S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Lasst VW pleitegehen - und helft den Arbeitnehmern

Der Abgasskandal wird VW viel Geld kosten. Statt zu helfen, sollte die Bundesregierung den Konzern in die Insolvenz schicken - und mit einem staatlichen Unternehmen in Zukunftstechnologien investieren.

Eine Kolumne von

VW-Logo in Hannover: Eine Art Kohlepfennig für eine Industrie ohne Perspektive
DPA

VW-Logo in Hannover: Eine Art Kohlepfennig für eine Industrie ohne Perspektive


Die meisten Krisen verlaufen nach einem ähnlichen Muster, ähnlich wie klassische Tragödien. Zuerst kommt die Initialzündung, dann folgt eine Kettenreaktion. Der Held scheitert nicht an einer grundsätzlich aussichtslosen Situation, sondern an Entscheidungen, die er als Konsequenz der Ausgangslage trifft. Was den Fall Volkswagen zu einer Tragödie macht, ist nicht der eigentliche Software-Skandal, sondern der Versuch, die Ereignisse herunterzuspielen, zu vertuschen und am bitteren Ende wahrscheinlich auch noch der Versuch des Staates, VW irgendwie zu retten.

Nach den Enthüllungen dieser Woche wissen wir jetzt, dass Betrug bei diesem Unternehmen Normalität war. Hier hat nicht etwa eine kleine Truppe bösartiger Mitarbeiter eine unschuldige Firma vor sich hergetrieben.

VW hat Software eingesetzt, um bei Abgastests zu schummeln. VW hat Abgaswerte trotz besseren Wissens falsch angegeben. VW hat bei Dieseln und Benzinern gemogelt - und bei Motoren, die auch in anderen Firmen des VW-Imperiums eingesetzt wurden.

Ich frage mich, wie es sein kann, dass die Prüfer, die die Typenzulassungen erteilen, das nicht gemerkt haben. Schlimmer noch: Wie konnte das Kraftfahrt-Bundesamt, immerhin eine Behörde des Staates, das nicht bemerken? Oder die vielen Autojournalisten, von denen es in Deutschland nur so wimmelt? Vielleicht, weil viele von ihnen von der Autoindustrie - wie auch immer - bei Laune gehalten wurden?

Der Staat sollte Milliarden für Elektroautos geben - nicht für VW

Der Staat steht jetzt vor einer monumentalen Herausforderung. Nach den Bankenrettungen kann die Regierung jetzt eigentlich nicht auch noch ein betrügerisches Unternehmen retten. Er könnte aber trotzdem etwas Positives bewirken: Im Falle einer Insolvenz von VW sollte er ein zunächst staatliches Unternehmen gründen - mit dem Ziel der Erforschung und Herstellung eines Elektroautos, gestützt von entsprechenden Infrastrukturinvestitionen.

Anstatt Hunderte Milliarden für die Rettung von VW auszugeben, könnte der Staat mit einer mittleren zweistelligen Milliardensumme eine Technologie fördern, um die wir sowieso nicht herumkommen. Und für dieses Projekt stünden genügend qualifizierte Arbeitnehmer zur Verfügung: die große Menge der Mitarbeiter von Volkswagen, die eben nicht mit dem Betrug in Verbindung stehen. Damit könnte man VW in ein geordnetes Insolvenzverfahren verabschieden - wenn es notwendig würde.

Dieser Weg böte den Vorteil, dass er die Schadensersatzforderungen aus den USA begrenzen würde. Mehr als das Firmenvermögen ist ja nicht zu holen. Die Entwicklung einer neuen Technologie könnte man zudem als eine industrieübergreifende Maßnahme betreiben, die der gesamten deutschen und europäischen Fahrzeugindustrie dienlich sein könnte - gegen entsprechendes Entgelt natürlich. So würde der Staat einen Teil der Investitionen zurückbekommen. Möglicherweise würde die Firmengründung sogar zur profitabelsten Investition, die Deutschland je getätigt hat. Die deutsche Autoindustrie hat sich aus niederen Beweggründen dieser Technologie verweigert und eröffnet dem Staat damit die Möglichkeit eines Monopolprofits.

