Vom Banker zum Musical-Star Musik statt Millionen

Bruce Sabath hatte eine tolle Finanzkarriere an der Wall Street. Doch dann schmiss er hin - um Schauspieler zu werden. Jetzt feiert der 45-Jährige mit dem Musical "Company" ein umjubeltes Broadway-Debut.

Von , New York


New York - Kühle Dämmerung sinkt über den Times Square. Hinter den grellen LCD- und Neonfassaden verschwindet der Himmel, die Mienen der Passanten zerfließen zu flackernden Masken. "No Stopping Anytime", schreit ein Verkehrsschild. Es ist gleichsam das Motto dieses Ortes.

Um die Ecke im Ethel Barrymore Theatre, in dem Marlon Brando einst mit "Endstation Sehnsucht" zum Sexsymbol wurde, trudeln die ersten Schauspieler ein. Sie grüßen den Pförtner in seinem Kabuff am Bühneneingang, poltern die enge Treppe hoch zu ihren winzigen Garderoben, die sie sich jeweils zu zweit teilen.

Ein Arbeiter wischt das Parkett der Bühne. Der Vorhang ist offen. Der stille Zuschauersaal mit seinen Stucklogen liegt noch im Dunkeln.

"Dieses Theater atmet Geschichte", sagt Bruce Sabath. Er hat es sich in einer Lounge im ersten Stock gemütlich gemacht. Ein schweres Plüschsofa, Sessel, Kissen, Duftkerzen, ein plätschernder Zen-Brunnen, Schwarz-Weiß-Fotos von Manhattan, auf einem Tresen Wodka und Selters: Hier spannt das Ensemble aus. "Zweieinhalb Stunden am Stück auf der Bühne", sagt Sabath. "Das ist echte Arbeit."

"Ich bin der größte Glückspilz"

In der Tat: Das Musical "Company", dessen Revival hier diese Woche Premiere hatte, stellt besondere Ansprüche an die Schauspieler und Sänger. Die Neuinszenierung des Broadway-Klassikers von 1970 verzichtet aufs Orchester; stattdessen spielen die Darsteller selbst alle Instrumente und müssen deshalb stets auf der Bühne sein. Sabath singt und spielt Klarinette und Schlagzeug. Mit 44 Jahren ist dies sein Broadway-Debut - ein persönlicher Meilenstein.

Was auch in anderer Hinsicht bemerkenswert ist. Denn Sabath ist der einzige in der 14-köpfigen Truppe, der einen Harvard-Abschluss in angewandter Mathematik hat. Und der eine steile Karriere an der Wall Street hinter sich hat. Sein letzter Finanzjob war bei American Express.

Wie der Banker zum Broadway kam, ist eine dieser inspirierenden Storys, die New York erst einzigartig machen. Träume, Ehrgeiz, neuer Anfang, zweite Chancen, nichts ist unmöglich: Bruce Sabaths Geschichte symbolisiert, was schon Generationen hierher zog. Er hat sich seinen "American Dream" erfüllt. "Ich bin der größte Glückspilz", sagt er fröhlich.

Geschäftsplan fürs neue Leben

Dabei sah es lange aus, als würde Sabath den gleichen Weg gehen wie Tausende andere Wall-Street-Talente. Nach Harvard wurde der Ingenieurssohn ("In unserem Kreis gab's keine Künstler") Systemanalytiker beim Wirtschaftsprüfungskonzern Arthur Andersen. Von dort ging es zur Investmentbank First Boston, zur Beraterfirma Boston Consulting, zu American Express, wo er Produkte entwickelte. Er heiratete eine Finanzkollegin, kaufte sich ein Haus nördlich von Manhattan. Alles stimmte.

Nicht alles. "Ich hatte immer das Gefühl, am falschen Platz zu sein", erinnert sich Sabath. Nicht, dass ihm das wohlhabende, sorglose Luxusleben missfallen habe. Doch irgendwas fehlte. "Ich fühlte mich wie ein Hochstapler."

Musik war seit jeher sein Hobby gewesen. Im College hatte er gesungen und Laientheater gespielt. Die Bühne war seine Leidenschaft. Nur zum Karrieremachen kam sie nie in Frage. "Kein Geld, keine Sicherheit, keine Zukunft. Nachtarbeit. Rumreiserei. Es war unpraktisch."

Schließlich hatte seine Frau genug von seiner Nörgelei. "Wenn Geld keine Rolle spielen würde, was würdest du dann am liebsten machen?", fragte sie ihn. Für Sabath war die Antwort klar.

