Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Versicherer: Kranke Seelen will keiner haben

Von

50.000 Menschen geben jährlich ihren Job vorzeitig auf, weil die Psyche nicht mehr mitspielt. Die meisten sind nicht abgesichert. Oft folgt ein finanzielles Desaster. Ein Milliardenmarkt für die Assekuranz, möchte man meinen. Doch sie streikt - und selektiert anfällige Kunden rigide aus.

Hamburg - Claudia arbeitet in einem großen Verlag. Ihre Hilfe ist bei den Redakteuren gefragt. Denn niemand in ihrer Abteilung versteht es, aus Zahlenkolonnen und anderen komplexen Informationen so schnell übersichtlich gute Grafiken anzufertigen. Das schafft Stress - und sorgt für Neid.

Anfangs scherte sich die Mittdreißigerin wenig um die subtilen Angriffe der Kollegen in ihrer Abteilung, sie hatte schlicht keine Zeit dafür. Als die spitzen Äußerungen in offenes Mobbing umschlugen, suchte sie Hilfe beim Vorgesetzten und dem Betriebsrat - vergebens. Das Mobbing hörte nicht auf. Die letzte Attacke ritten die Kollegen unmittelbar vor der Jahreswende und verabschiedeten sich dann in die Ferien. Claudia arbeitete durch. Wenige Tage später ließ sie sich in die Psychiatrie einweisen.

Claudia ist ein Fall, einer von 993.732, die die Statistik ausweist. So viele Menschen waren im Jahr 2004 mit seelischen Erkrankungen in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Viele der Patienten sind berufstätig, und viele von ihnen kehren nicht an ihren Arbeitsplatz zurück. Wegen psychischer Belastungen steigen jährlich etwa 50.000 Menschen in Deutschland vorzeitig aus dem Berufsleben aus. Im Schnitt sind sie dann 47,4 Jahre alt, schreibt der Branchendienst Map-Report.

Mit 31,1 Prozent sind seelische Leiden mittlerweile die Hauptursache für Berufsunfähigkeit. Nahezu jede dritte Frühberentung in Deutschland geht auf das Konto einer kranken Psyche - 1985 hatten noch Herz- und Kreislauferkrankungen diese Spitzenposition inne. Ihr Anteil an den Frühberentungen sank in diesem Zeitraum von 30,7 Prozent auf 11,4 Prozent, der Anteil der Skelett- und Muskelerkrankungen von 25 Prozent auf 18,7 Prozent.

Schätzung: Acht Millionen Menschen sind seelisch krank

Über Gründe für diese Verschiebungen lässt sich spekulieren. Zum einen dürften sie Beleg für einen fortschreitenden Wandel unserer Arbeitsgesellschaft sein. Die Beschäftigung in Berufen, die den Körper stark beanspruchen, geht immer weiter zurück. Zum anderen könnten sie Ausdruck des medizinischen Fortschritts sein, aber auch Indiz für einen gesünderen Lebensstil, zu dem Politik und nicht zuletzt Krankenkassen ermuntern.

Fakt ist, dass die psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung "dramatisch" zunehmen, wie auch die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) warnt. Die Zahl der Bundesbürger, die an behandlungsdürftigen seelischen Erkrankungen leiden, schätzen Experten mittlerweile auf acht Millionen. Die Gefahr im Blick, fordert die BPtK seit Jahren gesetzlich verankerte Präventionsprogramme, die die Finanzierung eines vorbeugenden Gesundheitsschutzes in diesem Bereich sichern.

Jenseits des Einzelschicksals: Kranke Seelen werden zusehends zu einem belastenden Kostenfaktor für die Gesellschaft. Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Störungen führt nach Erkenntnissen der BPtK zu jährlichen Produktionsausfällen von nahezu drei Milliarden Euro. Und das statistische Bundesamt beziffert laut Map-Report die jährlichen Kosten psychischer Erkrankungen auf rund 22,4 Milliarden Euro - wohlgemerkt nur die reinen Behandlungskosten ohne Einkommensverluste oder mögliche Rentenansprüche.

