Rang 84.

Die größten Banken an der Börse

Rang Bank Land Börsenwert (Mrd. Dollar)
1 ICBC China 248
2 HSBC Großbritannien 189,9
3 China Construction Bank China 188,5
4 Bank of China China 143,6
5 JP Morgan Chase USA 128,2
6 Banco Santander Spanien 115,3
7 Bank of America USA 115,2
8 Citigroup USA 100,6
9 Mitsubishi UFJ Japan 99,6
10 BNP Paribas Frankreich 84,4
32 Deutsche Bank Deutschland 47,9
80 Commerzbank Deutschland 20
119 Postbank Deutschland 13,9

Quelle: Bloomberg, Börsenwerte gerundet

Im globalen Vergleich ist die Commerzbank somit längst selbst zum Übernahmekandidat geschrumpft. Und Institute wie die spanische Santander, die italienische Intesa Sanpaolo oder die niederländische ING fallen auf dem deutschen Markt durch wachsenden Übernahmehunger auf. So gesehen ist der Kauf der Dresdner Bank für die Commerzbank nicht zuletzt auch ein Akt der Selbstverteidigung.

Dazu bietet der Zusammenschluss zahlreiche Spar- und Synergievorteile. Allein bei der Informationstechnologie, dem Zentralbereich des modernen Bankenwesens, lassen sich Milliardenbeträge einsparen. Die Durchschnittskosten je Kunde würden dadurch signifikant sinken, die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutlich steigen.

Durch Zusammenschlüsse auf nationaler Ebene bekommen die Konzerne zudem das nötige Kapital und die nötige Größe, selbst im Ausland aktiv zu werden. Und das ist Experten zufolge bitter nötig: "Banken aus ganz Europa drängen in den deutschen Markt, umgekehrt nutzen viele deutsche Institute ihre Wachstumschancen im Ausland nicht konsequent aus", sagt Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums, SPIEGEL ONLINE. Er halte das für einen schwerwiegenden strategischen Fehler.

Es gibt also jede Menge vernünftige Gründe, die Konsolidierung des Bankensektors voranzutreiben. Umso absurder scheint es, dass deutsche Großbanken Gelegenheiten, dies zu tun, regelmäßig nicht ausnutzen. Eine Fusion von Dresdner und Deutscher Bank scheiterte 2000 auf der Zielgeraden an internem Widerstand. Die HypoVereinsbank ging 2005 fast ohne Gegenwehr an die italienische UniCredit. Und kürzlich unterlag die Deutsche Bank im Bieterwettbewerb um das deutsche Privatkundengeschäft der Citigroup Chart zeigen gegen die hierzulande eher unbekannte französische Genossenschaftsbank Crédit Mutuel.

Durch solcherlei Rückschläge verlieren die deutschen Kreditinstitute gegenüber der ausländischen Konkurrenz immer mehr an Boden - und das in einer der wichtigsten deutschen Branchen, deren Erlöse im Gegensatz zu vielen anderen Märkten noch immer wachsen. Dass die deutschen Banker dennoch unter so starken Bindungsängsten leiden, hat folgende Gründe:

  • Geld: Viele geplante Übernahmen scheitern an der Bereitschaft der Käufer, für einen strategischen Vorteil im eigenen Markt hohe Preise zu zahlen. Derzeit droht der Verkauf der Postbank genau daran zu scheitern.
  • Posten-Geschacher: Schließen sich zwei Banken zusammen, muss ein Chef gehen. Top-Banker gelten aber als Persönlichkeiten, die ihren Posten räumen, um eine Fusion zu ermöglichen.
  • Arbeitskämpfe: Synergieeffekte von Zusammenschlüssen lassen sich nur nutzen, wenn in ihrer Folge Jobs und überflüssige Filialen wegrationalisiert werden. In den Unternehmen verursachen Fusions- und Übernahmegerüchte so ein Klima der Angst und Drohungen der verantwortlichen Gewerkschaften.

Auch bei der Übernahme der Dresdner Bank spielen diese Hemmnisse eine zentrale Rolle. Vor allem beim Kaufpreis hakt es offenbar noch. Etwas mehr als neun Milliarden Euro soll die Commerzbank zahlen. Er sei skeptisch, "ob das realistische Preisvorstellungen sind", sagt Dieter Hein, Finanzexperte beim Investoren-Recherchedienst Fair Research, SPIEGEL ONLINE. Er bezweifle, dass das Geldhaus auf diese Forderung eingeht.

Auch ein anderer zentraler Punkt der Übernahme sei noch ungeklärt: Wer soll mögliche Finanzrisiken der Dresdner Bank tragen? Die Allianz, derzeitiger Dresdner-Alleinaktionär, soll einem Zeitungsbericht zufolge für Wertberichtigungen von rund einer Milliarde Euro geradestehen, die möglicherweise noch in der Bilanz des Instituts stecken. "Das ist ein schweres Paket, das die Verhandlungen stark belastet", sagt Bankenexperte Gerke.

Insgesamt schätzen Branchenkenner die Chancen für eine erfolgreiche Übernahme aber höher ein als bei vorigen Versuchen. "Die Commerzbank steht finanziell derzeit gut da, und die Allianz hat mit der Dresdner Bank bislang keine Gewinne erzielen können. Entsprechend hoch ist ihr Verkaufsdruck", erläutert Finanzexperte Hein.

Auch Bankenkenner Gerke gibt sich zuversichtlich, dass die Übernahme dieses Mal klappt. Allerdings gebe es für ein erfolgreiches Geschäft nur ein kleines Zeitfenster. "Die Beteiligten müssen sich schnell einigen, sonst droht das Geschäft erneut zu scheitern."

Doch auch für diesen Fall hat die Allianz offenbar vorgesorgt: Berichten zufolge verhandelt sie neben der Commerzbank noch mit der China Development Bank.



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