Wahlverliererin Engelen-Kefer Abgang der Dränglerin

Mit ihrer verlorenen Kampfkandidatur hat Ursula Engelen-Kefer sich selbst einen unrühmlichen Abschied aus der Spitze des DGB beschert. 18 Jahre lang gehörte sie zu seinen klügsten Führungsfiguren - und begriff doch zu spät, dass die alten Gewerkschaftsrezepte ihren Reiz verloren haben.

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Berlin - Die Niederlage machte der streitbaren Sozialexpertin zu schaffen. Nach der Abstimmung erklärte Ursula Engelen-Kefer mit bemühtem Lächeln vor den laufenden Kameras: "Ich freue mich über das Ergebnis von Frau Sehrbrock und wünsche ihr guten Erfolg."

Kurz zuvor hatten die Delegierten des DGB-Bundeskongresses mit 212 Ja-Stimmen die Kandidatin Ingrid Sehrbrock zur Vize-Chefin des Gewerkschaftsbundes gewählt. Für Engelen-Kefer war es das unrühmliche Ende einer 16 Jahre währenden Amtszeit.

Bis zuletzt hatte sie sich gegen den "freiwilligen" Rückzug gestemmt, der ihr von den acht Gewerkschaftschefs offiziell aus Altersgründen verordnet worden war. Am Ende zwang sie die Delegierten, Position zu beziehen - für oder gegen den Ukas der Bosse.

Der Showdown passt zu ihrem Selbstverständnis. Klein beizugeben war ihre Sache nie. Hätte sie den Ausgleich gesucht - sie wäre als Gegenleistung sicher mit einem ehrenvollen Pöstchen belohnt worden. Ursula Engelen-Kefer wollte das nicht.

Eine oft dickköpfig wirkende Härte hat sie sich antrainiert in ihrer langen Gewerkschaftskarriere. Von Anfang an hatte sie sich gegen eine Männerriege zu wehren, die oft den eigenen Machtanspruch über die Sache stellten. Anders als DGB-Chef Michael Sommer, der gerne mit seiner Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen kokettiert, wurde sie auch im eigenen Lager höchstens respektiert. Eher schon war sie als "nervig" und "penetrant" empfunden. Während man im DGB-Vorstand über Sprachregelungen brütete, gab sie regelmäßig die ersten Interviews.

Das böse Wort des Kanzlers

Es war das Image der Starrköpfigkeit, das Engelen-Kefer den entscheidenden Rückhalt gekostet hat. Der böse Spitzname "Quengelen-Kefer", den der frühere Kanzler Gerhard Schröder ihr hinter ihrem Rücken verpasste, blieb an ihr kleben.

In den letzten Jahren galt sie als eine der Ewiggestrigen im DGB. Dazu trug auch bei, dass sie selbst nach dem Wahlerfolg von Rot-Grün 1998 immer wieder die Konfrontation mit der Regierung suchte. So machte sie Front gegen das vom früheren SPD-Arbeitsminister Walter Riester vorgeschlagene Tariffonds-Modell. Engelen-Kefer wurde so zur Repräsentantin einer längst vergangene Epoche.

Dabei stand ihr Talent nie in Frage. 1974 holte der damalige DGB-Vize Gerd Muhr die Tochter eines Wirtschaftsprüfers und einer Musikerin in die Düsseldorfer Zentrale des Gewerkschaftsbundes. Als Referentin für Arbeitsmarktanalyse und Arbeitsmarktpolitik hatte sie sich im gewerkschaftseigenen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) erste Meriten erworben.

Als Arbeitsmarktexpertin machte sich die promovierte Diplom-Volkswirtin auch beim DGB schnell einen Namen. Ihr gelang eine steile Karriere: 1984 wurde sie auf Vorschlag der Gewerkschaften zur Vizepräsidentin der Bundesanstalt für Arbeit berufen - ein Posten, den sie vier Jahre lang innehatte. 1990 wählte sie der DGB-Bundeskongress mit knapp 87 Prozent der Delegiertenstimmen zur stellvertretenden Chefin des Gewerkschaftsbundes.

Engelen-Kefer wuchs schnell in ihre neue Position hinein - als Fachfrau für Arbeits-, Sozial- und auch Industriepolitik gelang es ihr, dem DGB auf zentralen Politikfeldern beträchtliche Außenwirkung zu verschaffen. Als 1994 der damalige DGB-Chef Heinz-Werner Meyer überraschend einem Herzinfarkt erlag, war die mit der kommissarischen Geschäftsführung beauftragte Engelen-Kefer sogar vorübergehend als Kandidatin für den DGB-Chefposten im Gespräch. Der DGB-Vorstand sprach sich jedoch für die alleinige Kandidatur des IG-Metall-Vorstandsmitglieds Dieter Schulte aus.

Auch als Vize unter Schulte setzte Engelen-Kefer ihren Kurs fort - nun aber wurde er zunehmend als kompromisslos erlebt. Sie opponierte gegen Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohnausgleich und widersetzte sich allen Forderungen nach Einschnitten der Arbeitnehmerrechte. Dabei geriet sie oft auch in innergewerkschaftliche Konflikte.

Widerpart des SPD-Kanzlers

Erst in jüngster Zeit hat sich Engelen-Kefer häufiger mit gemäßigten Tönen zu Wort gemeldet. Die Hartz-Reformen verwirft sie nun nicht mehr vollständig wie früher - sie mahnt nur noch die Beseitigung einiger Mängel an. Die hohen Lohnnebenkosten, gibt auch sie inzwischen zu, trügen erheblich zu den hohen Arbeitslosenzahlen in Deutschland bei.

Mit ihren differenzierteren Positionen fand sie nur schwer Gehör. Das lag wohl auch daran, dass sie selbst mehr als ein Jahrzehnt lang den Ruf der Eisernen Lady gepflegt hatte. Mit diesem Image wird Engelen-Kefer in die Geschichte eingehen, ob sie will oder nicht. Möglicherweise hat sie deshalb noch einmal versucht, ihren DGB-Vizeposten zu verteidigen.



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