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Vorsorgestudie: Vier von zehn Deutschen droht Unterversorgung im Alter

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Eine neue Studie enthüllt eklatante Mängel bei der Altersversorgung: Demnach kann fast die Hälfte der Erwerbstätigen ihren Wohlstand im Ruhestand nicht erhalten - selbst Riestern schützt nicht vor Unterversorgung. Vor allem für die 20- bis 35-Jährigen ist die Situation desolat.

Passanten (in Rostock): Grundversorgung für Jünger immer niedriger Zur Großansicht
ddp

Passanten (in Rostock): Grundversorgung für Jünger immer niedriger

Hamburg/Frankfurt am Main - Die finanzielle Vorsorge für den Lebensabend wird für die Deutschen immer schwieriger. Das geht aus dem ersten Vorsorgeatlas für Deutschland hervor, den der Rentenexperte Bernd Raffelhüschen vom Forschungszentrum für Generationenverträge der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg durchgeführt hat. Die Studie wurde im Auftrag der Investmentgesellschaft Union Investment erstellt.

Am Mittwochmittag wurde das Papier vorgestellt. Die bitterste Erkenntnis der sehr umfangreichen Studie dürfte etwas sein, das unter Fachleuten schon länger bekannt ist, in der Öffentlichkeit dagegen eher selten thematisiert wird: Nicht nur, wer sich rein auf die gesetzliche Altersversorgung verlässt, hat im Ruhestand deutlich weniger Geld. Selbst Riestern schützt nicht vor Wohlstandsverlust.

Beträgt die Rente weniger als 60 Prozent des letzten Bruttoeinkommens, ist jedenfalls der Lebensstandard nicht mehr zu halten, schreiben die Forscher - auch wenn von der Rente weniger Abgaben abgehen als vom Bruttolohn. Der Studie zufolge drohen 44 Prozent der erwerbstätigen Deutschen selbst bei einer Kombination aus gesetzlicher Versorgung und einer Zusatzleistung wie Riester- oder Betriebsrente im Alter die Unterversorgung.

Dabei ist der Wohlstand in Deutschland sehr ungleich verteilt. "Ziel war, den Altersvorsorgestatus der deutschen Bevölkerung zwischen 20 und 65 Jahren möglichst vollständig abzubilden", erklärte Hans Joachim Reinke, Vorstandsmitglied von Union Investment. "Die Studie gibt Auskunft darüber, in welchen Gebieten welche Bevölkerungsgruppen Handlungsbedarf in Sachen Altersvorsorge haben und bietet so Politik sowie Bürgern einen praxisorientierten Handlungsrahmen für ihre weiteren Entscheidungen", sagte Reinke bei der Vorstellung des Vorsorgeatlas.

Die Studie beschränkt sich dabei notgedrungen auf statistisch messbare materielle Aspekte des Wohlstands. Vielen Experten greift diese Definition zu kurz. "Geldvermögen und Renteneinkommen machen nur einen Teil dessen aus, was zum Wohlstand beiträgt - auch im Alter", sagt Udo Reifner, Direktor des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen. Eine gute Gesundheit und ein dichtes soziales Netz trügen ebenso einen entscheidenden Anteil dazu bei. "Was nützt mir ein hohes Einkommen im Alter, wenn ich jeden Handgriff teuer bezahlen muss, weil Freunde oder Kinder fehlen, die im Einzelfall zur Stelle sind", erklärt er. "Und - zynisch ausgedrückt - was nützt mir ein volles Bankkonto, wenn ich kaum noch die Freuden des Lebens genießen kann, weil ich im Job Raubbau mit meiner Gesundheit getrieben habe?"

Doch abseits dieser weichen Faktoren gilt unter Experten als unstreitig, dass die gesetzliche Altersvorsorge kaum noch ausreicht: Nur ein Viertel der 37 Millionen Personen, die Anspruch auf sie haben, können ausschließlich mit ihr mindestens 60 Prozent ihres letzten Bruttoeinkommens erreichen. Die Menschen in der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) erhalten im Durchschnitt nur rund 984 Euro monatlich und können damit rund 43 Prozent des letzten Bruttoeinkommens ersetzen. Nur für Beamte ist die Notwendigkeit zur Zusatzvorsorge geringer, da sie durchschnittlich mit einer Pension von 2570 Euro knapp 63 Prozent ihres letzten Bruttoeinkommens erhalten.

