Wal-Marts Rückzug: Warum der US-Titan scheiterte

Von

Weltweit feiert der US-Handelsgigant Wal-Mart Erfolge, in Deutschland erlitt er eine schmerzhafte Niederlage. Der US-Konzern habe sich einfach vollkommen überschätzt, erklären Experten den Zwang zum Rückzug.

Hamburg - Es waren wenige Worte für ein eigentlich unfassbares Eingeständnis: "Wir haben den Turn-Around nie geschafft", sagte eine Wal-Mart Chart zeigen-Sprecherin heute über das Deutschlandgeschäft des Unternehmens. Der weltgrößte Handelskonzen, der sich auf der Welt fast so schnell ausbreitet wie McDonald's Chart zeigen und Coca-Cola Chart zeigen, gibt deshalb nach acht Jahren auf. Er verkauft sämtliche 85 Filialen an den Konkurrenten Metro Chart zeigen - bis Ende nächsten Jahres sollen Real-Märkte in die Supermärkte der Amerikaner einziehen.

Ein Schritt, den Deutschlandchef David Wild im Juni noch als vollkommen absurd verworfen hatte: "Deutschland ist nach den USA und Japan der drittgrößte Einzelhandelsmarkt der Welt. Als globales Unternehmen können wir diesen Markt nicht ignorieren", erklärte er in einem Interview mit der "Welt am Sonntag". Man prüfe lediglich, unprofitable Standorte möglicherweise zu schließen.

Wal-Mart-Fahnen vor der Filiale in Dortmund. In Deutschland stieß der Konzern überraschend auf viel Gegenwind
DPA

Wal-Mart-Fahnen vor der Filiale in Dortmund. In Deutschland stieß der Konzern überraschend auf viel Gegenwind

Es ist eine schmerzhafte Niederlage für den Giganten. Mit seinem Billigpreis-Sortiment feiert der US-Discounter sonst international Erfolge: Allein im Ende April abgelaufenen Geschäftsquartal stieg der Konzerngewinn um 6,3 Prozent auf den Rekordwert von 2,61 Milliarden Dollar, der weltweite Umsatz betrug in den drei Monaten 79,61 Milliarden Dollar. 2005 belief sich der Gesamtumsatz auf 312 Milliarden Dollar.

In Deutschland allerdings schrieb Wal-Mart durchweg rote Zahlen. 2003 betrug das Ergebnis aus gewöhnlicher Geschäftstätigkeit minus 487 Millionen Euro, mit jedem deutschen Umsatz-Euro verlor der Konzern demnach 20 Cent. Die Verluste der Folgejahre hielt das Unternehmen wohlweislich geheim. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen lag der Verlust hierzulande auch 2005 im dreistelligen Millionenbereich.

Dabei glich der Start von Wal-Mart in Deutschland einer wahren Invasion. 1997 übernahm der Konzern 21 Häuser der Wertkauf-Kette, ein Jahr später kamen 74 Interspar-Märkte dazu. Doch die Zukäufe folgten eher dem Prinzip Schnäppchenjagd als einem strategischen Konzept. "Wal-Mart kaufte die Läden, die es eben zu kaufen gab, und schrieb den eigenen Namen an die Tür", beschreibt Ulrich Eggert, Trend- und Handelsforscher bei der Unternehmensberatung BBE, das undurchsichtige Vorgehen. Die Umsetzung eines einheitlichen Konzepts sei mehr als halbherzig gewesen. "Da wartete immer noch mehr Wertkauf und Interspar als Wal-Mart hinter dem neuen Firmenschild auf die Kunden - und damit zwei höchst unterschiedliche Ladenkonzepte", erklärt Eggert. "Wertkauf das war fast sowas wie die Elite der SB-Märkte in Deutschland - schön gemacht, groß, mit ziemlich gutem Service. Interspar, das waren kleine, ein bisschen schmuddelige Kruschtläden."

"85 Märkte - das ist zu klein"

Wal-Mart sei nie richtig in Deutschland angekommen, heißt es auch in Branchenkreisen gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die US-typischen Angestellten, die an der Kasse die Einkäufe der Kunden in die Tüten packten oder in Uniform am Eingang lächelten und nickten, stießen in Deutschland nur auf wenig Dankbarkeit.

Vor allem aber waren die ersten hektischen Einkaufstouren des Konzerns in Deutschland auch die letzten, die von Erfolg gekrönt waren. Sämtliche weiteren Akquisitionsversuche scheiterten - fatal bei dem harten Wettbewerb der Branche. Einige Märkte mussten obendrein noch aus Kostengründen geschlossen werden. "85 Märkte, das ist viel zu klein. Immerhin hat Wal-Mart in Deutschland mit drei Logistikzentren und einer Hauptverwaltung die Infrastruktur eines ausgewachsenen Handelsunternehmens", heißt es aus den Branchenkreisen.

Nicht zuletzt stürzte die Überheblichkeit die erfolgsverwöhnten Amerikaner in Deutschland ins Verderben, heißt es von Kennerseite einhellig. Wal-Mart unterschätzte die Konkurrenz vollkommen. "Die kamen hierher und dachten, sie rollen den Markt auf, weil sie einfach die billigsten sind", sagt etwa Unternehmensberater Eggert. Doch in Deutschland liegt der Discounteranteil unter den Supermärkten bei rund 40 Prozent - und damit ungleich höher als in anderen Ländern. Das Preisniveau für Lebensmittel und andere Konsumgüter des täglichen Bedarfs liege deshalb umgekehrt rund 15 Prozent unter dem Schnitt, rechnet Eggert vor. Den Ruf des billigsten Discounters habe außerdem hierzulande Discounter-Dinosaurier Aldi fest für sich vereinnahmt.

Mehrere Wal-Mart-Deutschlands-Chefs versuchten sich in regem Wechsel daran, die Probleme in den Griff zu bekommen - was zu einem wilden Auf und Ab der Preise führte und damit zu noch mehr Chaos. "Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen und wollen Gewinn machen", erklärte der letzte unter ihnen, David Wild, trotzdem im Juni noch. Die Lösung sieht nun allerdings anders aus, als er sich das vorstellte.

Dass nun ausgerechnet Real-Märkte in die einstigen Wal-Mart-Filialen Einzug halten sollen, scheint fast wie Ironie der Geschichte. Denn auch diese Kette steckt in der Krise, immer wieder war deshalb über einen möglichen Verkauf spekuliert worden. Unter den Anwärtern befinde sich auch Wal-Mart, hieß es in der Branche.

Für die angeschlagene Real-Kette sei der jetzt zustande gekommene Deal eine Riesen-Chance, freut Metro-Pressesprecher Albrecht von Truchseß. "Wachstum aus eigener Kraft ist kaum noch möglich. Sie bekommen die Genehmigungen für die Bebauung der Flächen oft schon gar nicht." Überdies scheint Metro ein Schnäppchen gemacht zu haben. Wieviel Metro sich die Märkte kosten ließ, will der Konzern zwar nicht sagen, "aber der Wert übersteigt den Kaufpreis", versichert von Truchseß.

Auch Unternehmensberater Eggert glaubt, dass Metro eine Chance mit den heruntergewirtschafteten Wal-Mart-Supermärkten hat. Schließlich könnte in die kleinen Filialen statt Real auch die Extra-Kette des Konzerns einziehen: "Und die großen werden zu Real-Märkten mit klarem Profil. Das Konzept könnte aufgehen."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback