Clinch mit Großgläubiger Ögers krumme Touren

Der Touristikunternehmer Vural Öger kämpft mit den Folgen seiner Insolvenzen. Eine Bank ist wegen eines Millionenkredits hinter ihm her. Vor Gericht scheiterte Öger bislang krachend.

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Mit Vural Öger verhält es sich derzeit ein bisschen so wie mit einem alternden Schlagerstar, der durch Möbelhäuser und Baumärkte tingelt, um die besseren Tage zu glorifizieren.

Mal tritt er in den Hamburger "Tanzenden Türmen" beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft auf, der "einen exklusiven Blick auf die legendäre Unternehmer-Ikone" verspricht. Am heutigen Montag wird Öger beim Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten im Steigenberger Hotel erwartet.

Gerne erzählt er dann, wie toll seine Zeit als Pionier des Türkei-Tourismus war, wie erfolgreich die Phase als EU-Parlamentarier, wie zielsicher er als Juror in der Vox-Sendung "Die Höhle des Löwen" tragfähige Geschäftsideen identifiziert hat. Aber er versäumt auch nicht zu erwähnen, wie übel ihm mitgespielt wurde, nachdem seine beiden verbliebenen Unternehmen Öger Türk Tur (ÖTT) und V.Ö. Travel (VÖT) im Januar 2016 Insolvenz angemeldet hatten.

Immer wieder ist bei seinen Auftritten und Äußerungen von "Unverschämtheiten" die Rede, von "Rufschädigung", und von Journalismus, den es "so nicht geben darf".

Nun ist eine Insolvenz nichts Ehrenrühriges, selbst der neu gewählte US-Präsident Donald Trump hat diverse hinter sich. Schwierig wird es nur, wenn man Tatsachen verdreht, und die Schuld ausschließlich bei anderen sucht. "Ich werde es nicht zulassen, dass man aus mir einen Kriminellen macht", sagt Öger. Bislang sind es allerdings vor allem seine eigenen Handlungen, die ihn in einem schiefen Licht erscheinen lassen. Und nach neuen Recherchen des SPIEGEL steckt Öger noch tiefer in Problemen als bislang bekannt.

"Scheinwohnsitze" und "Verschleierung der Wohnanschrift"

Kern seines Zorns ist ein im Mai 2016 von seinem ehemaligen Geschäftspartner SunExpress - ein Gemeinschaftsunternehmen aus Lufthansa und Turkish Airlines - erwirkter Arrestbefehl gegen Öger. Die Auseinandersetzung mit seinen Gläubigern gipfelte am 12. Juli 2016 sogar in einem Haftbefehl gegen ihn. Dieser wurde erst ausgesetzt, als Öger am 28. Juli 2016 einem Gerichtsvollzieher die von ihm geforderte Auskunft über sein verbliebenes Vermögen gab.

Öger schuldet SunExpress nach der Pleite seiner Firmen noch rund 17 Millionen Euro. Dafür hatte er eine persönliche Bürgschaft abgegeben. Doch um den Zugriff auf sein Privatvermögen zu verhindern, begann Öger offenbar wenige Tage vor Fälligkeit einer vereinbarten Rate, systematisch Immobilien zu verkaufen und Firmenanteile an nahestehende Personen zu verschieben. (Lesen Sie hier, wie Öger dabei vorging.)

SunExpress vermutete eher eine Verschleierung des Vermögens, da nach Einschätzung von SunExpress einiges deutlich unter Wert gehandelt wurde - was Öger allerdings vehement bestreitet. Doch mit dem Vorwurf der Verschleierung fand SunExpress Gehör beim Landgericht Frankfurt, das dem Arrestbegehren gegen Öger schließlich stattgab.

Diese Wahrheit mochte Öger der Öffentlichkeit offenbar nicht zumuten. Und überhaupt: Es ginge nur um eine unternehmerische Insolvenz, "nicht um mein Privatvermögen", sagte Öger der "Zeit" im Januar. In der Zeitschrift "Bunte" ließ er sich am 16. Juni 2016 zitieren, der Arrestbefehl "wurde vor wenigen Tagen aufgehoben. Ich hatte Widerspruch eingelegt".

Mit diesem Widerspruch ist Öger jedoch vor Gericht - anders als er behauptet - krachend gescheitert. Öger argumentierte anfänglich, der Arrestbefehl könne gar nicht wirksam sein, da er ihm nicht fristgerecht zugestellt worden sei. Doch wie auch? Von seiner Hamburger Adresse war er seit dem 18. Mai 2016 "unbekannt abgemeldet", eine neue Meldeadresse gab es nicht.

Stattdessen gab Öger an, in einer WG seiner Kinder in München untergekommen zu sein, was dort angetroffene Bewohner jedoch verwundert verneinten. In Schriftsätzen seiner Gegner ist von "Scheinwohnsitzen" die Rede. Einen Gerichtstermin in München ließ Öger verstreichen.

