Serie zu Verschwörungstheorien Streifen am Himmel - sehr verdächtig

Für die meisten Menschen sind Kondensstreifen harmlose Spuren von Flugzeugen. Doch einige nennen sie Chemtrails - und glauben, finstere Mächte vergiften mit ihnen heimlich die Menschheit. Was ist dran an der Verschwörungstheorie?

Kondensstreifen: Zeichen des Unheils am Himmel
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Kondensstreifen: Zeichen des Unheils am Himmel

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Die Theorie

Die Kelten der Antike fürchteten bekanntlich nichts und niemand. Selbst übermächtigen Imperien mit Drang zur Weltherrschaft stellten sie sich unerschrocken in den Weg, wovon die alten Römer ein Lied singen konnten. Nur eine Ausnahme ist überliefert: Bang hielten die Recken Ausschau nach Anzeichen für die ultimative Katastrophe - dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte. So offenbarten es ihre Abgesandten bereits Alexander dem Großen.

Mehr als zwei Jahrtausende danach haben die Kelten würdige Nachfolger gefunden. Zwar hegen ihre neuzeitlichen Adepten weniger die Besorgnis, ihnen könne gleich der ganze Himmel auf den Kopf fallen. Aber sie fürchten, ihnen falle etwas aus dem Himmel auf den Kopf - und wann immer sie an einem auch nur teilweise wolkenlosen Tag ihre Köpfe heben, entdecken sie alsbald Belege dafür: Kondensstreifen, die viel länger am Firmament verharren, als es die Naturgesetze erlauben. Kondensstreifen, die sich zu rätselhaften Gittermustern ordnen. Kondensstreifen, die zu milchig-weißen Teppichen zerfließen oder abrupt beginnen und enden. Kondensstreifen also, die vor allem eines nicht sein können: echte und folglich harmlose Kondensstreifen.

Die modernen Kelten bevorzugen daher die Bezeichnung Chemtrails - auf Deutsch Chemiestreifen. Wie ihre Vorfahren lassen sie sich auch von omnipotenten Gegnern nicht einschüchtern, sondern nennen unerschrocken Wesen und Urheber der seltsamen Himmelserscheinungen: Flugzeuge versprühen demnach im großen Stil heimlich Chemikalien und vergiften so schleichend die ganze Menschheit. Dahinter stecke zwangsläufig eine gigantische Verschwörung aus auftraggebenden Regierungen und Behörden, ausführenden Flugzeugbauern, Airlines und Piloten sowie schweigenden Wissenschaftlern und Journalisten. So steht es in einschlägigen Internetforen und esoterisch angehauchten Zeitschriften.

Wenn es um die Fragen geht, welche Chemikalien genau versprüht werden und aus welchem Grund, sind sich die modernen Kelten nicht ganz einig. Die meisten von ihnen haben Aluminiumpulver und Bariumsalze identifiziert, mittels derer vor allem das Wetter manipuliert werden soll. Durch die Partikel bilden sich demnach Wolken, die die Sonneneinstrahlung reduzieren und so die globale Erderwärmung bekämpfen sollen. Doch auch als Raketenabwehrschirm oder als eine Art Datenleitung würden sich die entstehenden elektrischen Felder eignen, zur Freude der Militärs.

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In dieser Lesart ist die schleichende Vergiftung der Menschheit ein ebenso unerfreulicher wie unvermeidbarer Nebeneffekt, die Chemtrails dienen höheren Zielen. Mit allerdings fatalen Folgen: Krebs, poröse Knochen, ja sogar Demenz und Alzheimer seien auf die Streifen zurückzuführen. Und auch das globale Massensterben unter den Bienen lässt sich damit angeblich erklären.

Minderheiten unter den modernen Kelten vermuten hingegen noch Perfideres. Demnach lassen die Verschwörer beispielsweise Rauschgift versprühen, um das Volk dumm und folgsam zu halten. Oder sie verbreiten todbringende Viren und Bakterien, wollen so nahezu die gesamte Menschheit ausrotten, um anschließend aus ihren unterirdischen Verstecken zu kommen und die Erde mit einer neuen Elite zu besiedeln.

