Währungsumstellung Markstücke zu Manschettenknöpfen

Millionen Europäer zahlen nun mit dem gleichen Geld. Die Mark wird zum Museumsstück, die Scheine werden in Kraftwerken verheizt. In der ersten Euro-Nacht waren Pannen so selten wie echte Begeisterung. Während Politiker auf mehr Wachstum und ein einiges Europa hoffen, selbst der Papst den Euro begrüßte, bleiben viele Bürger skpetisch.


Silvester-Party an der Pariser Pont Neuf: Neugier auf die neue Währung
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Silvester-Party an der Pariser Pont Neuf: Neugier auf die neue Währung

Frankfurt am Main - Das neue Geld sei mit Feuerwerken und ausgelassenen Feiern begrüßt worden, berichten sämtliche Nachrichtensender und -agenturen am Dienstag. Und schon ist der vermutlich erste Mythos der Euro-Ära geprägt. Ausgelassene Feiern und Feuerwerke sind schließlich an Silvester keine Seltenheit.

Gleichwohl: Der Euro ist nun für 306 Millionen Bürger in zwölf Staaten Wirklichkeit geworden. Und das Silvesterfest in Berlin wurde im Beisein von Gästen gefeiert, die sonst nicht eben mit Feiern in Verbindung gebracht werden: Bundesfinanzminister Hans Eichel und Bundesbankpräsident Ernst Welteke. In der Euro-Hauptstadt Frankfurt am Main hörten Tausende die Klänge von Beethovens "Freude, schöner Götterfunken" zur Euro-Premiere um Mitternacht.

Schlangestehen im Eiswind

In Verzückung über die größte Währungsumstellung der Geschichte gerieten die Menschen allerdings kaum irgendwo. Tausende nutzten die frühen Morgenstunden, um die ersten Euro-Scheine aus den Geldautomaten zu ziehen. "Ein bisschen wie Spielgeld", war der am meisten gehörte Kommentar der neuen Euro-Besitzer.

Etliche Banken hatten am Neujahrsmorgen ihre Schalter geöffnet, so etwa eine Filiale der Dresdner Bank am Brandenburger Tor in Berlin. Dort bildete sich rasch eine lange Menschenschlange bis hinaus auf die Straße. Auch vor den Wechselstuben auf Schweizer Bahnhöfen drängelten sich die Menschen, oft waren es Münzsammler, die einen kompletten Satz der neuen Scheine mit nach Hause nehmen wollten.

Eisige Kälte in Helsinki konnte die Finnen nicht davon abhalten, sich stundenlang vor den Filialen der Nationalbank nach dem Euro anzustellen. Im Frankfurter Bankenviertel bildeten sich kleine Schlangen vor zahlreichen Automaten.

Muster-Europäer Wolfgang Schüssel

Die Umstellung startete am Montagabend im französischen Überseegebiet La Reunion im Indischen Ozean, um 23 Uhr deutscher Zeit folgten Griechenland und Finnland, um Mitternacht die anderen zehn Euro-Länder.

Als entscheidenden Schritt zu einem vereinigten Europa lobte EZB-Direktoriumsmitglied Domingo Solans die Einführung des Euros. "Das ist wirklich ein historischer Moment", sagte er in Frankfurt am Main. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac bezeichnete die Einheitswährung in seiner Neujahrsansprache als einen Sieg Europas.

In Wien sprachen EU-Kommissionspräsident Romano Prodi und der österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel von einem denkwürdigen Tag. "Mit dem Euro werden wir zu einem stärkeren Europa", sagte Prodi.

Und in Rom begrüßte der Papst Johannes Paul II. den Euro in seiner traditionellen Neujahrsmesse. Die Einführung des Euros wird nach seinen Worten die Einheit Europas fördern. "Gerechtigkeit und Solidarität wachsen in allen Teilen Europas, zum Wohle der gesamten Menschheit."

Auch der Vatikan, ein unabhängige Stadtstaat im Zentrum Roms, schließt sich dem Euro an. Der Kirchenstaat hat das Recht, eigene Euro-Münzen zu prägen, die dann auf einer Seite ein Bild von Johannes Paul zeigen.