Der Vorsorgeatlas zeigt, wie desolat die Lage vor allem für jüngere Erwerbstätige ist. Deren Grundversorgung wurde durch die Reformen der GRV seit 2001 immer niedriger: 50 Prozent der Versicherten zwischen 20 und 35 Jahren haben demnach Rentenansprüche von weniger als 958 Euro - das entspricht einer Ersatzquote von weniger als 36,1 Prozent. Die GRV-Quote der 50- bis 65-Jährigen liegt gut 14 Prozentpunkte höher.

Bei der GRV besteht zudem laut Vorsorgeatlas ein klares Ost-West-Gefälle. Während Arbeitnehmer in den neuen Bundesländern mit der GRV durchschnittlich 49,6 Prozent ihres letzten Bruttoeinkommens erreichen, liegt die Quote in den alten Bundesländern mit 41,2 Prozent deutlich niedriger. Grund sei der höhere Altersdurchschnitt im Osten - die älteren Jahrgänge heben die Statistik demnach an.

Entgegen gängigen Vermutungen sehen sich zudem nicht nur die einkommensschwachen Gruppen, sondern auch gesetzlich Versicherte mit einem hohen Einkommen mit Problemen konfrontiert. So werden in der Einkommensklasse unter 900 Euro durchschnittlich 61 Prozent des letzten Bruttoeinkommens ersetzt - zum Leben reicht die Rente dennoch unterm Strich kaum.

Die Versicherten mit einem Einkommen von über 1500 Euro monatlich hingegen erreichen zwar deutlich höhere Alterseinkommen, die aber lediglich 33,9 Prozent des letzten Bruttoeinkommens ersetzen und somit nicht ausreichen, um das gewohnte Wohlstandsniveau zu erhalten.


Hinweis der Redaktion: In einer frühreren Version dieses Textes hieß es, die Autoren der Studie hätten die "Altersarmut" von bis zu 44 Prozent der derzeit Erwärbstätigen prognostiziert. Tatsächlich erwarten die Forscher für diese Gruppe aber einen gravierenden Wohlstandsverlust, der zwar zu Unterversorgung führt aber nicht unbedingt gleichbedeutend mit Armut sein muss. Wir haben die Formulierungen in dem Artikel angepasst.

