Vermögensteuer "Der Glaube an den Markt ist grandios gescheitert"

Der Staat macht im Rekordtempo Schulden, Ökonomen raten deshalb zur Erhöhung der Vermögensteuer. Dem Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann ist das noch zu wenig: Er fordert globale Steuer- und Kapitalregeln - und will Reichen in Seminaren die Huldigung des Marktes austreiben.


SPIEGEL ONLINE: Die Staatsschulden explodieren, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) plädiert deshalb dafür, reiche Deutsche stärker in die Pflicht zu nehmen. Die Ökonomen fordern: Rauf mit der Vermögensteuer! Ist das sozial gerecht?

Thielemann: Das Grundprinzip stimmt. Die Weltwirtschaft steckt nicht zuletzt dadurch in einer Jahrhundertkrise, weil gierige Investoren mit Hilfe ebenso gieriger Manager eine gigantische Vermögenspyramide aufgetürmt haben. Für diese Eskapaden müssen nun die Steuerzahler büßen, die Staatsschulden steigen. Reiche stärker in die Verantwortung zu nehmen, ist deshalb ein Gebot der Fairness.

SPIEGEL ONLINE: Das DIW sieht das ähnlich und macht deshalb noch mehr Vorschläge. Es plädiert auch für eine breitere Bemessungsgrundlage bei der Erbschaftsteuer.

Thielemann: Ebenfalls ein guter Vorschlag. Warum sollen die, die viel erben, bessere Chancen haben, sich zu verwirklichen, als die, die erst hart arbeiten müssen, ehe sie einen ebenbürtigen Status erreichen? Eine Erbschaftsteuer sorgt für Leistungs- und Chancengerechtigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Weiterhin kritisieren Ökonomen exorbitante Löhne und Abfindungen für Spitzenmanager. Es wird erwartet, dass Porsche-Chef Wendelin Wiedeking für seinen wahrscheinlichen Rausschmiss viele Millionen Euro bekommt. Selbst wenn die Vermögensteuer drastisch steigt, dürften viele Menschen das als sozial ungerecht empfinden.

Thielemann: Ich würde lieber von unfair sprechen. Die Menschen spüren, dass solche Vergütungen nicht leistungsgerecht sind. Solche Vergütungen sprengen jedes Maß. Sie lassen sich mit keiner Anstrengung dieser Welt rechtfertigen. Vermögen wachsen ohne Gegensteuer weit überproportional zum sonstigen Wachstum. Immer größere Anteile der weltwirtschaftlichen Wertschöpfung wandern an die "super rich". Dies ist nicht leistungsgerecht. Und es führt zur Bildung von Finanzdynastien, die dem Leitbild der sozialen Marktwirtschaft, Wohlstand für alle statt nur für wenige zu schaffen, klar verspricht.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern also Obergrenzen für Managergehälter, Boni und Abfindungen?

Thielemann: Ja, aber nicht in absoluten Zahlen, sondern nur, was die Anteile variabler Vergütungen anbelangt. Mit den Boni hat das Kapital die Unternehmen gleichsam gekapert. Durch die "Anreize" zog die ökonomische Radikalität ins Management ein. Mitarbeiter wurden zu Kostenfaktoren degradiert. Entlassungen und Druck auf Beschäftigte wurde fürstlich mit Boni belohnt. Eine Beschränkung der Boni gibt den Weg frei für eine verantwortungsvolle Unternehmensführung. Ansonsten ist die Versuchung zu groß, dass sich das Management seine Integrität abkaufen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Klingt hübsch - aber wenn Sie das Kapital zu stark gängeln und schröpfen, ziehen die doch einfach ins Ausland.

Thielemann: Man muss differenzieren. Abwanderung bloß mit dem Geld, aber weiter im Land wohnhaft bleiben, dies ist Steuerhinterziehung. Sie wird verhindert, indem der internationale Informationsaustausch eingeführt und das Spiel der Steueroasen ein Ende hat. Wenn sie auswandern wollen, bitteschön. Aber Steuerprivilegien für Zuwanderer sind ebenfalls illegitim.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern also globale Steuer- und Kapitalregeln?

Thielemann: Es gilt dem Wohnsitzprinzip und dem Welteinkommensprinzip Nachachtung zu verschaffen: Die Leute mit ihrem kompletten Einkommen dort besteuern, wo sie wohnen. Daran sollten sich Politiker, Wissenschaftler und Manager ethisch abarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Ein Mentalitätswandel muss her?

