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09. November 2007, 17:14 Uhr

Wachsende Überschuldung

Jeder zehnte Erwachsene ist finanziell am Ende

Trotz Aufschwung und sinkender Arbeitslosigkeit: Mehr als sieben Millionen Deutsche können ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen, stehen vor dem Ruin. Immer öfter wird ihnen die von der Werbung angeheizte Lust am schnellen Konsum zum Verhängnis.

Düsseldorf - Das Gesamtvolumen des aufgehäuften Schuldenberges: 208 bis 271 Milliarden Euro. Diese Berechnung findet sich in dem neuen Jahresbericht der Wirtschaftsauskunftei Creditreform über die Schulden-Lage der deutschen Privathaushalte. Schon mehr als jeder zehnte Erwachsene kann demnach seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen.

Auslöser für die Überschuldung sind Creditreform-Vorstand Helmut Rödl zufolge meist Schicksalsschläge: Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Krankheit. Doch immer öfter steckt auch die von der Werbung angeheizte Lust am Geldausgeben dahinter. Immerhin rund eine Million Betroffene seien durch übertriebene Kauflust in die Schuldenfalle geraten, betonte Rödl.

Besondere Sorgen macht dem Creditreform-Vorstand, dass vor allem bei jüngeren Menschen die Verschuldung steigt. "Überschuldung wird immer jünger", sagte er. Bei Jugendlichen nach wie vor eine große Gefahr: Handyverträge mit für die Betroffenen unüberschaubaren Kosten.

Überschuldung ist der Studie zufolge längst nicht mehr ein Problem der sozial Schwachen – sie erreicht zunehmend die Mitte der Gesellschaft. Oft sei es das durch Arbeitslosigkeit verursachte Scheitern einer Baufinanzierung, möglicherweise noch verbunden mit einer Scheidung. Dies treibe auch gutverdienende Angestellte oder Freiberufler in die Überschuldung, berichtete Rödl.

Verschlimmert werde die Lage in diesen Fällen vielfach durch den Versuch, an alten Lebensgewohnheiten festzuhalten – auch dann, wenn sich das längst nicht mehr finanzieren lässt.

Niedriglohnjobs helfen nicht

Überrascht bemerkte Rödl, dass der Wirtschaftsaufschwung nicht zu einem Rückgang der Verschuldung geführt habe. Seine Erklärung: Viele der neugeschaffenen Arbeitsplätze seien im Niedriglohnbereich angesiedelt. Die Betroffenen verschwänden damit zwar aus der Arbeitslosen-Statistik. Die Überschuldungsgefahr verringere sich jedoch wenig, da der Verdienst oft nicht zu einem normalen Leben reiche. Außerdem werde vielen einkommensschwachen Haushalten zum Verhängnis, dass die Reallohn-Entwicklung in den vergangenen Jahren nicht mit dem Preisanstieg mitgehalten habe.

In Ostdeutschland gibt es der Studie zufolge im Verhältnis mehr überschuldete Haushalte als im Westen - doch dafür sind in den alten Bundesländern die Schulden deutlich höher. Die höchsten Schuldnerquoten weisen die Länder Bremen, Berlin und Sachsen-Anhalt auf, die geringsten Bayern und Baden-Württemberg.

Ein Alarmzeichen sieht Creditreform darin, dass sich der Abstand zwischen Regionen mit geringer und hoher Überschuldung weiter vergrößert hat. Die Schuldner konzentrierten sich immer stärker in bestimmten Gebieten, so dass man schon fast von "Schuldenghettos" sprechen könne, sagte Rödl. Dies sei auch gesellschaftlich problematisch, denn eine hohe Zahl von Schuldnern gehe - wie die Daten zeigten - einher mit einer niedrigen Wahlbeteiligung und politischer Apathie.

Auch in den nächsten Jahren rechnet Rödl nicht mit einem markanten Rückgang der Schuldnerquote. Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen dürfte sogar noch drastisch steigern, prognostiziert der Experte.

Schließlich hätten bisher erst fünf Prozent der Schuldner von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, auf diesem Weg in den Genuss eines Schuldenerlasses zu kommen.

Erich Reimann, AP

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