Verkaufsplan Großaktionär zwingt Bertelsmann an die Börse

Kulturschock in Gütersloh: Der belgische Großaktionär GBL will den Medienkonzern Bertelsmann an die Börse bringen. Die Gründerfamilie Mohn soll dagegen sein - muss sich aber wohl fügen, weil es so vereinbart wurde.


Gütersloh/Brüssel - Die belgische Groupe Bruxelles Lambert hält ein Viertel am größten Medienkonzern Europas und hat entschieden, Anteile an den Aktienmarkt zu bringen. Das teilte GBL am Morgen mit. Als die Gruppe 2001 bei Bertelsmann einstieg, war vereinbart worden, dass GBL eine solche Aktienemission verlangen kann. Der frühstmögliche Zeitpunkt ist der Vereinbarung zufolge Ende Mai 2006. GBL besitzt 25,1 Prozent an Bertelsmann.

Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn vor der Ahnengalerie: Passt der Traditionskonzern an die Börse?

Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn vor der Ahnengalerie: Passt der Traditionskonzern an die Börse?

Die belgische Gruppe gehört den Familien Frère und Desmarais. Sie teilte mit, man wolle ein günstiges Marktumfeld abwarten und nannte keinen Termin für den Anteilsverkauf.

Bertelsmann teilte am Morgen mit, man sei bereit für einen Börsengang. Vorstandschef Gunter Thielen sagte in einer Mitteilung: "Wir haben uns in den vergangenen Jahren auf einen möglichen Börsengang intensiv vorbereitet." Diese Vorbereitungen beträfen den Konzernabschluss, außerdem habe man bereits "von Banken- auf Kapitalmarktfinanzierung umgestellt", so Thielen laut Mitteilung.

Was denken die Mohns?

Thielen hatte indes noch im Dezember vor 600 Bertelsmann-Managern gesagt, ein Börsengang sei nicht absehbar. Es darf auch bezweifelt werden, dass die Bertelsmann-Eigentümerfamilie Mohn von den Börsenplänen begeistert ist. Bankern zufolge waren die Mohns bis zuletzt gegen eine Aktienemission. Die Familie kontrolliert die restlichen 75 Prozent an Bertelsmann. 17,3 Prozent der Anteile liegen beim Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn und seiner Familie, die Bertelsmann-Stiftung mit ihrer Vorsitzenden Liz Mohn hält 57,6 Prozent.

Der Bertelsmann-Börsengang wäre weltweit einer der größten in der Branche und könnte nach Einschätzung von Bankern 20 bis 24 Milliarden Euro schwer sein, wenn alle Anteile an die Börse kämen. Eine Börsenplatzierung der GBL-Anteile allein könnte demnach fünf Milliarden Euro und mehr einspielen.

GBL hatte seinen Anteil an Bertelsmann in einer Art Tauschgeschäft erworben, als der deutsche Medienkonzern vor fünf Jahren von GBL Anteile an der RTL Group übernahm. Middelhoff akzeptierte damals die Klausel, dass GBL einen Börsengang erwirken kann. Die Börsenüberlegungen waren am Bertelsmann-Sitz Gütersloh aber immer ein Politikum. Middelhoff soll seinen Posten auch deshalb verloren haben, weil er, trotz des Widerstandes der Mohns, einen IPO vorantreiben wollte.

Sollte GBL doch noch auf einen Börsengang verzichten und seine Anteile auf anderem Wege verkaufen wollen, hätten die Mohns ein Vorkaufsrecht. Sie hatten aber in der Vergangenheit signalisiert, dass sie die 25,1 Prozent nicht zurückerwerben wollten.



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