Doch die modernen Kelten sind entschlossen, sich alldem zu widersetzen - ähnlich wie ihre Brüder in jenem kleinen Dorf, das bekanntlich der römischen Weltmacht trotzte.

Was steckt dahinter?

Es gibt durchaus Beispiele für Wettermanipulation per Flugzeug. Legendär sind etwa die Bemühungen der sowjetischen Führung, sonnige Paraden zum 1. Mai zu garantieren, indem Wolken durch versprühtes Silberjodid bereits vor Moskau zum Abregnen gebracht wurden. In China gibt es eine eigene Behörde für derartige Aktionen. Und niemand bestreitet die Existenz von Hagelfliegern, die Gewitterwolken "impfen", damit sie abregnen, bevor sie wertvolle Weinberge oder Getreidefelder erreichen.

Die ersten Chemtrail-Theorien kamen Anfang der Neunzigerjahre gleichzeitig mit Überlegungen auf, wie sich der drohende Klimawandel mittels sogenanntem Geo-Engineering bekämpfen ließe. In den USA erging 1991 ein Patent für die Idee, per in der Atmosphäre versprühten Partikeln eine Art Schutzschild zu formen, der die Sonnenstrahlung reflektiert und so der Erderwärmung entgegenwirkt.

Dennoch existiert nicht der geringste Beleg für Chemtrails. Dabei gäbe es einen ebenso simplen wie günstigen Nachweis für ihre Existenz: Einen Wetterballon in den Himmel zu schicken, kostet nur wenige hundert Euro, auf Flughöhe könnte er die Chemikalien messen. Bezeichnend ist, dass ein derartiger Messflug von Chemtrail-Aktivisten nicht durchgeführt wurde.

Unabhängige Messungen - die bislang noch nicht einmal einen Hauch der vermuteten Chemikalien fanden - rechnen die Aktivisten kurzerhand der weltumspannenden Verschwörung zu. Die vermeintlich so massiv versprühten Gifte müssten sich selbstverständlich zunehmend auch in Böden und Gewässern nachweisen lassen - doch auch hier Fehlanzeige.

Allein die Dimensionen einer derart umfassenden Verschwörung müsste jegliche Geheimhaltung langfristig ausschließen - schließlich wären daran außer Flugzeugingenieuren zwingend auch Piloten, Wartungstechniker, Bodenpersonal, die Flugsicherung, Behörden, Universitäten und noch viele mehr beteiligt, zudem müsste die Beladung der Flugzeuge mit den Giften auf den Flughäfen von zahllosen "Planespottern" beobachtet worden sein. Doch das ficht die Aktivisten nicht an. Im Internet sammeln sie Dutzende Belege dafür, weshalb die Vergiftung dennoch im Verborgenen gehalten werden kann.

Dabei ist bereits der Ausgangspunkt der ganzen Theorie wenig überzeugend. Sie fußt im Grunde ausschließlich auf der Beobachtung der Kondensstreifen am Himmel, die angeblich seit Anfang der Neunzigerjahre jenes seltsame Verhalten an den Tag legen, das nur mit Chemtrails erklärt werden kann: Teppichbildung, abrupte Unterbrechungen, lange Verweildauer.

Unter Meteorologen herrscht völlige Einigkeit: Es handelt sich immer um ganz normale Kondensstreifen. Je nach Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Windstärke bilden sie verschiedene Formen. Im Gegenteil sehen es Experten als unmöglich an, dass alle echten Kondensstreifen - wie von Chemtrail-Gläubigen behauptet - als schmale Striche erscheinen, die sich rasch wieder auflösen. Mit anderen Worten: Sähen auf einmal alle Kondensstreifen gleich aus, dann könnte man wirklich anfangen, an eine Verschwörung zu glauben.

Und wenn es wahr wäre?