Bei dieser Sachlage mochte das Landgericht Frankfurt Ögers Argumentation, der Arrestbefehl sei nicht wirksam geworden, nicht folgen. Da eine Gerichtsvertreterin innerhalb der Frist unter der von Öger angegebenen Münchner Adresse den Befehl ausgehändigt, "einen Pfändungsversuch unternommen und in der Folge die Zwangsvollstreckung vorläufig eingestellt" habe, sei der Arrest tatsächlich wirksam geworden, so das Gericht in seiner Entscheidungsbegründung. Darin spricht es auch von "Verschleierung der Wohnanschrift".

Öger wittert eine Verschwörung

Am 9. September 2016 lehnte es daher Ögers Widerspruch in vollem Umfang ab und bestätigte damit auch die Darstellung in den Medien. Anders als Öger ist "das Gericht der Auffassung, dass SunExpress aus der Bürgschaft auch entsprechend Ansprüche herleiten kann", heißt es in der Entscheidung. Es sei der Schluss gerechtfertigt, "dass es dem Arrestbeklagten (also Öger) darum ging, Vermögenswerte der Vollstreckung zu entziehen". Nach Angaben des Gerichts ruft Öger die nächste Instanz zu Hilfe.

Für Öger ist das alles ein abgekartetes Spiel, er wittert eine Verschwörung, hinter der höhere Mächte stehen. Man habe ihm "eine Falle gestellt", er sei "ein Opfer von Putin und Erdogan", sie steckten in Wahrheit hinter seiner Pleite, weil Öger sich zwischenzeitlich mal kritisch über den türkischen Präsidenten geäußert habe. Das teilstaatliche Unternehmen Turkish Airlines habe ihn daraufhin aus dem Markt drängen wollen. Mit den Verkäufen habe er lediglich Geld flüssig machen wollen, um seine Firmen zu retten.

Eine schöne Legende, doch mit der Realität dürfte das wenig zu tun haben. Mag sein, dass der Türkei-Tourismus in den vergangenen ein, zwei Jahren zurückgegangen ist, doch Öger scheint weniger mit den ausbleibenden Touristen ein Problem gehabt zu haben, als mit ordentlicher Haushalts- und Unternehmensführung.

Denn Ögers Firma ÖTT hat ohnehin kaum Touristen bedient, sondern vielmehr den "ethnischen Reiseverkehr" - also in Deutschland lebende Türken, die auf Heimatbesuch fliegen. Ganz unabhängig von der politischen Großwetterlage.

Dass sich Öger betriebswirtschaftlich verzettelt zu haben scheint, belegen neue SPIEGEL-Recherchen, wonach "SunExpress" bei Weitem nicht der einzige Gläubiger ist, bei dem Öger hoch in der Schuld steht.

Auch die Isbank mit Sitz in Frankfurt am Main ist hinter Öger her. Und die dürfte weder etwas mit Putin, noch mit Erdogan am Hut haben, sondern ist Mitglied im Bundesverband deutscher Banken und betreut ausschließlich in Deutschland türkischstämmige Menschen und türkische Unternehmen.

Öger verstrickt sich immer tiefer in juristischen Auseinandersetzungen

Ebenjene Isbank gewährte Ögers Unternehmen ÖTT im Oktober 2012 - also lange vor irgendeiner Tourismuskrise - einen Kredit in Höhe von 5.220.000 Euro zur "Betriebsmittelfinanzierung". Ein variabler Zinssatz von neun Prozent wurde vereinbart, bei Überziehung der Kreditlinie wären 14 Prozent fällig geworden. Als Sicherheit für den Kredit stimmte Öger einer möglichen Verpfändung seiner drei Festgeld-Konten zu.

Entscheidender aber ist, dass Öger auch hier - wie im Fall SunExpress - am 5. Oktober 2012 eine persönliche Bürgschaft unterzeichnete. Da Öger auch gegenüber der Isbank noch erhebliche Außenstände hat, versucht diese nun, über die Bürgschaft an sein Privatvermögen zu gelangen. Wie SunExpress hegt auch die Isbank den Verdacht, Ögers Immobilienverkäufe dienten ausschließlich dem Zweck, das Vermögen vor ihr als Großgläubigerin in Sicherheit zu bringen.

Öger scheint sich offenbar lange sicher gewesen zu sein, unternehmerisch ein gutes Händchen zu haben. Schon im Jahr 2006 unterzeichnete er eine allgemeingültige "Patronatserklärung", in der er sich verpflichtete, "gegenüber den Gläubigern der ÖGER TÜRK TUR Handels- und Reise GmbH, dafür Sorge zu tragen, dass die Verbindlichkeiten von der Gesellschaft vollständig und fristgerecht zurückgeführt werden; dafür werde ich die Gesellschaft finanziell stets so ausstatten und leiten, dass sie jederzeit in der Lage ist, ihren Verpflichtungen nachzukommen."