Höflichst abgewiesen

Im Mai 1997 schmiss er seinen Job hin. Doch nicht einfach so: Der Finanzfachmann verpasste sich einen richtigen Geschäftsplan - samt ausformuliertem Mission Statement: "Training, Kontakte, Erfahrung, Einsatz." Er ging sein neues Leben an wie einen neuen Deal.

Zwei Jahre lang büffelte Sabath im Studio des renommierten Schauspiellehrers Bill Esper. "Mit 35 war ich da der Älteste." Nebenher rannte er oft zu fünf, sechs Vorsprechproben am Tag, deren Termine er im Branchenblatt "Backstage" fand. "In neun von zehn Fällen wurde ich höflichst abgewiesen." Seine Frau wurde zur Haupternährerin. Es half, dass Sabath in seinen Großverdienertagen etwas Geld auf die hohe Kante gelegt hatte.

Langsam bekam er Engagements, "kleine, lausige Sachen". Sein erster richtiger Job in einem "Lysistrata"-Musicalverschnitt lief in einem winzigen Downtown-Theater mit 22 Sitzplätzen, "nicht mehr als ein Wohnzimmer".

Er hielt durch. Die Rollen wurden größer, die Bühnen auch. Er tingelte mit "Victor/Victoria" durch die Provinz: Florida, Georgia, Louisiana, Oklahoma. Zuhause wartete schon das zweite Baby. Er liebte sein neues Leben. "Ich tat etwas, was aus meiner Seele kam", sagt er breit grinsend. "Früher war alles so seelenlos."

In den Fußstapfen von Laurence Olivier

An "Company" geriet er durch Zufall. Er hatte sich fürs Revival des Musicals "Sweeney Todd" von Oscar-Preisträger Stephen Sondheim beworben, das neulich am Broadway Wellen schlug. Die Rolle bekam er nicht. Doch als derselbe Regisseur jetzt Sondheims "Company" neu belebte, erinnerte man sich an Sabath.

Eine Stunde bis zum Vorhang. Sabath holt sich im Schnellimbiss "Sbarro" am Broadway noch schnell einen großen Nudelsalat. Um 19.15 Uhr beginnen sie, ihre Instrumente zu stimmen. Draußen sammeln sich die Zuschauer, darunter etliche Theaterkritiker in langen Trenchcoats und Schals. Ein berittener Polizist hält die Menschenmenge vom Straßenverkehr fern.

"Company" ist eine bittersüße Satire über einen Junggesellen und fünf Ehepaare. Eine Satire über das Leben in New York, über Liebe, Leid und Freud. Sabath spielt "Larry", den reichen, stoischen Gatten einer daueralkoholisierten Society-Dame. Er trägt einen Samtsmoking und spielt das Gegenteil seines realen Daseins.

Letzter Zug nach Westchester

Fast zweieinhalb Stunden ist er auf der Bühne. Doch sein Gesicht zeigt keine Spur von "Arbeit", wie er es genannt hatte. Man sieht ihm an, wie sehr er es genießt. "Ich habe selten Lampenfieber", hat er zuvor in der Lounge gesagt. "Ich bin meist ziemlich relaxt." Auch wenn dies dieselbe Bühne ist, auf der schon Marlon Brando gestanden hat, außerdem Fred Astaire, Gene Kelly, Laurence Olivier, Lili Palmer, Henry Fonda, Olivia de Havilland, Katherine Hepburn.

Zum Schluss klatscht das Publikum stehend Beifall. Draußen hat ein Nieselregen eingesetzt, macht die grelle Lichtkulisse des Times Square zu einem surrealen Gemälde. Die Zuschauer strömen zur U-Bahn, vorbei am verdunkelten Atkinson Theatre gegenüber, wo das Bob-Dylan-Musical "The Times Are A-Changin'" gerade nach nur 63 Vorstellungen wieder abgesetzt wurde - ein Menetekel für die Unberechenbarkeit des Broadways.

Vermisst er die finanzielle Sicherheit der Wall Street nicht? Bruce Sabath lacht. "Ich habe so viel Spaß! Ich brauche keine Villen und Boote und all das. Das Leben ist mehr als Schufterei." Um 11.08 Uhr nimmt er an der Grand Central Station den letzten Zug nach Westchester. Um kurz nach Mitternacht ist er zu Hause.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.