Wall-Street-Ausblick Hiobsbotschaften von der Telekommunikation

Bisher sind die Quartalszahlen der US-Unternehmen besser als erwartet. Aber diese Woche stehen katastrophale Zahlen von Telekommunikations-Firmen ins Haus. Auch Amazons Flirt mit den schwarzen Zahlen ist schon wieder vorbei. Und Microsofties beten, dass Bill Gates sich vor Gericht nicht wieder um Kopf und Kragen redet.

Von , New York


REUTERS

New York - Die Woche beginnt mit einem nie gesehenen Spektakel: Bill Gates im Gerichtssaal. Gleich am Montag wird der reichste Mann der Welt im Microsoft-Prozess aussagen. Ausgesagt hat er in dem vier Jahre langen Mehrteiler schon mal, aber nur auf Video. Damals hatte seine "kindische" Aussage (Richter Jackson) entscheidend das Urteil beeinflusst: Aufspaltung des Unternehmens. Gates hatte Glück, dass es später in der Berufung aufgehoben wurde.

Beobachter räumen den verbleibenden neun Klägerstaaten im Prozess keine großen Erfolgschancen ein. Aber solange Microsoft seinen Chef-Softwarearchitekten reden lässt, haben die Kläger Hoffnung. Gates wird über die Geschichte des PCs und Microsofts Kundenfreundlichkeit dozieren.

Die Analysten und Anleger werden unterdessen weiter darüber rätseln, ob die Quartalszahlen, die Microsoft vergangenen Donnerstag vorgelegt hat, nun gut oder schlecht waren. Obwohl die Softwarefirma die Erwartungen verfehlte und eine Gewinnwarnung ausgab, hat die Aktie bisher zugelegt.

Auch diese Woche steht wieder ganz im Zeichen der Quartalszahlen. 183 der im S&P 500 gelisteten Unternehmen geben ihre Berichte ab. Bisher ist die Beichtsaison überraschend glatt gelaufen: 60 Prozent der berichtenden Unternehmen haben die - allerdings zuvor tief gesenkten - Erwartungen übertroffen.

Nachdem die befürchteten Erdbeben vergangene Woche ausblieben, konnten die Leit-Indizes ihre wochenlange Talfahrt tatsächlich beenden: Der Dow Jones legte nach fünf Wochen Durststrecke zum ersten Mal wieder leicht (0,7 Prozent) zu. Der Nasdaq Composite gewann 2,3 Prozent, nachdem es zuvor sechs Wochen abwärts gegangen war.

Doch diese Woche warten einige der härtesten Kaliber, vor allem aus der Telekomunikations-Branche. Worldcom, das Unternehmen mit den hohen Schulden, den fragwürdigen Bilanzen und dem klammen Chef, der die Firma auch schon mal als private Bank benutzt, hat am Freitag bereits eine Gewinnwarnung abgegeben. Nach Börsenschluss war die Aktie daraufhin um 15 Prozent eingebrochen - kein gutes Omen.

Auch der Schuldenrekordhalter des vergangenen Jahres, JDS Uniphase, und der abgeschlagene Zweite, Lucent Technologies, sind mit ihren Berichten dran. Abgerundet wird das Bild durch die Mutter aller Telefongesellschaften, AT&T, sowie "Baby Bell" Verizon, Newcomer Qualcomm und Handyhersteller Ericsson.

Mit vereinten Kräften und viel Wiederholung werden sie dafür sorgen, dass Anleger auch weiterhin nicht an die Wende auf dem Markt für Telekommunikation glauben. Stellvertretend für die anderen spricht Worldcom von der "anhaltenden Verschlechterung des Sektors". Gewinnwarnungen zählen zum Alltag, die Investitionen der Branche sind im freien Fall: Worldcom etwa kürzt sein Budget dieses Jahr um 30 Prozent, Sprint um 50 Prozent, Qwest gar um 63 Prozent.

Es wird sich zeigen, ob die Anleger sich ihre Stimmung vermiesen lassen oder ob sie gegen schlechte Nachrichten längst immun sind. Etwas besser sieht es in der Medienbranche aus: Zwar sind auch hier die Gewinne im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen, aber Disney und AOL Time Warner werden voraussichtlich von einer Erholung des Anzeigenmarktes berichten. Bei AOL Time Warner werden Beobachter besonders auf die Leistung des einstigen Wachstumsmotors AOL achten.

Am Dienstag gibt Internet-Händler Amazon.com sein Ergebnis bekannt - und diesmal wird es wohl kein Gewinn. Im voran gegangenen Quartal hatte die Firma von Jeff Bezos völlig überraschend den ersten Nettogewinn seiner Geschichte erwirtschaftet: Fünf Millionen Dollar ganz ohne Bilanzkosmetik.

Doch Weihnachten ist vorbei. Die Analysten erwarten einen Nettoverlust von neun Cents pro Aktie. Das ist immer noch eine deutliche Verbesserung gegenüber den 21 Cents Verlust pro Aktie im gleichen Vorjahreszeitraum. Und vielleicht reicht es für einen Pro-Forma-Gewinn, vor Abzug der 30 Millionen Dollar an Schuldzinsen.

Der E-Commerce brummt jedenfalls, Amazons Umsatz ist voraussichtlich um 15 Prozent gestiegen - das sind zwei Prozent mehr Wachstum als bei Microsoft. Die Bezos-Firma zählt jetzt auch offiziell zur amerikanischen Unternehmens-Elite: Als erster E-Commerce-Vertreter ist Amazon im aktuellen Fortune-500-Ranking aufgeführt - auf Platz 492.

Zum Wochenschluss gibt es dann zur Krönung noch die Zahl der Woche: das Wirtschaftswachstum des ersten Quartals. Ökonomen erwarten, dass das Bruttosozialprodukt um fünf Prozent oder mehr gewachsen ist. Das wäre der höchste Wert seit über zwei Jahren.

Mindestens die Hälfte dieses Wachstums ist jedoch auf die Auffüllung der Lager zurückzuführen. Im voran gegangenen Quartal waren die Lager in Rekordtempo entleert worden, jetzt flossen Waren im Wert von rund hundert Milliarden Dollar zurück. Die Auffüllung der Lager ist jedoch streng genommen kein Wachstum, denn sie ist nicht von der Nachfrage gestützt. Die "wahre" Wachstumsrate im ersten Quartal liegt daher eher um die drei Prozent.

Die fünf Prozent sind eine Ausnahme, da sind sich die Ökonomen einig. Für den Rest des Jahres werden drei bis vier Prozent Wachstum erwartet. Das impliziert allerdings, dass die Unternehmen wieder zu investieren beginnen. US-Notenbankchef Alan Greenspan nennt dies den "final demand". Ohne "final demand", warnte der Alte am Mittwoch vor dem Kongress, bleibt das Potenzial für einen nachhaltigen Aufschwung begrenzt.



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