Diese Art Blankoscheck bringt nun die Isbank vor, um an ihr Geld zu kommen.

Doch statt mit den Gläubigern nach einvernehmlichen Lösungen zu suchen, verstrickte sich Öger immer tiefer in juristischen Auseinandersetzungen. SunExpress hat er auf Schadensersatz in ebenjener Höhe verklagt, die das Unternehmen eigentlich von ihm fordert. Die Entscheidung des Landgerichts Frankfurt, wonach der Arrestbefehl in vollem Umfang gültig ist, wollte er nicht akzeptieren, der Fall landete vor dem Oberlandesgericht. Auch mit der Isbank liegt Öger juristisch im Clinch. Bis vergangene Woche auch mit SPIEGEL ONLINE, gegen das er Klage auf Unterlassung wegen früherer Berichterstattung eingereicht hatte.

Doch das Landgericht Hamburg machte bereits im Vorfeld der Verhandlung deutlich, dass sich Öger offenbar verrannt hat. Nach vorläufiger Einschätzung hielt es die Klage gegen SPIEGEL ONLINE in allen zentralen Aspekten für unbegründet. Punkt für Punkt arbeitete das Gericht Ögers Beanstandungen ab, um zu schließen: "Aus den ... Ausführungen ergibt sich, dass die weiteren Anträge voraussichtlich keinen Erfolg haben werden." Diese weiteren Anträgen betrafen eben den - von Öger bestrittenen - Verdacht, dass er Vermögen beiseite geschafft und zahlreiche Immobilien und Unternehmensanteile unter Wert veräußert hat, um sich gegenüber seinen Gläubigern möglichst mittellos präsentieren zu können.

Vor diesem Hintergrund zog Ögers Anwalt Michael Nesselhauf daher am vergangenen Donnerstag die Klage zurück.

Ein Umstand, der bei Ögers Tingeltour wohl nicht zur Sprache kommen dürfte.

insgesamt 40 Beiträge
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Hupert 21.11.2016
1. Super...
...das Typen wie er und Maschmeyer es sich tatsächlich rausnehmen dürfen die Geschäftsideen junger Unternehmer zu bewerten. Naja, RTL eben...
DMenakker 21.11.2016
2.
haben die Banken die Werthaltigkeit der Bürgschaft überprüft? Dann muss Öger ja tatsächlich noch 2006 für den gebürgten Betrag gut gewesen sein. Selbst wenn er es jetzt schafft, ein paar Immobiien am Fiskus vorbei an Freunde zu verscherbeln, was soll ihm das bringen? Der neue Eigentümer muss erst einmal die Finanzierung sichern ( und versteuern ) und dann evtl. Ausschüttungen an Öger schwarz, sprich aus versteuertem Geld leisten. D dürfte damit für Öger tabu sein. Also für was die ganzen Aufreger? Will er doch auf seine guten alten Tage nochmals zurück in die Heimat? Wenn ja, sollte er bedenken, wieviel weniger er dort zum "reich" sein braucht, als in D. Lohnt sich also wieder nicht die ganze Aktion. Ich glaube, da ist - ähnlich wie bei Schlecker - ein gewisses Mass an Altersstarrsinn am Werk, bei dem sich alte Männer ihr eigenes Scheitern nicht eingestehen können. Schade um ihn.
Baal 21.11.2016
3. Wenn er sich
tatsächlich arm gerechnet hat müssen diese Verkäufe und Schenkungen eben annulliert werden. Ich hafte ja auch mit meinem Privatvermögen wenn mein Arbeitgeber pleite macht indem ich erst alles Ersparte "aufbrauchen" muss bevor ich Hartz4 bekomme. Vielleicht ist er ja deshalb pleite weil er sein Unternehmen durch Entnahme von Betriebskapital (Millionengehalt für sich selbst) nicht mehr lebensfähig war. Soll schon vorgekommen sein.
der_gärtner13 21.11.2016
4. Immer schade, solche Selbst-Demontagen
in der Öffentlichkeit. Ich denke Öger war lange Zeit ein gutes Vorbild und Inspiration für viele Migranten und Deutsche, auch wenn er natürlich aus einer prädestinierten Klasse kam. Er hätte 2010 nach dem Verkauf seiner Firma in Rente gehen, weiß der Teufel was ihn geritten hat wieder anzufangen. Leute wie er können Rente vermutlich nicht.Nun ist er alt, stolz, hat Fehler gemacht und haftet mit seiner Altersvorsorge. Schade dass er nun im finalen (selbst gewählten) Kampf seiner Unternehmerkarriere so selbstzerstörerisch auftritt und letztendlich auch an den eigenen charakterlichen Ansprüchen scheitert.
Zehetmaieropfer 21.11.2016
5. SPD - Politiker
Sie haben vergessen zu erwähnen für welche Partei Herr Öger im Europäischen Parlament saß, nämlich für die SPD
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