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Forum - Werden die Jüngeren im System der Altersvorsorge benachteiligt?
insgesamt 547 Beiträge
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1. Überschätzte Rentner
cosifantutte 18.07.2009
Zitat von sysopDie Rentendiskussion dauert an. Das aktuelle Modell der Altersvorsorge benachteiligt nach Meinung vieler Kritiker vor allem jüngere Menschen. Wie beurteilen Sie die Schieflage in der Altersvorsorge? Wie könnte die Gerechtigkeit verbessert werden?
Es gibt Rentner, die genug zum Leben haben und solche, die gerade so am Existenzminimum (ungefähr Hartz 4) leben. Die ersteren werden dadurch, dass es in Zukunft keine Rentenerhöhungen mehr gibt, auch so nach und nach Richtung Hartz 4 rutschen (die Inflation steigt nämlich weiter). Also wem will man da noch etwas wegnehmen? Darauf scheint die Frage ja ab zu zielen. cosifantutte.
2.
ergoprox 18.07.2009
Zitat von sysopDie Rentendiskussion dauert an. Das aktuelle Modell der Altersvorsorge benachteiligt nach Meinung vieler Kritiker vor allem jüngere Menschen. Wie beurteilen Sie die Schieflage in der Altersvorsorge? Wie könnte die Gerechtigkeit verbessert werden?
Es ist zwar schon wieder einmal mehr als seltsam, dass zum Thema Rente schon wieder ein Thread aufgemacht wird, aber wenn es so ist... Die Antwort wäre: Keiner sollte sich zukünftig aus der gesetzlichen Renteneinzahlung (Beamte, Selbständige) entziehen dürfen -->Modell Schweiz. Abschaffung des Riesterschwachsinns, Einzahlung der dafür sinnlos verbratenen Steuermittel (die via Gebühren sowieso 1:1 in den Abzockbuden namens Versicherungen und Banken enden) in die Rentenkasse. Abschaffung des Zeitarbeits- und 1€ Job - Missbrauchs, Lohnzuwächse entsprechend der Produktivitätsentwicklung. Schon wäre die Rentenversicherung auf viele Jahre saniert.
3.
japan10 18.07.2009
Zitat von ergoproxEs ist zwar schon wieder einmal mehr als seltsam, dass zum Thema Rente schon wieder ein Thread aufgemacht wird, aber wenn es so ist... Die Antwort wäre: Keiner sollte sich zukünftig aus der gesetzlichen Renteneinzahlung (Beamte, Selbständige) entziehen dürfen -->Modell Schweiz. Abschaffung des Riesterschwachsinns, Einzahlung der dafür sinnlos verbratenen Steuermittel (die via Gebühren sowieso 1:1 in den Abzockbuden namens Versicherungen und Banken enden) in die Rentenkasse. Abschaffung des Zeitarbeits- und 1€ Job - Missbrauchs, Lohnzuwächse entsprechend der Produktivitätsentwicklung. Schon wäre die Rentenversicherung auf viele Jahre saniert.
Warum so eine einfache Lösung suchen wollen? Kohl hat die Rentenkasse im Osten verballlert und nun schaut man in die Röhre.
4.
ergoprox 18.07.2009
Zitat von japan10Warum so eine einfache Lösung suchen wollen? Kohl hat die Rentenkasse im Osten verballlert und nun schaut man in die Röhre.
Das sehe ich differenzierter ;-) http://www.sopos.org/aufsaetze/42347de5838d4/1.phtml
5. Jawohl
Verbalwalze, 18.07.2009
Die jungen werden bei der Altersvorsorge diskriminiert, dadurch dass inzwischen alle Risiken ausschließlich den Rentenzahlern seien es Steuerzahler oder Beitragszahler aufgebürdet werden. Die dynamische Rente in D ist an die Bruttolöhne gebunden, d.h. (1) Sinkt das Nettoeinkommen durch steigende Steuern und Sozialabgaben, bleibt die Rente gleich, der Wohlstand der Rentner nimmt relativ zu. (2) Sinkt die Anzahl der Beitragszahler konjunkturbedingt z.B. durch Arbeitslosigkeit bleibt die Rente gleich, die verbleibenden Zahler müssen eine Beitragserhöhung hinnehmen. (3) Steigt die Lebenserwartung, bleibt die Rente gleich, sie wird länger gezahlt und die Beiträge steigen. (4) Neu im Programm: Sinken die Bruttolöhne greift die Sperrklausel, die Renten bleiben gleich und die Beiträge auf das ohnehin geringere Einkommen steigen und schließlich das unbestrittene Superhighlight, der Oberknaller, ultimative Negierung des Verursacherprinzips, der Gipfel der Ungerechtigkeit (5) Verschlechtert sich das Verhältnis zwischen Rentnern und Beitragszahlern dadurch, dass die Rentner zuwenig Nachwuchs bekommen haben, dann (man kann es sich denken) bleiben die Renten gleich und die Beiträge werden erhöht. als Sahnehäubchen und Kirsche auf den Gipfel (6) Läuft die Konjunktur mal gut, wird nicht etwa die Staatsverschuldung abgebaut, sondern die Rentner erhalten eine Sonderzahlung. Und obendrauf: Dieser sittenwidrige Vollbetrugsvertrag wird nicht nur mit rechtsunmündigen, sondern mit ungeborenen abgeschlossen. Fair wäre: (1)-(3) sollten geteilt werden (4) niemals (5) geht gar nicht (6), meinetwegen, aber höchstens als Einmalzahlung Gruß Verbalwalze
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