Weil Chemtrails, so es sie denn wirklich gäbe, sehr einfach zu beweisen wären, wäre die unerhörte Verschwörung bald aufgeflogen. Um die Massenvergiftung zu stoppen, wäre daraufhin der Komplettstopp jeglichen Flugverkehrs unumgänglich.

Welch wunderbare Vorstellung! Wie in jenen Apriltagen des Jahres 2010, als der isländische Vulkan Eyjafjallajökull Asche spuckte, wäre endlich Ruhe am Boden und in der Luft. Hausbesitzer südöstlich von Frankfurt und nordwestlich von München könnten die Fenster wieder öffnen. Und sie wären reich, denn der Wert ihrer Immobilie erhöhte sich sprunghaft.

Die Schifffahrt erlebte eine ungeahnte Renaissance, nach New York schipperte man eine Woche über den Atlantik. Herrlich gemütlich wäre das. Die Deutsche Bahn wäre beliebt wie nie zuvor und schüttete Riesendividenden aus. Nur in Berlin würde von dieser Veränderung kaum jemand etwas mitkriegen. Diese Stadt leistet sich schließlich schon jetzt zwei riesige Flughafenareale namens Tempelhof und Berlin Brandenburg International, von denen kein einziges Flugzeug abhebt.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Glühbirnenkomplott".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 252 Beiträge
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Seite 1
les2005 13.01.2015
1. Leider unnütz
Artikel wie dieser sind leider komplett überflüssig. Für halbwegs vernunftbegabte Menschen ist klar, wie blödsinnig diese Theorien sind. Da erübrigt sich eine Erklärung. Und Verschwörungstheoretiker werden dem Spiegel eh nichts glauben. Klar, daß SPON entweder Teil der Verschwörung ist oder vielleich durch Chemtrails auch schon benebelt...
Ein_denkender_Querulant 13.01.2015
2. Alles bewiesen
Die Fragestellung ist falsch. Es geht nicht darum ob, sondern wer dafür verantwortlich. Kerosin ist mit radioaktiven Partikeln versetzt, darum werden die Kondensstreifen größer und größer. Messungen an Tanklastern und Flugzeugen sind aber untersagt, darum bleibt die Bevölkerung weiter unwissend. Warum wohl?
sappelkopp 13.01.2015
3. Ernsthaft darauf reagieren?
Ich Versuchs mal: wenn uns der Himmel auf den Kopf fällt, haben wir alle blaue Mützen auf!
irgendwieundsowieso 13.01.2015
4. Dummheit und kindliche Phantasterei
Die Verschwörungspeople (bei "Alles Schall und Rauch") haben derzeit ein anderes gaaanz heißes Eisen im Rennen: Der Terroranschlag von Paris war von der Regierung initiiert! (9/11 ja sowieso!) Jaa! Und der Polizist auf dem Boden liegend war ein Schauspieler, denn er wurde nicht erschossen (das Video zeige, wie der Einschuss ins Pflaster geht und es eine Staubwolke gibt). Ja, das ist richtig. Aber er wurde dennoch erschossen. Die Jünger der "Hirngespinst-Partei" haben nämlich keine Ahnung, was ein GEschoss eines MG tut: es trifft mit 10 Tonnen Energie auf den Körper - der wird durch alle Schutzwesten durchschlagen und das Geschoss zerfetzt anschließend noch die Gehwegsplatte. Diese Leute WOLLEN die Welt verdrehen! Dummheit gepaart mit kindlicher Phantasterei!
jenli 13.01.2015
5. Dass derartige Beiträge ...
... hier veröffentlicht werden ist zum Fürchten. Aber liest man die Kommentare zu den verschiedenen Themen versteht man es wieder. In kaum einem anderen Online-Forum treiben sich so viele Verschwörungsgläubige herum, wie bei SPON. Wahrscheinlich gibt es hier auch bald die Behauptung, die Vorgänge in Paris hätte der Mossad gesteuert. Leider kennt die Dummheit keine Grenzen.
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