Verschuldung Berichte über Staatshilfen ziehen Conti-Aktie ins Minus

Schaeffler hat im Machtkampf um den einstigen Konkurrenten Continental gesiegt - und stellt künftig den Aufsichtsratschef. Ein schwerer Job: Beide Unternehmen sind hoch verschuldet, müssen Berichten zufolge vom Staat gerettet werden - das belastet die Aktienkurse.


Hamburg - Der Zusammenschluss der beiden traditionsreichen deutschen Unternehmen Continental Chart zeigen und Schaeffler hatte eine Erfolgsgeschichte werden sollen: Mit der Übernahme von Conti durch Schaeffler sollte der nach Bosch und Denso Chart zeigen drittgrößte Autozulieferer der Welt entstehen. Doch der Plan ging gründlich schief: Die Partner verstrickten sich heillos in einen Machtkampf - und mit der Krise der Automobilbranche kamen auch noch massive finanzielle Schwierigkeiten hinzu.

Eigentümerin Schaeffler: Sieg im Conti-Machtkampf
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Eigentümerin Schaeffler: Sieg im Conti-Machtkampf

Doch das eigentlich Dramatische ist: Jetzt soll der Steuerzahler für die Fehler der Manager beider Konzerne bezahlen. Die hoch verschuldeten Unternehmen sollen Staatshilfen erhalten. Wie das "Handelsblatt" berichtet, wollen die Länder Bayern und Niedersachsen den Autozulieferern mit voraussichtlich jeweils einer halben Milliarde Euro zur Seite springen.

Noch mauert die Politik zwar und bleibt im Vagen. Ein Sprecher der bayerischen Staatskanzlei in München sagte zu dem Bericht über Staatshilfen: "Natürlich finden Gespräche mit dem Unternehmen statt. Es gibt aber keinerlei Vereinbarung oder Zusagen." Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) sagte am Rande einer Veranstaltung in Hannover: "Es gibt kein Konzept, das auch nur annähernd so konkret ist, dass man über Fragen staatlicher Hilfen irgendetwas sagen kann."

An der Börse belasteten die Berichte über mögliche Staatshilfen die Conti-Aktie. Nach Börseneröffnung stürzte deren Kurs regelrecht ab. Binnen weniger Stunden verloren die Papiere zum Teil mehr als 20 Prozent an Wert.

Conti und Schaeffler mit knapp 23 Milliarden Euro Schulden

Laut "Handelsblatt" aber sind die Pläne über Staatshilfen durchaus konkret: Danach unterstützt Bayern Schaeffler mit Sitz im fränkischen Herzogenaurach, Niedersachsen Continental mit Sitz in Hannover. Die Details der Hilfe - Bürgschaft, Garantien oder auch eine direkte Beteiligung - seien noch offen. Die Finanzspritze hätten Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Wulff vereinbart. Der niedersächsische Ministerpräsident hatte in dem Konflikt zwischen Conti und Schaeffler vermittelt.

Schaeffler und Conti sind mit insgesamt knapp 23 Milliarden Euro verschuldet - Schaeffler wegen der Conti-Übernahme, Continental wegen der Übernahme der Siemens-Tochter VDO im Jahr 2007. Die finanzielle Belastung und die Dauerfehde zwischen den Verantwortlichen hat den Zusammenschluss zum Albtraum werden lassen.

Dabei lief zunächst alles nach Plan: Kurz vor Ablauf des Übernahmeangebots hatten knapp 60 Prozent der Conti-Aktionäre Schaeffler ihre Aktien zum Preis von 75 Euro angeboten. Doch dann kam der 15. September 2008, der Tag, an dem die US-Investmentbank Lehman pleiteging. Danach war auch für Schaeffler nichts mehr wie zuvor.

Konzernstruktur im Überblick: Schaeffler-Gruppe und Conti
DER SPIEGEL

Konzernstruktur im Überblick: Schaeffler-Gruppe und Conti

Die verunsicherten Anleger warfen Schaeffler 90 Prozent der Conti-Aktien auf den Tisch, und die Franken mussten sie für 75 Euro kaufen. An der Börse aber schmierte der Kurs auf weniger als 20 Euro ab. Folge: Schaeffler hat höhere Schulden als geplant, und Conti ist gerade mal ein Viertel so viel wert wie gedacht. Seitdem steht Schaeffler unter gewaltigem Druck.

