Von Stefan Schultz
Die Theorie
8,6 Zentimeter lang, 5,5 Zentimeter breit, 2,2 Zentimeter hoch: Der Raum auf einer Schachtel der Zigarettenmarke Marlboro ist arg begrenzt. Umso erstaunlicher mutet es an, wie viele obskure Symbole darauf passen sollen. Und alle sollen nur eines beweisen: Die Marke Marlboro oder gar der ganze Tabak-Konzern Philip Morris sind angeblich vom Ku Klux Klan (KKK) unterwandert.
Immer wieder schließen sich unerschrockene Symbologen in ihre Gemächer ein, stellen den Track mit der "Akte X"-Titelmelodie im iPod auf Repeat und versuchen, der Pandorapappschachtel der Tabakindustrie durch Objektstudien und Assoziationsübungen ihre letzten schmutzigen Geheimnisse zu entlocken - um sie anschließend im Internet zu veröffentlichen.
Wer sucht, der findet: Hier sind sie also, die pythischen Zeichen, die ins unsichtbare Reich des KKK deuten sollen, jenes am 24. Dezember 1865 gegründeten Geheimbunds, der für eine Welt ohne Juden, Farbige, Katholiken und Kommunisten kämpft.
Ja kruzifix, potzdonner! Kann das wirklich alles nur Zufall sein?
Was steckt dahinter?
Natürlich nichts - außer der prinzipiell großartigen Gabe des Menschen, die Wirklichkeit mit Vorstellungen anzureichern und abzumildern. Dieselbe Vorstellungskraft kann aber auch dazu führen, dass sich Menschen in Hirngespinsten ergehen. Vor allem, wenn sie in der dunklen Kammer tagelang über Zigarettenschachteln brüten statt Fußball zu spielen, tanzen zu gehen oder hübsche Mädels und Jungs kennenzulernen.
Laut Sigmund Freunds "Psychoanalyse" deuten Angst und Grauen in Phantasien übrigens darauf hin, dass da jemand einen eigenen Trieb befriedigen will, von dem er weiß, sein Ansehen in der Gesellschaft dadurch sinkt.
Hier mal eine ganz verwegene These: All die KKK-Theorien sind nur die Versuche von Rauchern, ihr schlechtes Gewissen auf etwas abgrundtief Böses zu projizieren.
Und wenn es doch wahr wäre?
Du wanderst über grauen Schnee, dem Stadttor entgegen, durch leere, nikotinversuchte Straßen. Du willst hinauf in die Berge, dorthin, wo die anderen vor langer Zeit geflohen sind, dorthin, wo das Atmen leichter fällt.
Im Jahre 2034 hat MarlboKlux, die Weltregierung aus Tabakindustrie und Ku Klux Klan, auf allen Kontinenten die Rauchverbote abgeschafft. Der Zigarettenabsatz stieg, und mit dem Geld kaufte MarlboKlux dem 103-jährigen Medienmogul Rupert Murdoch das soziale Netzwerk Facebook ab. 7,2 Milliarden Dollar zahlte die Weltregierung für die Plattform mit ihren 7,2 Milliarden Nutzern und begann sofort, sie mit Zigarettenwerbung zu penetrieren. Die globale Raucherquote stieg auf 99 Prozent.
Nun ist die Welt süchtig nach MarlboKlux. Die Erzfeinde des KKK vergiften sich freiwillig die Lungen mit Teer, Acetaldehyd, Ammoniak, Benzol und Blausäure. Nur die MarlboKlux-Männer atmen durch ihren weißen Kapuzenmasken-Filter noch gesunde Luft.
Du drückst deine letzte Zigarette aus, eine MarlboKlux Red. Zischend verlischt sie im Schnee. Du atmest durch und verlässt die Stadt. Du wirst so weit laufen, wie deine Füße dich tragen. Du bist der letzte Mensch auf diesem Planeten.
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