Vorbild Dortmund Jenseits des Jammerns

In vielen Revierstädten löst der Kohlekompromiss großes Wehklagen aus. In Dortmund ist die Zeit des Jammerns längst vorbei: Die Metropole wurde schon zur innovativsten Stadt Europas gekürt. Dort gelingt der Strukturwandel besser als anderswo.

Von Andrea Brandt


Dortmund - Der Mann mit der Zellstoff-Haube untersucht im gelben Licht des Speziallabors ein fingernagelgroßes Gehäuse. Es ist ein Prototyp für einen Miniatur-Laser. Wenn alles nach Plan läuft, soll das Gerät künftig Kupferleitungen in Computern ersetzen – und nichts weniger als "die Welt verändern", sagt Thomas Gebauer, 35, Prokurist der Dortmunder Mikrotechnik-Firma Innolume.

Dortmund: Die Zeit des Jammerns ist vorbei
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Dortmund: Die Zeit des Jammerns ist vorbei

Einen US-Konkurrenten hat er inzwischen aufgekauft, eine Filiale im kalifornischen Silicon Valley eröffnet. Und ein großer amerikanischer Chip-Hersteller interessiert sich schon für die Erfindung. Es sind Menschen wie Gebauer, die der alten Industriestadt Dortmund derzeit ein neues Gesicht geben. Als "innovativste Stadt Europas" (europäisches Städtenetzwerk Eurocities) und "stiller Star" ("Handelsblatt") wird die 590.000-Einwohner-Stadt im Osten des Ruhrgebiets inzwischen gefeiert. Während der Kohlekompromiss in anderen Revierstädten Wehklagen über den Abbau von Arbeitsplätzen auslöst – obwohl es bis dahin noch viele Jahre sind – ist in Dortmund die Zeit des Jammerns längst vorbei: Besser als den Nachbarn gelingt der Stadt die Wende, auch wenn der Arbeitsmarkt davon nur langsam profitiert: Die Arbeitslosenquote in Dortmund sank im vergangenen Jahr von 17,0 Prozent auf derzeit 15,1 – liegt aber immer noch heftig über dem Bundesdurchschnitt von 9,6 Prozent.

Stahlwerk wird Segelrevier

Doch immerhin wächst das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner in Dortmund schneller als in Frankfurt am Main, München oder Hamburg. Der Anteil der Arbeitsplätze in zukunftsträchtigen Dienstleistungen ebenso. Technologieparks und Warenumschlagplätze für Handelsriesen sprießen auf Industriebrachen. Und sogar mit Luxuswohnungen am Wasser, samt Yachthafen und Szenegastronomie, will die Stadt bald Spitzenkräfte locken: Bis 2008 soll auf dem Gelände eines stillgelegten Stahlwerks ein Segelrevier entstehen – größer als die Hamburger Binnenalster. "Wir sind nicht verrückt", behauptet der Dortmunder Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer (SPD), "nur mutig".

Vor 150 Jahren trieb Ingenieurskunst aus Dortmund den Eisenbahnbau voran. Später gehörten Kohle, Stahl und Bier aus der Revierstadt zum Wirtschaftswunder-Deutschland wie Ludwig Erhards Zigarre. Dann, ab den sechziger Jahren, der Absturz: Erst schlossen die Zechen, später Brauereien und Stahlwerke. Zigtausende verloren ihren Job. Bevor ThyssenKrupp im April 2001 sein Stahlwerk dichtmachte, erwies der Konzern der Stadt einen letzten Dienst und finanzierte eine Studie von McKinsey. Dortmund sollte zehn Jahre lang alles daransetzen, Firmen aus den Branchen Logistik, Mikro- und Informationstechnologie (IT) anzulocken, empfahlen die Unternehmensberater.

720 IT-Firmen, 662 Logistik Unternehmen

Dahinter steckt das Prinzip der sogenannten Cluster-Bildung: Es sollten Zukunftsfirmen mit Fördermillionen herbeigelockt werden, bis weitere sich dank des Umfelds von selbst ansiedelten. Die Dortmunder griffen kräftig Geld ab, seit 2000 allein 221 Millionen Euro vom Land und der EU. Aber sie setzten die Hilfsgelder gezielter ein als manche andere Stadt. Heute sitzen in Dortmund 720 IT-Firmen, 662 Logistikunternehmen und 33 Mikro- und Nanotechnologie-Firmen.

Drei Gründe sieht der frühere McKinsey-Projektchef Thomas Heuser, 43, warum der Strukturwandel in Dortmund besser gelingt als anderswo. Die Stadt habe sich auf Zukunftsbranchen konzentriert, die zu der technisch ausgerichteten Universität passten. Das Geld sei in Projekte geflossen, die später ohne Förderung auskommen könnten. Und: Die richtigen Menschen seien am Werk. "Viele Städte können von Dortmund lernen", sagt Heuser.

Technologieförderung trotz leerer Kassen

Dortmund setzt auf Förderprojekte wie die MST.Factory: In das Gründungszentrum für Mikrosystemtechnologie-Unternehmen ist auch Gebauers Team mit Forschern aus Russland eingezogen – weil sie hier an gemieteten Spezialmaschinen arbeiten dürfen, die sich die Jung-Firma sonst kaum leisten könnte.

Neu an dem MST-Konzept ist die strenge Auswahl der Bewerber – viele bekamen Absagen, weil sie nicht innovativ genug waren. Dafür gibt es weitreichende Hilfe für die, die reindürfen: zum Beispiel mit kostenloser Beratung von Entwicklungs- und Vermarktungsexperten.

Trotz leerer Kassen steckt Dortmund anders als andere klamme Kommunen jährlich rund 20 Millionen Euro in Technologieförderung. Bei der Firma microParts etwa hat die Investition sich gelohnt. Nach fast 15 Jahren Forschungsarbeit in einem von der Stadt gebauten Labor- und Bürokomplex gelang 2004 der Durchbruch mit einem neuartigen Zerstäuber für Medikamente. 350 Mitarbeiter hat die Firma inzwischen. Für 100 Millionen Euro baut sie eine neue Fertigungshalle. "Dortmund boomt in den Zukunftsbranchen", sagt Manager Stefan Kreuzberger, 54.

Frühere Bergleute und Stahlkocher haben es schwer

Aber es dauert, bis Arbeitsplätze entstehen. An diesem Punkt haben auch die McKinsey-Berater danebengelegen. Rund 37.000 Menschen arbeiten heute in Dortmunds jungen Branchen. Vom Ziel, 70.000 neue Arbeitsplätze bis 2010 zu schaffen, sind die Planer also weit entfernt. Frühere Bergleute und Stahlkocher finden eben selten einen Job als Mikrotechniker. Randolf Walter, 43, ist eine Ausnahme. Der Ex-Bergmann prüft heute im microParts-Labor Zerstäuber-Düsen. Den meisten Arbeitslosen, sagt Walter, werde Dortmunds Wandel zwar nichts nützen – "aber ihren Kindern".

Und falls den Oberbürgermeister deshalb doch einmal Zweifel plagen, muntert ihn der Blick auf ein Stück Blech auf. "DO-IT" hat sich Langemeyer als Kennzeichen für seinen Dienstwagen ausgesucht: "Tu es".



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