Krise beim Pariser Vergnügungspark Euro Disney in der Mäusefalle

Disneyland Paris steckt in der Krise. Europas größter Vergnügungspark leidet unter Millionenverlusten, unzufriedenen Besuchern, Zoff mit den Gewerkschaften. Aber für einen echten Neuanfang fehlt den Betreibern das Geld.

Von

Disneyland Paris: Heiße Luft und rote Zahlen
AP/ Sylvain Cambon

Disneyland Paris: Heiße Luft und rote Zahlen


Guillaume Gallant ist leidenschaftlicher Disney-Fan. Eben deswegen stellt er den Konzern nun an den Pranger. Um Disneyland Paris vor dem Verfall zu bewahren, wie er meint. Denn als der Belgier kürzlich mal wieder Europas größten Vergnügungspark besuchte, da waren zwei Fahrgeschäfte geschlossen, vier Shows abgesagt - und zu allem Übel kam ihm das Essen in einem der besten Restaurants des Parks auch noch aufgewärmt vor. "Schockiert" sei er gewesen, sagt Gallant. So schockiert, dass er gleich eine Petition an die Walt Disney Company schrieb, den Hauptaktionär der Pariser Betreibergesellschaft Euro Disney.

Und den Brandbrief ins Internet stellte - in sechs Sprachen.

Mehr als 7000 Menschen haben die Petition des Brüsseler Werbetexters bereits unterschrieben. "Die vielen Haushaltskürzungen, bezogen auf Wartung, Entertainment und Verpflegung haben das Resort in einen inakzeptablen Zustand versetzt," klagt Gallant, in einen "Disney-unwürdigen Zustand".

Europas Disneyland produziert derzeit eine Negativschlagzeile nach der anderen. Während Disneys US-Parks wahre Dollar-Druckmaschinen sind, die hohe Preise mit meist perfektem Service paaren, schreibt Paris trotz beachtlicher Besucherzahlen Millionenverluste. Rigide Kostensenkungsprogramme von Vorstandschef Philippe Gas sorgen für Unmut bei Besuchern wie Mitarbeitern. Und nach einem schweren Unfall Ende Oktober, als ein Kind aus einer Wasserbahn stürzte und schwer verletzt wurde, wirft nun ein Suizidversuch zusätzliche Schatten auf die vermeintlich heile Welt von Mickey Mouse, Schneewittchen, Arielle & Co.

Angeblich "erniedrigende" Arbeitsbedingungen

Ein Gartenarbeiter von Disneyland Paris überschüttete sich mit Benzin und zückte sein Feuerzeug, kurz nachdem ihn Vorgesetzte zum Gespräch einbestellt hatten. Erst in letzter Sekunde konnte ein Kollege verhindern, dass der Mann sich selbst in Brand steckte. Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art. Schon 2010 hatten sich zwei Disneyland-Paris-Angestellte das Leben genommen. Einer schrieb in seiner Abschiedsbotschaft: "Ich will nicht zu Mickey zurück." Gewerkschafter behaupteten, "erniedrigende" Arbeitsbedingungen im Resort des ewigen Lächelns seien für die Suizide verantwortlich. Diesen Vorwurf weist Euro-Disney-Sprecher Laurent Manologlou gegenüber SPIEGEL ONLINE zurück: Ein Untersuchungskomitee habe keine Beweise für einen Zusammenhang mit dem Arbeitsumfeld gefunden.

Den jüngsten Selbstmordversuch will die Gewerkschaftsvereinigung UNSA nun selbst untersuchen. Ihr zufolge werden viele Disneyland-Paris-Mitarbeiter immer unzufriedener. Einen "Verfall des Betriebsklimas", "fehlenden Dialog" und eine "Verschärfung der Disziplinarmaßnahmen" beklagt die UNSA in einem Brief an Vorstandschef Gas, der SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Euro Disney hat rund 1,7 Milliarden Euro Schulden

Gas steht unter Druck. Knapp 15 Millionen Gäste hat Disneyland Paris im abgelaufenen Fiskaljahr 2012/13 angezogen, fast so viele wie Eiffelturm und Louvre zusammen. Laut Euro Disney ist es "die größte Touristenattraktion Europas". Aber gegenüber 2011/2012 verzeichnet Euro Disney einen Rückgang um mehr als eine Million Besucher. Der Chef schiebt den Schwund auf die Euro-Krise und schlechtes Wetter. Zudem "haben wir es geschafft, die Ausgaben pro Kopf zu steigern", sagt Gas. Aber auch er kann nicht leugnen, dass Euro Disney nun schon seit 2008 Verluste macht: zuletzt rund 78 Millionen Euro. Seit seinem Start 1992 hat der Park öfter rote als schwarze Zahlen geschrieben.

Die Fans fordern nun eine Rundumerneuerung. Aber Euro Disney fehlt das Geld dafür. Unter anderem weil das Unternehmen Jahr für Jahr mehr als 70 Millionen Euro Lizenzgebühren an die Walt Disney Company abführen muss, die knapp 40 Prozent der Anteile hält. Der Rest verteilt sich auf den saudischen Prinzen Waleed bin Talal al-Saud sowie zunehmend frustrierte Kleinaktionäre. Außerdem drücken Euro Disney bis heute rund 1,7 Milliarden Euro Schulden: Altlasten aus der Aufbauzeit.

Immerhin scheint die US-Mutter noch an die Europa-Tochter zu glauben. Vergangenes Jahr hat sie die Schulden aufgekauft, die Tilgung gestreckt und die Zinsen teilweise gesenkt. Das bringt Euro Disney etwas mehr Spielraum für Investitionen. Im Sommer 2014 will Gas ein neues Fahrgeschäft rund um den Film "Ratatouille" eröffnen: "eine einzigartige Attraktion, die es weltweit so noch nicht gegeben hat". Dass "Ratatouille" kaum für die große Trendwende genügt, schwant den Betreibern selbst. "Wir sind in einer guten Position, um positive Resultate zu erreichen, sobald die Wirtschaftskrise zu Ende geht", sagt Sprecher Manologlou. Übersetzt heißt das: So lange Europas Konjunktur schwächelt, kommt auch Euro Disney nicht aus den roten Zahlen. Und Disney-Fan Guillaume Gallant muss weiter um das Land seiner Träume bangen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.