Verschmutzungsrechte "In blutigen Scherben"

Öl ist teuer, Strom sowieso, aber was passiert auf dem Markt für Emissionszertifikate? Ein gewaltiger Preissturz erschüttert den jungen Energiemarkt. Am Pranger steht die EU-Kommission - nach einem verhängnisvollen Patzer.

Von Karsten Stumm


Hamburg - Diese Tage werden Energiehändler lange nicht vergessen. Schon am vergangenen Freitag plärrten die Stimmen Hunderter Broker durch die Standleitungen, auf ihren Handelsbildschirmen zeigten die Notierungen für Emissionszertifikate schneller und immer weiter nach unten. Es schien kein Halten zu geben. Irgendetwas hatte den Markt aus den Fugen gebracht.

RWE-Kraftwerk: Mehr Verschmutzungsrechte als nötig
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RWE-Kraftwerk: Mehr Verschmutzungsrechte als nötig

"Binnen weniger Minuten sind unsere gesamten Preiskalkulationen über den Haufen geworfen worden, jedermann versuchte, sich, seine Kontrakte und das Geld seines Unternehmens zu retten", sagte ein Zertifikatehändler eines größeren deutschen Energieversorgungsunternehmens zu manager-magazin.de.

Der Preissturz war gigantisch: Der Dezember-Kontrakt für Verrschmutzungsrechte beispielsweise kostete am Freitagmorgen noch 12,50 Euro. Als der Handel endete, war der Preis für ein Zertifikat zum Ausstoß einer Tonne Kohlendioxid auf 9,25 Euro zusammengebrochen, zwischenzeitlich kostete es gar nur noch 8,50 Euro; Europas Industrieunternehmen benötigen diese Verschmutzungsrechte seit dem vergangenen Jahr, um Treibhausgas in die Luft pumpen zu dürfen. In gerade einmal fünf, sechs Handelsstunden war der Preis für Emissionszertifikate um 30 Prozent zusammengebrochen.

Und das nur, weil ein Mitarbeiter der Europäischen Kommission den Fehler seines Beamtenlebens machte.

Der eifrige Europa-Angestellte hatte versehentlich vertrauliche Kommissionsdaten über den Treibhausgasausstoß von 20 der 25 EU-Staaten veröffentlicht - und damit den Markt aus den Angeln gehoben. Denn der Bericht deckte Brisantes auf. Europas Schadstoffausstoß war weit hinter dem Erlaubten zurückgeblieben, und  jedem Händler war sofort klar: Die EU-Staaten kamen offenbar mit Zertifikaten für den gigantischen Ausstoß von 69,95 Millionen Tonnen weniger aus als sie zur Verfügung haben. Allein deutsche Unternehmen sitzen auf überflüssigen Verschmutzungsrechten, die ihnen den Ausstoß von 25,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid mehr erlauben als sie überhaupt benötigen.

Als sich die Nachricht über die Standleitungen der Händler, per Telefon, E-Mail und Nachrichtenagenturen wie eine Welle über Europa ausgebreitet hatte, brach der Preis für die Verschmutzungsrechte nahezu zusammen.

"Es dauerte einige Zeit, bis die Leute begriffen: Die am Freitag veröffentlichten Daten sind echt. Das glaubten die Händler spätestens, als sie den angegebenen Schadstoffausstoß ihres eigenen Unternehmens mit den Einträgen auf den EU-Listen verglichen. Die Daten waren identisch", sagt der Händler. "Ab dann ging es mit den Zertifikatepreisen endgültig bergab."

Selbst Anfang dieser Woche hatte sich der Markt noch nicht beruhigt. Nach Eröffnungskursen von gut 9 Euro pro Tonne rutschte der Preis auf 8,50 Euro ab und schoss dann um mehr als 50 Prozent auf 14,50 Euro nach oben - zwischenzeitlich war bekannt geworden, dass die Deutsche Emissionshandelsstelle im Umweltbundesamt Emissionszertifikate für rund 12 Millionen Tonnen Kohlendioxid nachträglich einziehen wird. So schienen plötzlich doch nur Zertifikate für den Ausstoß von 32 Millionen Tonnen Kohlendioxid zu viel auf dem Markt vorhanden zu sein, und die Daten des Großverschmutzerlandes Polen waren noch gar nicht ausgewertet worden. Prompt erholten sich die Notierungen deutlich, rutschten dann aber wieder leicht ab.

Die EU hatte ihren eigenen Markt für Verschmutzungsrechte in hektisches Manövrieren getrieben. Dass ausgerechnet die nachträgliche Anpassung der Zuteilungsmenge durch die deutschen Behörden den Markt stabilisierten, musste die EU-Kommission dann besonders getroffen haben. Sie klagt gegen diese Möglichkeit des deutschen Gesetzgebers vor dem Europäischen Gerichtshof. Europas Emissionszertifikatehändler hatten mit den EU-Beamten dennoch kein Mitleid, obwohl sie ihren Fehler nach einigem hin und her mittlerweile zugegeben haben.

"Die EU-Leute sollten sich schämen", sagte ein Marktteilnehmer zu Experten des bedeutendsten Marktanalysehauses Point Carbon aus Norwegen. "Unter uns gesagt, die haben den Markt in blutige Scherben geschlagen", kommentierte ein zweiter Händler die vergangenen Handelstage gegenüber Point Carbon.

Ein dritter zog ein betroffenes Fazit: Diese Aktion habe die große Mehrheit der Marktteilnehmer ernsthaft verärgert. "Sie schädigte die Reputation und die Integrität der EU als koordinierende und gesetzgebende Instanz und insbesondere ihre Fähigkeit, den Marktmechanismus des neuen Marktes für Emissionszertifikate zu etablieren", sagte der Händler.

Tatsächlich ist der Ruf der EU in dem neuen und künstlichen Markt kräftig angeschlagen. Denn zu allem Überfluss hatten sie die EU-Staaten noch Ende April selbst vergattert, ihre eigenen Emissionsdaten bis heute geheim zu halten. Erst zu Beginn dieser Woche sollten alle Daten koordiniert veröffentlicht werden. Aus gutem Grund: Die aktuelle Marktphase gilt als Testlauf für die zweite Phase des Marktes für Verschmutzungsrechte. Und die soll eigentlich schon Ende 2007 starten. Wenn der Markt funktioniert.



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