Berufsunfähigkeit: Die wenigsten sind versichert

Dabei spiegelt diese Zahl vermutlich nur die halbe Wahrheit. Denn Experten schätzen, dass ohnehin nur die Hälfte der behandlungsbedürftigen Menschen auch wirklich professionellen Rat sucht. Für Map-Report-Chef Manfred Poweleit ist das schlicht "eine Psychokatastrophe, die es im Gegensatz zu verrückten Rindern und grippekranken Hühnern wohl nie in die Tagesschau bringen wird."

Gegen Risiken wie Krankheit oder Berufsunfähigkeit kann man sich versichern. Dabei gehört die Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) neben der Kranken- und privaten Haftpflichtversicherung zu den wichtigsten Policen. Gegen Berufsunfähigkeit ist allerdings etwa nur jeder siebte Bundesbürger abgesichert, obwohl er im Schadensfall nur noch geringe Leistungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung zu erwarten hat. Das gilt insbesondere für jene Menschen, die nach dem 1. Januar 1961 geboren sind. Sie gehen praktisch leer aus.

Ein enormes Risiko, das viele Menschen schlicht ignorieren, denn statistisch gesehen muss nahezu jeder fünfte Arbeitnehmer wegen Krankheit vorzeitig aus seinem Job ausscheiden. Doch selbst jene, die eine BU-Police besitzen, würden nach Berechnungen von Map-Report im Schadensfall eine durchschnittliche Rente von nicht einmal 500 Euro erhalten. Das ist zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Der Gang zum Sozialamt wäre damit ebenso vorgezeichnet.

Assekuranz scheut das Risiko und "selektiert"

Im Grunde wäre das ein Milliardenmarkt für die Assekuranz. Doch sie lässt diesen Markt mehr oder weniger austrocknen. Sie muss nicht nur rückläufiges Neugeschäft registrieren, sondern hat im Jahr 2005 sogar 150.000 bestehende BU-Verträge verloren. Zugleich lehnen die Versicherer immer mehr Anträge ab, 200.000 waren es im vergangenen Jahr. Darüber hinaus bekommt ein "großer Teil" der Kunden nicht den Schutz in beantragter Höhe oder zu den beantragten Konditionen, schreibt Map-Report.

Einerseits scheuen die Versicherer das Risiko. Ein Gutverdiener, der mit 35 Jahren berufsunfähig wird und das Glück hatte, eine hohe BU-Rente zu vereinbaren, kann für einen Anbieter schnell zu einem Millionenschaden werden. Ein Dutzend solcher Fälle könnte etliche Versicherer angesichts ihrer vergleichsweise geringen Einnahmen aus dem BU-Geschäft schnell ins Trudeln bringen.

Andererseits haben viele Versicherer offenbar Schwierigkeiten, mit den veränderten Krankheits- und Berufsunfähigkeitsrisiken in der Bevölkerung umzugehen. Die Branche stehe dem zunehmenden Problem der Invalidität durch psychische Erkrankungen "hilflos" gegenüber. "Im Bereich der Berufsunfähigkeitsversicherung beginnen die Anbieter, dieses Risiko komplett auszugrenzen. Sie suchen gezielt nach Möglichkeiten, psychisch Kranke herauszufiltern, um sie dann als Kunden ablehnen zu können", sagt Poweleit.

Private Krankenversicherer lehnen psychisch Kranke ab

Letzteres scheint bei den Privaten Krankenversicherern (PKV) längst Praxis zu sein. Sie schotten sich gegen psychisch Kranke nahezu komplett ab. So berichtete unlängst die Bundespsychotherapeutenkammer: 40 von 48 befragten Anbietern nehmen keine psychisch Kranken auf. Acht Unternehmen antworteten gar nicht oder nur unklar auf die Anfrage. Neun Anbieter lehnten eine Aufnahme selbst dann ab, wenn die Erkrankung erfolgreich behandelt wurde und bereits Jahre zurückliegt.

