Währungs-Rallye "Vorteile des starken Euro überwiegen"

Europischen Unternehmen wird angesichts des Euro-Höhenfluges bange. Doch statt über sinkende Exportchancen zu jammern, sollten sie die Vorteile entdecken. Europa, so die Meinung vieler Volkswirte, kann mit einem starken Euro sehr gut leben.


Hamburg - Die Rechnung ist eigentlich recht simpel: In Europa sind die Zinsen am Geldmarkt doppelt so hoch wie in den USA, und auch Anleihen rentieren besser. Also raus aus dem Dollar, rein in den Euro. Deshalb ist der Dollar kräftig ins Rutschen gekommen, ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Keine Sorge vor einem Wert von 1,20 Dollar: Euro-Symbol vor der EZB-Zentrale in Frankfurt am Main
DPA

Keine Sorge vor einem Wert von 1,20 Dollar: Euro-Symbol vor der EZB-Zentrale in Frankfurt am Main

Die höheren Zinsen in Europa reichen aber nicht aus, um die rasante Klettertour des Euro zu erklären. "Die USA sind als Anlageplatz längst nicht mehr so attraktiv wie noch vor wenigen Jahren", sagt Lothar Hessler, Volkswirt bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Vor allem das gigantische Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten habe dafür gesorgt, dass sich Investoren nach Alternativen umschauen. "Euroland ist nicht mehr bereit, einen großen Teil des US-Defizits zu finanzieren", sagt Hessler. Da spiele es auch nur eine geringe Rolle, dass Marktbeobachter vor einer zu schnellen und zu starken Aufwertung des Euro sprechen. Das Defizit und die hohe Verschuldung der US-Haushalte bestimmen die Diskussion: Und das schiebt den Euro kräftig an.

Amerikanisches Jahrzehnt ist vorbei

Gernot Griebling, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg, schlägt in die gleiche Kerbe: "Das amerikanische Jahrzehnt an den Finanzmärkten ist vorbei". Die USA benötigten derzeit rund zwei Milliarden Dollar pro Tag, um ihr Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren, rechnet er vor. "In Zeiten boomender Kapitalmärkte, in denen Unternehmen hohe Gewinne erzielen und ausländische Investoren mit hohen Renditen belohnt werden, war das ohne Schwierigkeiten möglich", so Griebling weiter. Doch dieses Vertrauen sei nach dem Platzen der Börsenblase geschwunden. Immer mehr Investoren - asiatische Zentralbanken wie auch Anleger - schichteten daher ihre Dollar-Anlagen in Euro um.

"Euro ist noch nicht überbewertet"

Der Abschied der Investoren aus den USA macht den Euro stark, obwohl die jüngsten europäischen Konjunkturdaten alles andere als berauschend sind. Die Wachstumsaussichten in Europa sind mau, doch wirkt dies auf viele Investoren weniger bedrohlich als die Milliardenlöcher im US-Haushalt. "Da derzeit diese Risken im Vordergrund stehen, ist der Euro auch bei 1,15 US-Dollar noch nicht überbewertet", sagt Griebling.

Hohe Kaufkraft, geringe Inflation durch starken Euro

Obwohl vor allem die Exportorientierten Unternehmen über den rasanten Euro-Aufschwung stöhnen, müsse Europa angesichts des Höhenfluges der Gemeinschaftswährung nicht bange werden. "Die Vorteile eines starken Euro überwiegen", betont Griebling. Dadurch würden zum Beispiel ausländische Importe billiger, und die Energiekosten fielen deutlich. Das entlaste sowohl Unternehmen als auch die privaten Haushalte, so dass mehr Geld für Investitionen und den Konsum frei werde.

In Deutschland mögen einzelne Unternehmen, die einen großen Teil ihrer Produkte in den USA verkaufen, unter dem starken Euro leiden. Doch rund 42 Prozent der deutschen Exporte bleiben ohnehin innerhalb des Euro-Raums. "Deutschlands Ausfuhren in die EU-Beitrittskandidaten haben wertmäßig zuletzt sogar leicht höher gelegen als die in die USA", erklärt Griebling. Außerdem sei die Konjunkturlage der einzelnen Handelspartner ohnehin wichtiger als die viel diskutierten Währungsschwankungen.

"Gesunder Prozess"

"Mittelfristig importieren wir Stabilität über einen starken Euro", ergänzt Hessler. Es gehe auch darum, dass sich Ungleichgewichte zwischen den einzelnen Ländern ausgleichen: Entweder entdecken die USA das Sparen oder ihr Defizit wird über eine weitere Abwertung ihrer Währung heruntergebracht. Langfristig sei es für alle Handelspartner sinnvoll, dass das US-Defizit deutlich sinkt.

Wenn die einzelnen EU-Länder ihre strukturellen wirtschaftlichen Probleme durch politische Reformen in den Griff bekommen, braucht die europäische Volkswirtschaft einen starken Euro nicht zu fürchten. "Wir können mit einem Euro bei 1,20 Dollar leben", meint der HSBC-Experte. "Allerdings müssen wir uns der Realität stellen, dass wir auch in den kommenden Jahren nur vergleichsweise geringes Wachstum haben werden - und gleichzeitig die Probleme auf dem Arbeitsmarkt zu lösen haben."

Der Euro werde nach Einschätzung von Hessler stark bleiben und vorerst nicht unter die Dollar-Parität zurückgehen. Dies werde zwar kurzfristig Belastungen und Risiken bringen, sei aber langfristig ein "gesunder Prozess". Statt auf die EZB zu schimpfen, könnte zum Beispiel Deutschland Arbeitskosten senken, die Konsumenten entlasten und damit die Binnenkonjunktur stimulieren - wer seine Hausaufgaben erledige, brauche sich um eine starke Währung nicht zu sorgen.

Der starke Euro erhöht durch die billigeren Importe nicht nur die Kaufkraft der Konsumenten, sondern senkt auch das Inflationsrisiko. Die Notenbank erhält dadurch mehr Spielraum, um bei Bedarf die Zinsen zu senken. Die Kritik an der Entscheidung der EZB, die Zinsen zunächst unverändert zu lassen, hält LBBW-Analyst Griebling deshalb für ungerechtfertigt. "Es macht Sinn abzuwarten, ob sich die derzeit schwachen Konjunkturprognosen bestätigen. Außerdem ist es möglich, dass der Euro nach seiner rasanten Klettertour bald wieder auf ein Niveau von 1,10 Dollar konsolidiert - in diesem Fall wäre eine Zinssenkung verfrüht gewesen."



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