Verzweifelter Arbeitsloser: Suche Job, biete Haus

Von Mark Fehr

Hunderte erfolglose Bewerbungen und immer noch kein Job - da hat der Frust Erich Krumsig aus Nordhessen zum Äußersten getrieben: Für eine neue Stelle will er sein Haus verpfänden. Außer Medienrummel hat ihm auch dieses exotische Angebot allerdings bisher wenig gebracht.

Kassel - Feierabendstimmung im nordhessischen Städtchen Immenhausen: Heimkehrende Familienväter parken ihre Autos vor schmucken Häuschen, eine ältere Dame jätet Unkraut im Vorgarten - Provinzidylle pur. Doch für Erich Krumsig könnte damit bald Schluss sein. Sobald der 57-Jährige Arbeitslose wieder einen Job bekommt, muss er sein Elternhaus hier möglicherweise abgeben - und zwar an seinen neuen Chef.

So jedenfalls steht es in der Annonce, die Krumsig im Januar in die Lokalzeitung gesetzt hat: "Tausche Haus gegen sicheren Arbeitsplatz!" Die Mitarbeiter in der Anzeigenabteilung dürften nicht schlecht gestaunt haben.

Die Immobilie in dem kleinen Ort nicht weit von Kassel ist Krumsigs einziger Besitz - und mehr als das. Hier ist er aufgewachsen, hier hat er jahrelang gewohnt. Trotzdem ist ihm eine feste Stelle noch wichtiger. "Ich arbeite gern", sagt Krumsig, "deshalb will ich unbedingt einen neuen Job."

Den sucht er seit 2005, bisher ohne Erfolg. Die Zeitungsanzeige ist der letzte Ausweg aus seiner verzweifelten Situation. "Nach Hunderten erfolglosen Bewerbungen war mir klar, dass es nichts bringt, nur Briefe zu schreiben."

Der stämmige Mann blickt auf seine großen Hände, mit denen er die Bewerbungen getippt hat. Mit diesen Händen würde er lieber wieder zupacken, statt quälend lang auf den nächsten Job zu warten. Seiner ruhigen, leicht heiseren Stimme merkt man an, wie viel Frust sich angesammelt hat.

Doch plötzlich ist Krumsig wie verwandelt. Auf seine verrückte Anzeige angesprochen, blitzen die Augen hinter der Brille. "Mein Sternzeichen ist Wassermann, die sind vielseitig, denen fällt immer was ein", sagt er verschmitzt. Die Begeisterung über seine Idee steigert sich: "Die Rettung der Menschheit durch Hang zum Wahnsinn, das war schon immer mein Motto."

Besessenheit und Resignation

Den Hang zum Wahnsinn nimmt man ihm in solchen Augenblicken ab. Doch Krumsigs Stimmung schwankt zwischen Besessenheit und Enttäuschung. Schon wird er wieder realistisch: "So überwältigend, wie die Medien es dargestellt haben, war das Echo eigentlich nicht." Anfangs war er noch "ganz sicher", dass etwas dabei herauskommen würde.

Tatsächlich hat er etwa 20 Rückmeldungen auf sein Inserat bekommen - von achtlos in den Briefkasten geworfenen Zeitungsausschnitten abgesehen. Doch mehr als die Hälfte der Angebote sei unseriös gewesen. Konkreter will Krumsig nicht werden. "Ich hatte einfach das Gefühl, manche wollten sich nur das Haus unter den Nagel reißen."

Bewegt hat ihn das Angebot einer älteren Dame. Als diese von seiner Anzeige hörte, wollte sie zu ihm nach Immenhausen ziehen und ihre Rente mit ihm teilen. Obwohl Krumsig das rührend findet, kann er sich ein Lachen nicht verkneifen. "Ich bin doch schon mit jemanden zusammen", sagt er mit Blick auf seine Partnerin. Bei ihr ist er vor Kurzem eingezogen, in seinem Elternhaus übernachtet er noch von Zeit zu Zeit.

Hoffnung machte ihm zunächst ein Lieferant für Brandschutzprodukte aus dem Raum Kassel. Die Firma war an seinem Haus überhaupt nicht interessiert. "Ich hatte schon viel über den Betrieb gehört und hätte es da auch nicht weit zur Arbeit gehabt", sagt Krumsig.

Ein Fernsehteam hätte ihn während eines Besuchs bei dem Unternehmen filmen wollen. Also fuhr er direkt zu der Firma, um einen Drehtermin zu vereinbaren. Doch dort gab es schlechte Neuigkeiten, denn man hatte schon einen anderen Mann eingestellt.

Die Firma sieht das anders. Krumsig sei nicht an der Stelle, sondern nur an der TV-Berichterstattung interessiert gewesen. Zwar habe man kurzfristig einen anderen Bewerber eingestellt. Dessen Stelle gehöre aber zu einem anderen Bereich und habe mit dem Jobangebot an Krumsig nichts zu tun gehabt.

Was hat den 57-Jährigen dazu gebracht, einen so außergewöhnlichen Schritt zu wagen? "Ich war auch neugierig und wollte die verrückte Idee einfach mal testen", gibt Krumsig zu. Jetzt flackert plötzlich wieder Begeisterung in seinen Augen. Da ist es egal, dass ihm seine Anzeige nicht nur Bewunderung, sondern auch Häme eingebracht hat.

