Verpasste Chancen Der Mann, der bei Google nicht einstieg

Der deutsche Doktorand Guido Appenzeller hat einst mit Sergej Brin und Larry Page den Businessplan für die Web-Firma Google entworfen. Die kalifornische Suchmaschinen-Firma ist mittlerweile 30 Milliarden US-Dollar schwer. Appenzeller ging leer aus – und ist darüber gar nicht mal unglücklich.

Von Jochen A. Siegle


Stanford-Doktorand Appenzeller: "In schwachen Momenten fragt man sich 'was wäre, wenn'"
Jochen A. Siegle

Stanford-Doktorand Appenzeller: "In schwachen Momenten fragt man sich 'was wäre, wenn'"

San Franzisco - "Das war Anfang 1998 an der Stanford-Uni", erinnert sich der nach wie vor im Silicon Valley lebende Appenzeller. "Ich hatte damals ein oder zwei Vorlesungen mehr in BWL belegt als die späteren Google-Gründer Larry Page und Sergej Brin und da haben die mich einfach gefragt, ob ich ihnen nicht beim Schreiben helfen kann", sagt der Physiker aus Karlsruhe.

Mit gerade mal sieben Seiten - "stilecht geschrieben in HTML versteht sich", so Appenzeller - kam das schon seit jeher dynamisch-forsche Google-Duo bei ihrem Doktoranden-Kollegen und Wohnheim-Zimmernachbarn an. Zwei Nachmittage später sollte der Geschäftsplan 12 Seiten lang und prompt so gut sein, dass Brin und Page schon eine Woche später mit Andy Bechtolsheim, einem der Gründer des Server-Pioniers Sun Microsystems, den ersten Investor fanden.

Der Rest des Google-Booms ist Geschichte - auch für Appenzeller. Denn bevor der Online-Star richtig glühte, ging Appenzeller eigene Wege: er blieb in Stanford. "Tja, das ist wohl einfach Pech", schmunzelt der Diplom-Physiker. "Da sind mir vermutlich ein paar dutzend Millionen Dollar durch die Lappen gegangen." Seit der Google-Erstemission im August ist das Unternehmen an der Börse 30 Milliarden US-Dollar wert; die Gründer Brin und Page selbst Milliardäre.

Keine Kohle, kein Ruhm - vorerst

"Ich hätte mit von der Partie sein können", erzählt Appenzeller, "aber es gab einfach so viel zu tun und zu lernen in Stanford, etwa wie man eine wirklich gut organisierte Tech-Firma aufbaut." Was ihn in den Vor-Internet-Bubble-Tagen tatsächlich mehr reizte als der Angestellte Nummer eins oder zwei eines Start-ups zu sein - allem bereits erkennbaren Potenzial von Google zum Trotz.

Was später als relevanzbasierte Google-Sucharchitektur weltweit bekannt und beliebt werden sollte wurde in Stanford schlicht als Data-Mining-Projekt unter dem Namen "BackRub" von Brin und Page geführt, die bereits in Studientagen durch ihr besonders ausgeprägtes Selbstbewusstsein auffielen. "Schon damals war klar, dass die da "State-of-the-art-Technologie entwickeln", erinnert sich der Doktorand, der auch stets an den wöchentlichen Projektsitzungen mit Brin und Page teilnahm.

Immer wieder nahmen auch Online-Größen von damals den Finde-Algorithmus der Ingenieur-Youngsters unter die Lupe. Zur Enttäuschung der Ehrgeizlinge Brin und Page wollte die Technologie jedoch keiner kommerziell einsetzen. Zu beschäftigt waren die Netz-Riesen von einst - die inzwischen vielfach im Digital-Nirvana verschollen sind - Ende der Neunziger damit, ihre Such-Seiten zu "handfesten" Portalen auszubauen. "'Content ist King' galt da als Credo, Internet-Unternehmen wollten keine ausgefeilten Suchmaschinen", rekapituliert Appenzeller den Frust von Brin und Page, die daraufhin beschlossen, eine eigene Firma zu gründen.

Wie zu dieser Zeit ("pure Aufbruchstimmung", sagt Appenzeller) wohlgemerkt so ziemlich alle Jungakademiker an der Stanforder Informatik-Fakultät. Ein Dutzend Start-up-Gründungen aus dem Computer-Science-Department waren pro Quartal die Regel. Immer öfter brachen Professoren auf einen Schlag fast die kompletten Arbeitsgruppen weg.

Was wäre wenn?

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"In einem schwachen Moment fragt man sich schon mal 'was wäre wenn'", so der passionierte Segel- und Marathonfreund Appenzeller. "Da ich aber fest der Überzeugung bin, dass ich das richtige getan habe hält das nur sehr kurz an. Wäre ich eingestiegen, wäre ich heute mit Sicherheit ein guter Ingenieur - aber nicht mehr."

Dafür jedoch steinreich, wie etwa auch Craig Silverstein, ein anderer Stanford-Kumpel und früher Google-Helfer, der Googles "First Employee" und als Technologie-Direktor nach dem IPO mehrfacher Millionär werden sollte.

"Geld ist nicht alles", kontert Appenzeller so überzeugt, dass man ihm das sogar abnimmt. "Um mit einer IT-Firma wirklich Erfolg zu haben, muss man ein Überzeugungstäter sein wie Sergej und Larry, die sich bereits vor langer Zeit dem Ziel verschrieben haben, die Welt zu verändern und die beste Suchmaschine zu bauen."

Eine Mission hat auch Appenzeller, aber eben eine andere: Schon vor Jahren hat er sich die Netzwerksicherheit als Steckenpferd auserkoren - und strickt nun mit ansehnlichem Erfolg mit der Firma Voltage an seinem eigenen Silicon-Valley-Märchen. Bereits wenige Wochen nach der Gründung erhielt die auf E-Mail-Verschlüsselung spezialisierte Firma im Oktober 2002 die erste Risikokapitalspritze; das Geschäftskonzept der inzwischen 45 Mitarbeiter starken Company wurde in Stanford sowie Singapur mit Preisen dotiert; KPMG und das Always-on-Network kürten Voltage zum "innovativsten Start-up des Jahres".

Die M.I.T.-Science-Magazin-Bibel "Technology Review" nominierte den Mitgründer und Chief Technology Officer (CTO), der kurz vor der Verleihung seiner Doktorurkunde steht, auch noch für die "TR 100"-Liste der wichtigsten Nachwuchs-Tech-Entrepreneure.

Längerfristig kann es da nur ein Ziel geben: Den Börsengang. Und dann vielleicht doch noch so stinkreich werden wie Larry und Sergej ...?



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