Verlagskrise: Finanzinvestoren stürzen sich auf US-Blätter

Von , New York

Der US-Zeitungsmarkt schlittert in eine tiefe Krise: Auflagen schrumpfen, Anzeigen schwinden, Kurse stürzen. Bei der "New York Times" kracht es jetzt gewaltig. Ein Hedgefonds hat Anteile an dem Familienverlag gekauft - und drängt auf einen Kurswechsel.

New York - Scott Galloway ist ein etwas anderer Hedgefonds-Manager. Der 43-jährige New Yorker mit dem markanten Dreitagebart, der gerne per Helikopter vom Flughafen zur Wall Street pendelt, tritt schon mal als halbnacktes Model in Modeschauen auf, angetan mit Schottenkilt und Schwert. Und in seinem Nebenjob als Wirtschaftsprofessor der New York University faucht er seine Studenten an. "Er ist ein Arschloch", klagte einer neulich im "New York Magazine". "Aber er zieht."

Dieselbe Haudegenpose nimmt Galloway jetzt auch mit seinem jüngsten Opfer ein - der "New York Times". In der Woche vor Weihnachten begann sein Firebrand-Fonds leise, gemeinsam mit dem Harbinger-Fonds des Firmenjägers Philip Falcone, "NYT"-Aktien aufzukaufen. Zum Jahreswechsel besaßen sie bereits 4,9 Prozent. Diese Woche erhöhten sie ihren Anteil auf 14,3 Millionen Aktien - 9,96 Prozent. Damit sind sie die zweitgrößten Fremdinvestoren an dem Verlag, nach dem Wall-Street-Konzern T. Rowe Price.

Was es mit dieser stillen Machtergreifung auf sich hat, machte Galloway am Wochenende klar - in einem offenen Brandbrief an Verleger Arthur Sulzberger, dessen Familie die "NYT"-Kontrollmehrheit hält, und an Verlagspräsidentin Janet Robinson. "Ich hoffe, Euch geht es gut", begann er, um dann zum Schlag auszuholen: Das Geschäftsmodell der "NYT" wanke, Shareholder-Value werde zerstört, die Tradition journalistischer Exzellenz sei bedroht.

Dann der Paukenschlag: Damit der Verlag einen neuen, profitableren Kurs einschlage, wollten Firebrand und Harbinger vier eigene Direktoren für das "NYT"-Board nominieren. Am Selbstbestimmungsrecht der Sulzbergers solle das nichts ändern, versicherte Galloway: "Es bleibt unsere Absicht, diese Anstrengung im Geiste der Kooperation zu verfolgen." Er schloss mit der höflichen Bitte um Rückruf.

Dieses Jahr wird miserabel

Sulzberger reagierte kühl, zumindest nach außen. "Wie immer sind wir offen für Ideen von unseren Investoren und den Dialog mit ihnen", erklärte Verlagssprecherin Catherine Mathis.

Es ist bereits das zweite Mal binnen kurzer Zeit, dass die bekannteste, wenn nicht beste Zeitung der Welt Gegenstand einer Aktionärsrevolte wird. Vergangenes Jahr war das Wall-Street-Haus Morgan Stanley mit dem Versuch gescheitert, die Zweiklassen-Aktienstruktur bei der "NYT" zu kippen und die Sulzbergers vom Thron zu stoßen. Die Bank hatte ihre Anteile daraufhin abgestoßen. Galloway versucht es nun auf die sanfte Tour: Er will die Mehrheit der Verlegerfamilie nicht antasten, aber trotzdem das Ruder herumreißen - von innen.

Nicht nur deshalb könnten seine Chancen besser sein. Denn wenn letztes Jahr ein schlechtes Jahr für die US-Zeitungsbranche war, dann wird dieses Jahr ein miserables. "Ich bin ein Optimist, aber es ist sehr schwer, den Zustand noch positiv zu sehen", sagte Brian Tierney, der Verleger des "Philadelphia Inquirer", neulich in einem Interview mit - ausgerechnet - der "NYT". "Ich glaube, dass es einige Zeitungen nicht überleben werden."

Harte Worte, doch berechtigt - vor allem aus dem Mund von einem, der sich noch 2006 hoffnungsvoll den größten Verlag Philadelphias gekauft hatte. Die Lage ist, wie selbst die "NYT" jetzt zugab, "ernst wie seit Generationen nicht".

Zyklische und strukturelle Schwächen

Der US-Printmarkt taumelt von einer Krise in die nächste: Auflagen schrumpfen, Anzeigenumsätze schwinden, Kosten steigen, Gewinne brechen ein, Kurse stürzen ab. Aktuell kommt noch die allgemeine Rezessionsangst hinzu. "Die Konjunktur wird dieses Jahr wohl keinen Schub bringen", sagt Frank Anton, CEO des Immobilien-Fachverlags Hanley Wood.

Zyklische und strukturelle Schwächen haben sich zum "perfect storm" vereint. Der kombinierte US-Anzeigenumsatz aus Print und Online sank 2007 um sieben Prozent. Nach Angaben des Branchenverbands Newspaper Association of America (NAA) gab es einen solchen Sturz seit dem Zweiten Weltkrieg nur einmal - während der Rezession 2001. Inflationsbereinigt lag der Anzeigenumsatz im vergangenen Jahr 20 Prozent unter dem von 2000.

Ein Großteil der Werbung - vor allem Stellen-, Auto- und Immobilienanzeigen - ist ins Internet abgewandert, was die Print-Verluste aber nicht wettmachen kann. Nun trifft die Verlage auch noch die Immobilienkrise, weil immer weniger Unternehmen Inserate schalten.

Auflage und Auflagenumsatz sinken schon seit 2003. Davon sind viele der größten Blätter betroffen, darunter die "Los Angeles Times", der "San Francisco Chronicle" und der "Boston Globe" (letzterer gehört zum "NYT"-Verlag). Die "LA Times" liegt mit 800.000 Exemplaren ein Fünftel unter ihrer Auflage vom Jahr 2000.

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