Das mit staatlichen Investitionen geschaffene Unternehmen könnte in der Zukunft wieder privatisiert und an die Börse geführt werden. Kleiner Nebeneffekt: Man wäre diese fürchterlich verfehdeten Familien los, die den erweiterten VW-Konzern wie Feudalbesitz regierten. Und man hätte die Möglichkeit, eine neue Unternehmenskultur zu schaffen, ohne die kein Neuanfang möglich wird.

Die Rettung von VW wäre die eigentliche Tragödie

Würde man hingegen den wahnsinnigen Versuch unternehmen wollen, den Wolfsburger Konzern zu retten, stünde weit weniger Geld für die Entwicklung dieser neuen Technologie zur Verfügung. VW müsste zunächst die ganzen Strafzahlungen verkraften, deren Gesamthöhe von US-Gerichten abhängig sein wird.

Außerdem wird der Autobauer zwei weitere Kategorien von Verlusten verbuchen müssen: Die Zahl verkaufter VWs fällt derzeit. Um das wenigstens teilweise zu kompensieren, gibt es jetzt schon kräftige Rabatte. Um diese kommerziellen Verluste aufzufangen, wird VW genau dort sparen, wo es aus strategischen Gründen eigentlich nicht sparen sollte: an Forschung und Entwicklung und an Investitionen. Man wird sich gesund sparen, weil man keine Alternative hat.

Dabei sind die Margen schon zu klein. Wenn jetzt noch die Preise und Absatzvolumina fallen, dann wird es eng für die deutschen Produktionsstandorte, vor allem in Wolfsburg.

Meine Einschätzung ist: Die Bundesregierung wird VW am Ende retten. Deutschland zahlt dann so eine Art Kohlepfennig für die Rettung einer weiteren perspektivlosen Industrie. Und genau das wird sich als die eigentliche Tragödie dieser ganzen Geschichte herausstellen, nicht der Betrug, der die ganze Geschichte ausgelöst hat.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 623 Beiträge
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Seite 1
snafu-d 06.11.2015
1.
Der Münchau dreht immer mehr ab.
vox veritas 06.11.2015
2. Genau ....
... helft den Arbeitnehmern. Ungefähr so, wie den Arbeitnehmern von Opel aus Bochum. Die sind alle in einer Auffanggesellschaft untergebracht worden und denen geht es heute richtig gut. War doch so, oder?
Europa! 06.11.2015
3. Wow!
"Journalisten bei Laune gehalten" - der Münchau traut sich was! Das Blöde ist nur, dass bei den Auto-Journalisten jeder weiß, dass sie korrupt sind. Die anderen (viel schlimmeren) wissen es nicht mal selber.
eIenJnEar 06.11.2015
4. Strafe
Ich habe selten so eine wirre Forderung gehört, auf welcher Sphäre schweben Sie Herr Münchau? Sie stellen hunderttausende Mitarbeiter unter Generalverdacht, wollen Sie "sippenhaftmäßig" für die Verfehlungen des Managements bluten lassen... Meinen Sie das Ernst? Ich sage Ihnen, was Ihre Aufgabe als ehemaliges "Sturmgeschütz der Demokratie" wäre: Forderung nach konsequenter Bestrafung der Manager, allen voran Herr Winterkorn. Aufdeckung der illegalen Verstrickungen von Politik und Wirschaft. Gerichtsprozesse wie in Island, in dem nach der Bankenkrise unzählige Manager inhaftiert und zur Rechenschaft gezogen wurden. Dazu sollten die Medien Staatsanwaltschaft und Co. treiben. Leider liest man davon nichts. Schade. Nach der ganzen Realitätsverweigerung der letzten Monate, bin ich mir nun 100%ig sicher, dass die Kündigung meines Spiegelabos genau richtig war.
giespel 06.11.2015
5. Münchau schreibt Amok
Münchau schreibt Amok. VW in die Insolvenz zu schicken wäre so, als wenn sie ihr Arzt sofort töten würde, wenn sie einen Schnupfen haben. Nicht mehr nachvollziehbar was hier publiziert wird.
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