Grafik: Vermögensteuern im Ländervergleich
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Grafik: Vermögensteuern im Ländervergleich

Thielemann: Ja, man muss die Ökonomie auch als normative Wissenschaft begreifen. Leider wurde bislang die falsche Ethik verbreitet - die der Marktgläubigkeit. Deren Duktus: Was Geld bringt, muss auch ethisch in Ordnung sein. Dieser Glauben ist grandios gescheitert. Heute besteht ein breiter Konsens darüber, dass dem Management bei seiner Ausbildung Integrität und ein Sinn für Fairness nahezubringen ist. Auch bestehenden Top-Managern täte die Teilnahme an Seminaren in Wirtschaftsethik gut.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann gilt vielen als unbelehrbar. Er preist auch mitten in der Finanzkrise noch die 25-Prozent-Rendite seines Instituts. Nehmen wir an, er würde dazu verdonnert, eines ihrer Ethik-Seminar zu besuchen - was würden Sie ihn lehren?

Thielemann: Die Marktgläubigkeit sitzt bei Josef Ackermann tief. Er glaubt, je höher der Gewinn, desto besser für alle. Er sieht sich als Held des Gemeinwohls. Die Gegenargumente dürfte er allerdings kaum kennen. Ich würde ihn gern mit diesen konfrontieren.

SPIEGEL ONLINE: Welchen deutschen Manager hätten Sie denn gern als Schüler?

Thielemann: Wendelin Wiedeking. Der ist sicher eine schillernde Figur. Doch hat er sich glasklar vom Prinzip, dass sich alles um den maximalen Gewinn drehen müsse, verabschiedet. Für ihn gehört zum Erfolg etwa auch, dass die Wertschöpfung des Unternehmens dem Wohlstand der Mitarbeiter dient. Vielleicht würde ihm auch helfen, dass die Eitelkeit, die sich in der Gier nach den maximal möglichen Boni offenbart, im Grunde Ausdruck von Schwäche ist. Starke Persönlichkeiten bedürfen einer solchen Bestätigung eigentlich nicht.

Ragliste der Rekord-Abfindungen

INTERNATIONAL
Rang Manager Unternehmen Abfindung in Dollar
1 Lee Raymond Exxon 351 Mio.
2 Hank McKinnell Pfizer 213 Mio.
3 Robert Nardelli Home Depot 210 Mio.
4 Richard Grasso NYSE 187 Mio.
5 Bruce Karatz KB Home 175 Mio.
DEUTSCHLAND
Rang Manager Unternehmen Abfindung in Euro
1 Frank Newman Deutsche Bank 85 Mio.
2 Bob Eaton DaimlerChrysler 60 Mio.
3 Klaus Esser Mannesmann 30 Mio.
4 Thomas Middelhoff Bertelsmann 25 Mio.
5 Klaus Zumwinkel Deutsche Post 20 Mio.

Quellen: Unternehmens-Webseiten, "Handelsblatt", "Welt"

