Volkswagen Wirbel um die Crash-Reklame

Vier Wochen lang warb Volkswagen in den USA mit zwei Spots, die Autounfälle zeigen - ein Tabubruch. Die Filme sorgen jetzt für Diskussionen: Wie viel Gewalt ist erlaubt in der Werbung?

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Hamburg - Unbekümmert cruisen zwei junge Männer in ihrem Auto eine Straße entlang, durchs Wohngebiet. Sie reden über dies und das, auf der Straße ist kaum etwas los, wie das in Vorstädten in den USA eben so ist. Plötzlich quietschen Reifen, Scheiben splittern, ein Riesenlärm - ihr Wagen kracht frontal in einen Pick-up, der rückwärts aus einer Ausfahrt kommt.

Außer ein paar Blechschäden passiert nichts - die Airbags bewahren die beiden Männer vor Verletzungen. Sie steigen, benommen, aber ansonsten ohne Kratzer, aus ihrem zerknautschten VW Jetta, der in Deutschland zeitweise Vento und später Bora hieß.

Ein anderer Spot zeigt zwei Paare ebenfalls in einem Jetta. Sie sind abends unterwegs, unterhalten sich. Ihr Wagen wird von der Seite gerammt. Auch hier bleiben die Insassen unverletzt. Das Auto ist also auch seitlich ziemlich stabil, soll der Fernsehzuschauer sich denken.

Doch statt beruhigt blieben manche verwirrt, wenn nicht schockiert zurück. Bisher beschränkten sich die Autohersteller, wenn sie denn Unfälle in der Werbung zeigen wollten, auf die Darstellung von Labor-Crashs mit Dummys - oder von Symbolen, wie es Renault zurzeit in Deutschland mit zerplatzenden Weißwürstchen oder zerdrückten Sushi-Häppchen tut. Volkswagen hat im April nun mit den Crash-Spots, in denen Menschen in Unfallwagen sitzen, eine Grenze überschritten.

"Es gab einige Anfragen von Kunden, ob da Menschen in einen echten Unfall verwickelt waren", sagt ein VW-Sprecher aus Wolfsburg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Natürlich waren das Stuntmen." Das sei bei VW-Werbung immer der Fall, wenn Riskantes dargestellt werde - "selbst bei unserer Touareg-Werbung in Deutschland, als zwei Wagen in einem Flussbett unterwegs sind". Gleichwohl wurden keine besonders gesicherten Autos, sondern Jettas aus der Serienfertigung verwendet.

Die "Washington Post" schreibt heute dagegen von heftigen Reaktionen - positiven wie negativen. Man hasse die Werbung oder man liebe sie.

Starker Anstieg der Verkaufszahlen

Ein Autohersteller dürfe nicht zeigen, wie Menschen "unter solch schockierenden und gewaltsamen Umständen" hin und her geworfen werden, zitiert das Blatt Kritiker. Andere Autobauer hätten ähnliche Vorschläge für Spots abgelehnt.

Manche Zuschauer aber fanden die Werbung auch "ergreifend" und lobten das Herausstellen des Sicherheitsaspektes. Noch im April, als die Werbung ausgestrahlt wurde, stieg die Zahl der verkauften Jettas in den USA um mehr als 30 Prozent auf 9929 Fahrzeuge. Die von der amerikanischen Agentur Crispin Porter + Bogusky entwickelte Werbung sei Ende April planmäßig ausgelaufen.

"Der Jetta hat in den USA Sicherheitstest mit besten Noten bestanden", heißt es aus dem VW-Konzern. Sowohl bei einem Test der Behörde National Highway Traffic Safety Administration als auch bei einem des von Versicherungen getragenen Insurance Institute for Highway Safety (IIHS) habe der Jetta sehr gute Noten erhalten. "Das wollten wir mit den Spots herausstellen", so der VW-Sprecher. In den USA hätten solche Tests einen höheren Stellenwert in der Öffentlichkeit als beispielsweise in Deutschland.

Hier werde es derartige Werbung deshalb auch nicht geben, heißt es bei VW in Wolfsburg. Vielmehr wolle man in Deutschland spezifische Produktvorteile herausstellen und zudem eher heitere Geschichtchen erzählen.

In den USA warnen nun Sicherheitsexperten davor zu glauben, dass ein Auto grundsätzlich sicher sei und man immer ohne Verletzungen davon kommen könne. "Es ist aber auch gut, dass ein Autohersteller mit den Sicherheitsaspekten wirbt, anstatt darauf hinzuweisen, wie schnell seine Autos fahren oder dass die Stereoanlage 400 Watt Leistung bringt", lobte IIHS-Präsident Adrian Lund in der "Washington Post" die Spots.

Ganz konsequent ist Volkswagen aber nicht. In den USA wirbt der Konzern für den Golf GTI, immerhin mit 200 PS, mit dem Slogan "Make Friends With Your Fast" - in etwa "Freunde dich mit der Geschwindigkeit an".



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