Doch auch psychisch kranken Menschen, die bereits PKV-Kunde sind, legen die Versicherer offenbar Steine in den Weg zu einer bestmöglichen Gesundung. "Viele private Tarife schränken die ambulante Psychotherapie auf 20 oder 30 Sitzungen im Jahr ein oder schließen sie ganz aus", fand unlängst die "Stiftung Warentest" heraus. Die gesetzlichen Kassen bezahlten dagegen je nach Behandlungsverfahren deutlich mehr Sitzungen, schreibt die Bundespsychotherapeutenkammer.

Nun ist die Neigung der Menschen, sich einer psychischen Erkrankung frühzeitig zu stellen, in der Mehrzahl der Fälle relativ gering. Oft bedürfe es erhöhter Anstrengungen von außen, seien es nun Verwandte oder der Partner, die den Anstoß dazu geben, sich professionellen Rat einzuholen, sagen Experten.

Selektionspraxis: Wer einmal beim Psychologen war ...

Fatalerweise scheinen Versicherer durch ihre Selektionspraxis diese Verweigerungshaltung noch zu stärken. "Denn wer einmal beim Psychologen war, hat kaum noch die Chance, eine Berufsunfähigkeits- oder private Krankenversicherung abzuschließen", sagt Poweleit. Für die Versicherer könnte das zu einem Problem werden, sagt der Experte. Denn die Unternehmen setzten sich auf diese Weise einem erhöhten Risiko aus, vermehrt Kunden aufzunehmen, die eigentlich behandlungsbedürftig sind, die notwendige Therapie aber unterlassen. "Das führt im Ergebnis zu einer negativen Risikoselektion", warnt Poweleit.

Der Konflikt scheint unauflösbar: Seelisch Kranke auf der einen Seite, die sich scheuen, mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen. Versicherer auf der anderen Seite, die nichts mehr fürchten als das schwer zu erkennende und kalkulierende Risiko. Wie also kann man Assekuranz und Verbraucher davon überzeugen, sich dem Thema offensiv zu stellen? An erster Stelle ist Einsicht gefragt, sagt Poweleit.

Oft vergeht zwischen den ersten Symptomen einer psychischen Erkrankung und ihrer tatsächlichen Behandlung viel Zeit - viel zu viel Zeit. Das verschärft das Problem nur und treibt die Kosten einer Therapie unweigerlich in die Höhe. An die Versicherer richten Experten schon lange den Appell, ähnlich wie etwa bei der zahnmedizinischen Routineuntersuchung oder der Krebsvorsorge Anreize zu schaffen, damit sich Menschen auch mit einer seelischen Belastung rechtzeitig melden und gegebenenfalls behandeln lassen.

Versicherer müssen Anreize schaffen

Eine Art psychologischer Vorsorgecheck? Klingt schwierig. Aber warum nicht, wenn er dazu führt, dass die Menschen frühzeitig zum Arzt gehen und dies womöglich hilft, langfristig die Milliardenkosten für psychologische Behandlungen zu vermindern. Vielleicht geht es ja auch eine Nummer kleiner, die zugleich weniger Hemmschwellen aufbaut. "Was spricht zum Beispiel dagegen, dass ein Kranken- oder Berufsunfähigkeitsversicherer eine Art anonymes Sorgentelefon für seine Kunden einrichtet oder ausführlich auf seinen Internetseiten über die Gefahr psychologischer Erkrankungen und ihre mögliche Heilung informiert?", fragt Poweleit. Doch so funktionierten und arbeiteten die meisten Versicherer eben nicht - noch nicht.

Claudia hatte Glück. Ihr Versicherer reagierte verständnisvoll auf ihre Wünsche. Anstandslos zahlte die Kasse den Klinikaufenthalt und eine anschließende Therapie, die noch anhält. Es geht ihr deutlich besser. Sie arbeitet wieder - in einem anderen Büro und damit stressfreier. Berufsunfähigkeit wäre ihr finanzielles Ende gewesen. Sie hatte keine Police. Noch traut sie sich nicht, einen Antrag zu stellen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: