Wall-Street-Ausblick Nur eine Schlagzeile vom Crash entfernt

Sechs Monate sind seit der Zerstörung des World Trade Center vergangen. Auch an der Wall Street ziehen die Amerikaner Bilanz - die einen triumphieren, die anderen warnen.

Von , New York


Eine Fahne erinnert Mitte September an die Opfer der Terror-Anschläge. Bei allem Gedenken hoffen die Händler heute, ein halbes Jahr nach dem 11. September, vor allem auf eines: Gewinne
AFP

Eine Fahne erinnert Mitte September an die Opfer der Terror-Anschläge. Bei allem Gedenken hoffen die Händler heute, ein halbes Jahr nach dem 11. September, vor allem auf eines: Gewinne

New York - Ein halbes Jahr, so lange muss man wohl mindestens warten, um eine Bilanz ziehen zu können. Heute ist es soweit, die Kommentatoren wälzen die Frage: Wie geht es Amerika - sechs Monate nach dem 11. September? Darüber streiten auch Ökonomen und Börsianer, die nicht so recht wissen, ob sie sich über die neueste Rallye an der Wall Street freuen sollen. Ist die Zuversicht gerechtfertigt?

Bereits das Wochenende stand ganz im Zeichen von "9/11". Die Sonntagszeitungen erinnerten mit seitenlangen Berichten an die Katastrophe. Am Samstag hatte US-Präsident George W. Bush das bereits tot geglaubte Stimulierungspaket für die Wirtschaft unterzeichnet. Zuvor hatte der Kongress nach monatelangem Gerangel die 51-Milliarden-Dollar-Finanzspritze verabschiedet - damit man am Montag etwas vorzeigen kann.

Am Sonntagabend zeigte der Fernsehsender CBS nie gesehene Bilder aus dem Inneren der Türme vor dem Einsturz. Am Montag schließlich werden die ersten beiden Gedenkstätten am "Ground Zero" eingeweiht: eine Skulptur im Battery Park und die "Towers of Light", zwei Lichtstrahlen, die einen Monat lang die New Yorker Skyline überragen werden.

Der Gedenkmarathon bringt die Bilder von damals zurück, reißt alte Wunden wieder auf. Auch an der Wall Street zieht man Bilanz - der Ton ist allerdings entschieden anders. Nasdaq und Dow Jones sind zum Triumphzug angetreten: Vergangene Woche legten beide Indizes in der Wochensicht zum zweiten Mal in Folge zu, der Dow um zwei Prozent, der Nasdaq Composite sogar um satte sieben Prozent.

Die Börsianer feiern, dass der Terroranschlag die US-Wirtschaft allem Anschein nach kaum getroffen hat. Das hätte vor einem halben Jahr kaum jemand zu glauben gewagt. "Die Überraschungswirtschaft", titelte darum "Business Week" euphorisch. Statt einem Prozent Wirtschaftswachstum, wie in den Tagen nach der Attacke, erwarten einige Optimisten schon wieder vier Prozent Wachstum für das erste Quartal. US-Finanzminister Paul O'Neill bestreitet gar, dass es überhaupt eine Rezession gegeben hat.

Sicher, etliche Ökonomen hatten bereits im September verkündet, dass die Wirtschaft den Schock abschütteln werde. Doch wer wollte dieses patriotische Wunschdenken damals ernst nehmen? Inzwischen ist das Wunschdenken teilweise Realität geworden. Die Verbraucher haben nie aufgehört, ihr Geld auszugeben. Die Produktivität ist weiter gestiegen - offenbar ein dauerhafter Erfolg der New Economy. Eine der größten Überraschungen kam am vergangenen Freitag: Die Arbeitslosenrate ist im Februar den zweiten Monat in Folge gefallen, von 5,6 auf 5,5 Prozent, statt auf erwartete 5,8 Prozent zu steigen.

Selbst der übervorsichtige Notenbankchef Alan Greenspan wird von Auftritt zu Auftritt zuversichtlicher. Sprach er vor zwei Wochen noch von dem "erwarteten Aufschwung", so benutzte er vergangene Woche bereits wagemutig das Wort "Expansion". Die Futures-Märkte nahmen das als Zeichen, dass die Federal Reserve die Leitzinsen vielleicht schon im Mai wieder anheben wird.

Zumindest kurzfristig sehen die Konjunkturdaten gut aus. Am Mittwoch werden die Einzelhandels-Verkaufszahlen für Februar veröffentlicht. Erwartet wird ein Zuwachs von 6,2 Prozent - der Verbraucher hat also weiterhin Geld. Am Freitag veröffentlicht die Federal Reserve die Zahlen zur Industrie-Produktion im Februar: Sie soll zum ersten Mal seit 16 Monaten wieder angestiegen sein. Ebenfalls am Freitag gibt es einen vorläufigen Wert des Verbrauchervertrauens im März. Der Index soll wieder steigen, nachdem er zuletzt gefallen war.

Doch einige Experten befürchten, dass der Aufschwung nach einigen Monaten verpuffen wird. "Ich glaube, die Wirtschaft wird überraschend stark in der ersten Jahreshälfte. Die Frage ist: Was kommt danach?", sagte Christoph Bianchet von Credit Suisse Asset Management gegenüber CNN. Es bleiben erhebliche Risiken, insbesondere die hohen Schulden der Verbraucher und die Gewinnsituation der Unternehmen. Auch ein "Doppel-Dipp", eine Rezessionskurve mit zwei Tiefpunkten, ist weiterhin nicht ausgeschlossen.

Auch die Lage an den Aktienmärkten ist durchwachsen. Zwar erwarten die meisten Beobachter, dass es diese Woche weiter aufwärts geht. "Dies ist die beste beider Welten für den Markt: Er rechnet mit Wirtschaftswachstum, braucht aber noch keine Angst vor Zinserhöhungen zu haben", sagt David Wyss, Chef-Volkswirt bei Standard and Poor's. Das Stimulierungspaket der Regierung wird einen zusätzlichen Schub auslösen. Die Bekanntgabe der Oracle-Zahlen am Donnerstag wird wahrscheinlich keine großen Bewegungen auslösen, schließlich hatte die Serverfirma bereits Anfang März eine Gewinnwarnung ausgegeben.

Doch viele Aktien sind weiterhin überbewertet - und die Börsianer sind sich dessen bewusst. "Es gibt jede Menge Skeptiker da draußen", sagt Hugh Jones, Investment-Chef bei Albany Corp. Zur Erinnerung diente ein weiterer Jahrestag am Wochenende: Am 10. März vor zwei Jahren notierte der Nasdaq Composite auf seinem Allzeithoch von 5132 Punkten. Spätestens mit der anstehenden Gewinnwarnungssaison wird die Rallye wahrscheinlich wieder enden - genauso wie im vergangenen Quartal.

Einer der Skeptiker ist Warren Buffett, Chef des Fonds-Unternehmens Berkshire Hathaway. Die Wall-Street-Legende schrieb am Samstag in einem Brief an Investoren, er habe derzeit "entschieden lauwarme Gefühle" für Aktien. Kein Wunder: Buffets Portfolio hat vergangenes Jahr 23,7 Prozent an Wert verloren.

Die Erinnerung an den 11. September scheint Buffett in seiner Vorsicht zu bestärken. "Die Angst mag mit der Zeit verschwinden, die Gefahr bleibt", schreibt er. Ein anderer Fonds-Manager stimmt ein: "Wir sind immer eine Schlagzeile vom Absturz entfernt."



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