Warmer Kaffee im kalten Finnland

In Helsinki zahlte Finanzminister Sauli Niinisto als einer der ersten mit dem neuen Geld: Er gönnte sich für eine Euro-Münze eine Tasse Kaffee. Ein Einkaufszentrum öffnete seinen Türen um Mitternacht für die ersten Einkäufer mit Euro-Scheinen. In Athen, wo sich Tausende um das leuchtende Euro-Zeichen in der Innenstadt versammelten, zog Ministerpräsident Konstantinos Simitis die neuen Scheine aus einem Automaten und steckte sie in eine Sammelbüchse des Kinderhilfswerks UNICEF.

EZB-Präsident Wim Duisenberg sagte am Montag in Frankfurt, der Euro werde ein Katalysator sein für mehr Integration und allmählich zu einer gemeinsamen Steuer-, Sozial-, Verteidigungs- und Außenpolitik der EU führen. Er hob die Leistungen europäischer Staatsmänner hervor, die den Mut und die Kühnheit besessen hätten, eine Vision von der Gemeinschaftswährung zu entwickeln und zu realisieren.

Im Pub nur Punt

In der ersten Nacht des neuen Euro-Zeitalters blieben allerdings vielerorts noch die alten nationalen Zahlungsmittel Trumpf. So akzeptierten beispielsweise Taxifahrer in Deutschland, aber auch in Italien und Griechenland zwar Euronoten und -münzen, gaben aber nur D-Mark, Lire und Drachmen als Wechselgeld heraus. Ähnlich verhielten sich viele Wirte. Die meisten Pubs in Irland hatten ihre Kassen in der Silvesternacht ebenfalls nur mit Punt gefüllt.

Das Jahr-2002-Problem der Holländer

Von den vorab befürchteten Automaten-Problemen wurde nur bisher nur aus den Niedelanden berichtewt. Als die Kunden von 0.00 Uhr an in großer Zahl an die Automaten stürmten, erhielten nicht alle das geforderte Geld. So wurden in einer Bank in der ersten Stunde alle Aufträge von Konteninhabern anderer Institute abgelehnt. "Die Automaten waren nicht auf Winterzeit eingestellt", erläuterte ein Sprecher der Banken am Dienstagmorgen.

Die Postbank begann erst um 2.00 Uhr morgens mit Auszahlungen. Die führende niederländische ABN Amro-Bank hatte kurzfristig 100 Automaten gesperrt, weil diese bei Tests am Silvestertag Probleme bereiteten und nicht rechtzeitig repariert werden konnten. An zahlreichen anderen Automaten blieb plangemäß eine Sperre bis 11.00 Uhr morgens bestehen. Um mutwillige Beschädigung durch Feuerwerkskörper zu verhindern, waren sie vorsorglich außer Betrieb gesetzt worden.

Übergangsphase bis Ende Februar

"Immerhin hat es keine landesweite Störung gegeben, obwohl die Nachfrage nach Euro von Mitternacht an enorm war", kommentierte am Neujahrsmorgen erleichtert ein Sprecher der Banken in Maastricht. Die Zentralstelle für automatische Auszahlungen registrierte bis 6.00 Uhr früh landesweit 300.000 Zahlungen. Nirgendwo sei ein Automat durch die starke Nachfrage in der Nacht geleert worden.

In allen Staaten des Euroraumes kann in einer Übergangsphase neben dem Euro noch mit den nationalen Währungen gezahlt werden. In Deutschland wollen die meisten Geschäfte bis zum 28. Februar die D- Mark als Zweitwährung akzeptieren.

Die Mark-Scheine werden Brennstoff

Mit dem Abschied von der Mark finden Andenken an das einst höchste Gut der Deutschen bereits reißenden Absatz. Das Geldmuseum der Bundesbank erfreut sich seit Wochen schon regen Zulaufs, und im Museumsshop werden Beutel mit geschredderten alten Banknoten massenhaft gekauft, Stückpreis fünf Mark. Dazu gibt es Krawattennadeln, Brieföffner und Schlüsselanhänger mit Pfennig- und Markstücken. Auch ein Bogen mit 54 echten ungeschnittenen Zehn-Mark-Scheinen ist zu haben - Kostenpunkt 800,40 DM.

Der Münzverwerter Eurocoin bietet Manschettenknöpfe und andere Utensilien mit zerschundenen entwerteten Markstücken an. "Wir kommen mit dem Bearbeiten der Bestellungen kaum nach", sagt Sprecherin Katja Vogt. Doch die Mark findet nicht nur als Devotionalie ihre letzte Ruhe, sie wird für neue Euro-Münzen oder Heizungsrohre eingeschmolzen, und die Geldscheine spenden in Heizkraftwerken Energie.



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