"Jetzt bist du schon so weit und musst für einen Job das Häuschen versetzen", spotteten Bekannte. Manche halten es für eine Schnapsidee. Krumsig habe noch acht Jahre bis zur Rente, mit der Immobilie im Rücken könne er die Zeit doch leicht überbrücken. Doch ein Nachbar meint anerkennend: "Man kann ja sagen, was man will, aber die Idee ist originell."

Es geht nicht ums Geld

Krumsig sieht das anders. Einen unbefristeten Job mit monatlich 1500 Euro netto will er für sein Haus haben. Das gehöre offiziell noch der Mutter, doch seit die im Pflegeheim lebe, könne er über das Eigentum verfügen. "Wenn ich noch bis zum Ruhestand arbeite, bekomme ich später eine höhere Rente. Da mache ich doch ein gutes Geschäft", ist er sich sicher. Kein Zweifel, Krumsig hat sich alles genau überlegt, er meint es ernst.

Doch es geht ihm nicht nur ums Geld. "Arbeit ist doch für jeden Menschen wichtig", sagt er. "Ohne Job fehlt mir die Aufgabe, der feste Tagesablauf, die wohlverdiente Müdigkeit abends."

Das sagt ausgerechnet ein Mann, der eigentlich schon genug gearbeitet hat. Mit 14 Jahren hat Krumsig eine Lehre beim Bäcker in seinem Heimatstädtchen angefangen. Später folgen Jobs als Monteur und Lkw-Fahrer. Krumsig bringt es bis zum Leiter eines Stahlhandels. Zuletzt arbeitet er mehr als zwanzig Jahre in einer Wasseraufbereitungsanlage.

Im Berufsleben hat er Anerkennung erfahren. Sein Talent für überraschende Einfälle hat ihn auch bei der Arbeit nicht im Stich gelassen. "Einmal hatten wir Probleme mit Wasserbehältern, bei denen sich oben Flocken bildeten", erzählt er. Seine Idee war einfach aber wirkungsvoll: Kaltes Wasser mit einem Schlauch auf die Behälter gespritzt zog die Flocken nach unten. Der Chef war fasziniert, die Firma setzte Krumsigs Idee in die Tat um.

Impotenter Mann sucht Frau fürs Leben

"Manchmal packt mich einfach der Übermut, etwas Verrücktes zu probieren", sagt Krumsig. Jetzt blitzt wieder der begeistert-besessene Teil seiner Persönlichkeit auf. Besonders in scheinbar ausweglosen Situationen scheint ihm das zu helfen. Nach zwei gescheiterten Ehen lebte Krumsig zunächst allein. Seine neue Lebensgefährtin fand er - wie sollte es anders sein - durch eine verrückte Annonce. Ganz sicher ist er sich nicht, ob er die Geschichte überhaupt erzählen soll, doch seine Partnerin nickt ihm zu, das sei schon in Ordnung.

Damals inserierte Krumsig unter dem gewagten Titel "Impotenter Mann sucht Frau fürs Leben". "Das war natürlich nur ironisch gemeint", schiebt er schnell hinterher. Der Wagemut sollte sich lohnen, unter allen anderen Anzeigen stach seine besonders hervor. Sein Humor kam zumindest bei der Frau gut an, mit der er heute zusammen ist.

Ob sein außergewöhnliches Stellengesuch genauso gut funktioniert, wird sich zeigen. Jedenfalls hatte er vergangene Woche ein Bewerbungsgespräch beim Versicherungsvermittler MEG aus Kassel.

Der Gründer der Firma, Jungunternehmer Mehmet Göker, hatte schon zuvor öffentlichkeitswirksam angekündigt, Krumsig eine Chance als Fahrer geben zu wollen: "Den Job würde ich ihm anbieten, das Haus soll er behalten."

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Forum - Wie weit würden Sie für einen neuen Job gehen?
insgesamt 239 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
electrocute 02.03.2009
und wieder das Unwort "Job"
2.
Volker Gretz 02.03.2009
Zitat von sysopHunderte erfolglose Bewerbungen und immer noch kein Job. Da fühlen sich Manche zum Äußersten getrieben und verpfänden für eine neue Arbeitsstelle gar ihr Haus. Wie weit würden Sie für einen neuen Job gehen?
Wer will denn einen "Job"? Jobs sind Tätigkeiten, die von Schülern ausgeübt,in die Schröder-/ Clement-Opfer gezwungen werden und die von Auftragskillern und anderen Wirtschftsverbrechern ausgeführt werden. Wir müssen "Jobs" vernichten und Arbeitsplätze schaffen.
3.
affordable 02.03.2009
Kost und Logis sollten ausreichen - als Lohn. Alles andere dem Arbeitgeber stiften.
4.
H.Ehrenthal 02.03.2009
Zitat von electrocuteund wieder das Unwort "Job"
Werden doch so oder so alle Ein-Euro-Jobber.
5.
capu65 02.03.2009
Zitat von affordableKost und Logis sollten ausreichen - als Lohn. Alles andere dem Arbeitgeber stiften.
Tolle Idee, also bleibt für viele alles beim Alten.
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