Verschwörungstheorie Antisemitisches Wirtschaftsbuch wird Bestseller in China

Die Niederlage von Waterloo, Hitlers Aufstieg oder die Asienkrise: Für all das ist die Bankendynastie Rothschild verantwortlich, so eine Verschwörungstheorie aus China. Ein neues Buch über das Bankhaus ist dort zum absoluten Bestseller geworden.


Peking - Es ist eine absurde Auflistung von Ereignissen, die Song Hongbing in seinem Buch "Currency Wars" in Verbindung bringt. Egal, ob Waterloo, sechs tote US-Präsidenten, Hitlers Aufstieg, der Zusammenbruch der japanischen Wirtschaft, die Asienkrise oder die Umweltzerstörung - all diese unterschiedlichen Ereignisse aus zwei Jahrhunderten haben nach Meinung des chinesischen Bestseller-Autors eine gemeinsame Ursache: Die Kontrolle der internationalen Geldmärkte durch das Bankhaus Rothschild.

Buchtitel von "Currency Wars": Offiziell sind 200.000 Exemplare verkauft

Buchtitel von "Currency Wars": Offiziell sind 200.000 Exemplare verkauft

Selbst die US-Notenbank Fed sei heute, so Songs These, in der Hand von Privatbanken, die wiederum von Rothschild kontrolliert würden, schreibt die "Financial Times" in einem Bericht über den Verkaufserfolg aus China. Die jüdische Rothschild-Familie gehört seit rund 200 Jahren zu den einflussreichsten Bankiersfamilien und führt heute unter anderem eine der großen internationalen Investmentbanken.

An sich wären solche wilden Verschwörungstheorien nicht weiter erwähnenswert - wenn sich China nicht gerade mitten in einer heftigen Debatte um die Öffnung seiner eigenen Finanzmärkte befände. "Das Buch ist zu einem Überraschungshit geworden und wird von hohen Führungskräften aus der Regierung und der Wirtschaft gelesen", heißt es in dem "FT"-Bericht weiter. "Nicht wenige Geschäftsführer haben mich gefragt, ob das alles stimmt", zitiert die Zeitung Ha Jiming, Chef der größten lokalen Investmentbank China International Capital.

Damit liefert das Buch all jenen Munition, die dagegen sind, dass Peking sich dem amerikanischen Druck beugt und den chinesischen Renminbi aufwertet. Nach Angaben des chinesischen Verlags sind inzwischen fast 200.000 Exemplare des Buchs verkauft worden - geschätzt wird, dass noch mal 400.000 Raubkopien davon kursieren. So verbreiten sich Thesen wie "Wer immer die Geldmärkte kontrolliert, der kontrolliert das ganze Land" oder "Die geheimen Verbindungen von George Soros zu den Rothschilds haben ihn zum Chef der mächtigsten Finanzgruppe der Welt gemacht."

"Hätte nie gedacht, dass das ein Erfolg wird"

Der Autor von "Currency Wars" ist eigentlich IT-Berater und Hobbyhistoriker und lebt selbst seit 1994 in den USA. Er habe ursprünglich nur herausfinden wollen, was die Ursachen der Asienkrise von 1997 gewesen seien, sagt Song laut "FT". Seine ersten Ergebnisse habe er in einem Blog veröffentlicht und sei dann von Freunden ermuntert worden, ein ganzes Buch daraus zu machen. "Ich hätte nie gedacht, dass es so ein Erfolg und von den wichtigsten Führungskräften gelesen wird."

Seine Landsleute seien wegen der Bewegung auf den internationalen Finanzmärkten nervös und wüssten oft nicht, wie sie mit den realen Gefahren umgehen sollten. Sein Buch informiere über die Hintergründe. "Was mich wirklich schockiert hat, war die Entdeckung, dass die US-Notenbank eine privat geführte Bank ist", so Song. Er spielt dabei auf die Tatsache an, dass private Banken Anteile an der Fed besitzen. In seiner Wahrnehmung, schreibt die "FT", werde die Notenbank letztlich von fünf Großbanken kontrolliert, darunter die Citibank, die enge Beziehungen zu den Rothschilds hätten. Dass die sieben Vorstandsmitglieder von der Regierung gewählt werden und die Bank damit unter staatlicher Kontrolle stehe, ignoriere Song dabei, heißt es in dem Zeitungsbericht weiter.

"Chinesen halten Juden für clever und reich"

Antisemitisches Gedankengut kann Song in seinen Thesen nicht erkennen. "Die Chinesen halten Juden für reich und clever, deshalb sollten wir von ihnen lernen", zitiert ihn die "FT". Auch er halte sie für die wahrscheinlich intelligentesten Menschen weltweit. "Tatsächlich haben Chinesen größte Hochachtung vor dem, was sie als jüdischen Intellekt und Geschäftssinn verstehen - ohne dabei antisemitisch zu sein", bestätigt auch Jon Benjamin, Hauptgeschäftsführer des Jüdischen Verbandes in Großbritannien. "Zugleich gehören diese Beschreibungen zu den gängigen Vorurteilen und Verschwörungstheorien über Juden und ihren angeblichen Einfluss."

Dass das Buch so populär werden konnte, führt Investmentbank-Chef Ha auf einen ganz anderen Grund zurück: Nach der jahrelangen Stagnation durch die Asienkrise und den Zusammenbruch der japanischen Wirtschaft gebe es tiefe Vorbehalte unter chinesischen Entscheidungsträgern. "Sie sind zutiefst misstrauisch gegen den Rat der westlichen Industrienationen, ihre Finanzsysteme zu öffnen und ihre Währung freizugeben. Sie glauben, das ist nur ein neuer Versuch, die Entwicklungsländer auszuplündern."

sam

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