In Gesprächen mit Conti diskutierte Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger zwei Möglichkeiten, um die Schuldenlast zu verringern und die Fusion zu retten. Conti könnte sein Reifengeschäft verkaufen. Oder: Conti könnte das Automobilgeschäft von Schaeffler übernehmen. Statt eines Kaufpreises würde Conti die Schulden des Schaeffler-Bereichs mit übernehmen.

Feindschaft zwischen Grünberg und Geißinger

Über diese Fragen eskalierte der Streit. Über die meisten Vorgänge gab es seither zwei Versionen: eine aus Hannover und eine aus Herzogenaurach. Aus Conti-Perspektive wollte Schaeffler durch die Abgabe des Automobilgeschäfts vor allem sechs Milliarden Euro Schulden schnell zu den Hannoveranern schieben. Doch mit dieser Last könnte der neue Unternehmensbereich kaum überleben.

Schaeffler argumentierte, das sei gar nicht möglich, weil Wirtschaftsprüfer solche Vorgänge prüften. Und es wäre nicht sinnvoll, weil der Gesamtkonzern ohnehin Schaeffler gehört. Die Kredite würden nur von der rechten in die linke Tasche wandern.

Unumstritten ist, dass Conti-Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg anschließend Maria-Elisabeth Schaeffler, der das Unternehmen zusammen mit ihrem Sohn Georg gehört, eine scheinbar clevere Lösung vorschlug: Ein neuer Investor müsste in den vereinigten Automobilbereich einsteigen und frisches Kapital einbringen.

Kleiner Nebeneffekt: Schaefflers Anteil an Conti würde durch den zusätzlichen Investor drastisch verringert, von 90 auf 20 bis 30 Prozent. Bei dieser Gelegenheit forderte Grünberg von Firmeneignerin Schaeffler auch, ihr Top-Manager Geißinger dürfe keine Rolle im Unternehmen mehr spielen. Dies war der Beginn einer wunderbaren Feindschaft zwischen Grünberg und Geißinger.

Für den Schaeffler-Boss stellt sich die Lage schlicht dar: Grünberg wolle einfach nicht akzeptieren, dass sein Konzern vom kleineren Konkurrenten geschluckt wurde. Ab Anfang Januar "sind wir der größte Aktionär von Continental", hatte Geißinger gesagt - dann "entscheiden wir".

Und so ist es denn auch gekommen. Schaeffler hat den wochenlangen Machtkampf für sich entschieden und stellt künftig den Aufsichtsratschef. Auf einer Krisensitzung des Kontrollgremiums am Samstag in Hannover trat Grünberg zurück. Neuer Aufsichtsratsvorsitzender wird der Schaeffler-Berater Rolf Koerfer, ein Rechtsanwalt und Spezialist für Fusionen und Übernahmen. Schaeffler zieht früher als geplant mit insgesamt vier Vertretern in den Aufsichtsrat ein, darunter Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler.

Auch in einem weiteren Punkt setzte sich Schaeffler durch: Die Conti-Reifensparte soll ausgegliedert werden. Dies bedeutet faktisch eine Aufspaltung des Konzerns. In der Reifensparte, in der die Wurzeln der Conti liegen, arbeiten rund 70.000 der insgesamt 145.000 Konzern-Beschäftigten.

Nachdem der Machtkampf nun entschieden zu sein scheint, betonen Schaeffler und Conti den Plan vom "zweiten globalen Champion im Automobilzuliefergeschäft". Conti-Vorstandschef Karl-Thomas Neumann soll Konzepte für eine Kooperation der Autosparten erarbeiten. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse man an einem Strang ziehen. Das sei jetzt möglich, hieß es aus den Unternehmen. Maria-Elisabeth Schaeffler sagte: "Ich freue mich sehr, dass das, was gut zusammenpasst, jetzt zusammenwachsen kann."

Mit den Ergebnissen der Krisensitzung ist offenbar das Kriegsbeil zwischen Conti und Schaeffler begraben. Mit dem gefundenen Kompromiss könnten beide Seiten gut leben, denn Grünberg soll einfaches Mitglied des Aufsichtsrats bleiben.

Jetzt haben die Beteiligten wohl auch wieder Zeit, um sich um die eigentliche Aufgabe zu kümmern: die Rettung ihrer Unternehmen vor der Schuldenfalle - mit oder ohne staatliche Hilfe.

kaz/dpa-AFX



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