Das Interview führte Stefan Schultz



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 174 Beiträge
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Zwiebel, 22.07.2009
1. Was verdient eigentlich ein Wirtschaftsethiker im Vergleich zu einem Manager?
Irgendwie bekommt man aus dem Interview mit Herrn Thielemann den Eindruck, dass hier ökonomische Inkompetenz auf als Ethik kaschierten Neid trifft. Warum bekommen wohl Manager höhere Gehälter als Wirtschaftsethiker? Wenn Herr Thielemann ein so brillanter Denker ist, warum vergeudet er sein Talent dann mit einer Wissenschaft, von der die meisten bis heute vermutlich noch nie etwas gehört haben. Es ist lächerlich der Marktwirtschaft die Schuld für ein Versagen von sozialer Wirtschaftspolitik in den USA (Stichwort Ninja-Kredite) zu geben. Natürlich haben auch die "Spielregeln" der Marktwirtschaft versagt. Es würde aber niemand auf die Idee kommen Fußball abzuschaffen und Handball als Ersatz zu fordern, nur weil sich z.B. eine Regel in der Praxis nicht bewährt hat. Hätte es keine Finanzkrise gegeben, wäre Herr Thielemann noch heute zu unbekannt wie sein Wissenschaftgebiet. Aber jetzt wo der Urwald in Flammen steht, kommen die exotischsten Wesen aus den verwinkeltsten Ecken gerannt und werden plötzlich wahrgenommen. Dass übrigens ein Wirtschaftsethiker dran glauben muss, dass der "Markt" was schlechtes ist, versteht sich von selbst. Wenn sogar nach seiner Sicht alles im Lot wäre, hätte ja seine Betätigung kaum eine Bedeutung, sondern wäre vollkommen überflüssig.
amw52, 22.07.2009
2. Ja, ja, Ackermann und seine angeblich zu hohe Eigenkapitalrendite...
Zitat von sysopDer Staat macht im Rekordtempo Schulden, Ökonomen raten deshalb zur Erhöhung der Vermögensteuer. Dem Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann ist das noch zu wenig: Er fordert globale Steuer- und Kapitalregeln - und will Reichen in Seminaren die Huldigung des Marktes austreiben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,637592,00.html
Wer protestiert eigentlich dagegen, daß nach einem Bericht der Deutschen Bundesbank von Januar 2009 mit dem Titel " Hochgerechnete Angaben aus Jahresabschlüssen deutscher Unternehmen von 1994 bis 2007" die Eigenkapitalrendite im deutschen Einzelhandel zwischen 1994 und 2006 beispielsweise bei durchschnittlich 93,98 Prozent lag? Und im Baugewerbe lag sie im gleichen Zeitraum bei bei 87,78 Prozent, im Papier-, Verlags- und Druckgewerbe bei 40,24 Prozent. Das Gerede um die angeblich so unsäglich überzogenen Renditeziele eines Herrn Ackermann ist nichts weiter als ein dümmlich-populistisches Gequatsche.
Garibaldi, 22.07.2009
3. Oh Wunder!
Seit wieviele Jahren preist SPON der Glaube an den Markt an? Woher kommt jetzt dieser Sinneswandel? Merken sie erst jetzt wie ungerecht Einkommen und Vermögen verteilt sind? Die Mainstream Medien haben sich für diese zum Himmel schreinede Schieflage mindestens genauso schuldig gemacht wie die gierige Manager und Politiker Marionetten die uns seit 1998 regieren. Mit wievielen Artikeln haben sie die gesetzliche Rente kaputtgeschrieben. Die mächtigen Versicherungen scheffeln immer noch Milliarden an Beiträge für Privatrenten, die ohne staatliche Subventionierung völlig unrentabel wären und dank der großzügigen staatliche Unterstützung gerade noch die Inflation ausgleichen können (???). Wieviele Artikeln habe sie veröffentlicht um ein Mindestlohn zu verhindern. Damit haben sie zur wachsende Armut beigetragen. Ganz zu schweigen von ihren perfiden und diffamierenden Artikelngegen all jene mutigen Politiker die sich trauten mehr Steuern von den Reichen zu verlangen. Wann haben sie zuletzt die Verantworlichen für diese Krise beim Namen genannt? Wann haben sie zuletzt Konsequenzen gefordert. Warum ist Ypsilanti's Lüge Wortbruch und die von Carstensen und Koch nur eine einfache Lüge? Wo ist die Kritik den Lügner aus Schleswig Holstein?
dasky 22.07.2009
4. Huldigung
Zitat von sysopDer Staat macht im Rekordtempo Schulden, Ökonomen raten deshalb zur Erhöhung der Vermögensteuer. Dem Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann ist das noch zu wenig: Er fordert globale Steuer- und Kapitalregeln - und will Reichen in Seminaren die Huldigung des Marktes austreiben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,637592,00.html
Und zuallererst wird das deutsche Beamtentum, das über Jahrzehnte durch Tiefschlaf und Allmacht aufgefallen ist, abgeschafft.
spiegeldich 22.07.2009
5. Darüber werden wir
Zitat von sysopDer Staat macht im Rekordtempo Schulden, Ökonomen raten deshalb zur Erhöhung der Vermögensteuer. Dem Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann ist das noch zu wenig: Er fordert globale Steuer- und Kapitalregeln - und will Reichen in Seminaren die Huldigung des Marktes austreiben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,637592,00.html
noch lange weltweit diskutieren. Und eine Teilnahme der Studies am Fach Wirtschaftsethik ist sicher längst geboten. Herr Thielemann ist ganz sicher nicht der Erfinder dieser Erkenntnis. O-Ton Thielemann: "Eine Erbschaftsteuer sorgt für Leistungs- und Chancengerechtigkeit." Aha.. spricht er hier für D, CH oder weltweit?? Und wie sind seine konkreten Pläne? Wie sollen Erben eines Unternehmens besteuert werden! Wie Ehegatten? Wie Kinder? Herr Thielemann lehnt sich hier auch wieder mal ohne konkrete Diversifizierung aus dem Fenster. Das hat er schon mal im März 2009 gemacht und seine Uni distanzierte sich von seinen Äußerungen. Aber ich sehe diese Äußerungen heute nur als Marketing für sein neues Buch das im September erscheint.
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