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Vorwürfe gegen Hersteller: Atomares Zwischenlager soll mit Schrottbeton gebaut sein

Billiges Steinmehl statt Zement - mit diesem schlichten Trick soll ein Betonhersteller Ex-Mitarbeitern zufolge seine Kunden betrogen haben. Besonders brisant: Der "Süddeutschen Zeitung" zufolge wurde der Schrottbeton möglicherweise auch beim Bau eines atomaren Zwischenlagers verwendet.

Hamburg - Die Vorwürfe sind beängstigend: Ausgerechnet am Bau eines atomaren Zwischenlagers im Atomkraftwerk Neckarwestheim war ein Betonhersteller beteiligt, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Verdachts des Betruges ermittelt. Rund 35.000 Kubikmeter Beton habe der mittelständische Betrieb aus dem Raum Stuttgart dafür 2004 geliefert, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Beton, der den Vorwürfen ehemaliger Mitarbeiter zufolge nichts tauge. Das gehe aus mehreren Eidesstattlichen Versicherungen hervor, heißt es in dem Bericht.

Atomkraftwerk Neckarwestheim: In einem atomaren Zwischenlager soll der Schrottbeton verbaut worden sein
DDP

Atomkraftwerk Neckarwestheim: In einem atomaren Zwischenlager soll der Schrottbeton verbaut worden sein

So behaupte ein früherer Mischmeister des Unternehmens, dass überall dort, wo der fragwürdige Beton verwendet wurde, "deutlich vor Ablauf der erwarteten Lebenszeit teure Sanierungen oder sogar die Abrissbirne drohen".

In dem atomaren Zwischenlager, das mit dem Billig-Beton gebaut worden sein soll, werden abgebrannte Kernelemente aufbewahrt, bevor sie zur Wiederaufarbeitung gebracht werden. Den Aussagen der Ex-Mitarbeiter zufolge soll der minderwertige Beton unter anderem auch bei den Museen der Autohersteller Mercedes-Benz und Porsche eingesetzt worden sein, sowie beim Bau der Neuen Messe Stuttgart und von Kindergärten und Kliniken.

Das baden-württembergische Umweltministerium hat bereits Experten ins Castorlager in Neckarwestheim geschickt, um den Hinweisen nachzugehen. Das Ergebnis werde an diesem Freitag veröffentlicht.

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Stuttgart bestätigte, dass gegen den Betrieb "unter anderem wegen des Verdachtes des Betruges" ermittelt werde. Derzeit würden noch Unterlagen, die bereits 2007 bei einer Razzia im Privathaus des Unternehmers und in den Firmenräumen durchgeführt wurde, ausgewertet. Es gebe noch "keine gesicherten Erkenntnisse, dass überhaupt Qualitätsabweichungen vorlagen". Das baden-württembergische Umweltministerium kündigte dem Blatt zufolge an, den Sachverhalt umgehend prüfen zu wollen.

Ein Sprecher des Betonherstellers erklärte, er könne sich "im Hinblick auf das laufende Ermittlungsverfahren zu den Vorgängen nicht äußern". Das Unternehmen kenne Herkunft und Inhalt der Eidesstattlichen Versicherungen nicht. "Es ist völlig unverständlich, dass solch offensichtlich falsche Behauptungen aufgestellt werden", sagte der Sprecher. Die Firma "verkauft und vertreibt keinen minderwertigen Beton".

Den Schilderungen von Ex-Mitarbeitern zufolge sollen dagegen laut "SZ" Betonmischanlagen manipuliert worden sein. Es habe einen zweiten Kreislauf gegeben, so dass durch schlichtes Umstellen anstelle von "hochwertigem Zement billiges Steinmehl" beigemischt worden sei. Der Mischmeister habe dies nicht verhindern können, da der Prozess via Internet aus der Firmenzentrale oder vom Chef "mit seinem Laptop sogar auch aus dem Auto heraus" gesteuert worden sei.

"Die Folgen der Manipulationen" seien nicht auf den ersten Blick erkennbar, erklärte demnach ein Ex-Mitarbeiter. "Auch der minderwertige Beton härtet aus und Bauwerke scheinen standsicher." Nur halte er eben nicht so lange.

ase/afp/dpa

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