Wall-Street-Ausblick Wie Google dem Geldadel den Finger zeigte

Börsenkandidat Google hat die großen US-Investmentbanken brüskiert. Mit der Entscheidung, seine Aktien elektronisch zu versteigern, degradiert das Dotcom die Herren der Wall Street zu bloßen Erfüllungsgehilfen.


Google Hauptquartier: Investmentbanken brüskiert

Google Hauptquartier: Investmentbanken brüskiert

New York - Sergey Brin und Larry Page, Google-Gründer und Multimilliardäre in spe, besitzen nicht nur eine Menge Grips, sondern auch eine gute Portion Humor. Da haben the boys wie die beiden im Silicon Valley genannt werden, der bierernsten Wall Street doch tatsächlich einen Mathematikerwitz untergejubelt. Die beiden Computerfreaks wollen laut Börsenprospekt exakt 2.718.281.828 Dollar einsammeln. Warum ausgerechnet diesen krummen Betrag? Weil er exakt dem Milliardenfachen der Eulerschen Zahl e entspricht, gerundet auf zehn Stellen.

Es ist offensichtlich, dass die boys die Wall Street nicht ernst nehmen. Mehr noch: Man kann aus dem Börsenprospekt und dem Verhalten Googles recht deutlich herauslesen, dass Brin und Page die Wall Street im Allgemeinen und die Investmentbanken im Speziellen für den Abschaum des Planeten halten.

Torwächter der Börse

Investmentbanker gelten als die crème de la crème der Finanzwelt und sind neben exorbitanten Gehältern, Respekt und Reverenzen gewohnt. Wer die Kapitalmärkte anzapfen will, so die eiserne Regel, der kommt an den Merrills, Morgans und Goldmans nicht vorbei. Vor allem, wenn es um Börsendebüts geht, im Jargon IPO (initial public offering) genannt.

Firmen zu verschmelzen oder auf eigene Rechnung an der Börse zu spekulieren ist für die Investmentbanken ein einträgliches Geschäft, doch ein fettes IPO durchführen zu dürfen gilt als der Jackpot. Denn nach althergebrachter Wall-Street-Sitte belaufen sich die Bankerkommissionen für einen Börsengang auf stattliche sieben Prozent des Emissionsvolumens. Der Einfachheit und Transparenz wegen halten sich alle Investmentbanken peinlichst genau an dieses Vergütungsmodell und unterbieten einander nicht. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Es ist keineswegs so, dass der Börsenkandidat für sein Geld nichts bekommt. Die beauftragten Investmentbanken, genannt Konsortialbanken, organisieren zum Beispiel eine Roadshow. Diese ähnelt Veranstaltungen fahrender Schausteller und ist ähnlich Vertrauen erweckend. Während der IPO-Zirkusshow erläutern mit Zahlen jonglierende Aktienanalysten mithilfe von Powerpoint-Präsentationen den geneigten Investoren, warum die fragliche Aktie der größte Brenner des Jahrhunderts ist. Ferner übernehmen die Konsortialbanken die gerechte Verteilung der Aktien an potenzielle Käufer. Dabei achten sie darauf, dass gute Kunden ihrer selbst ausreichend Papiere zugeteilt bekommen und Kleinanleger oder andere Hungerleider so leer als möglich ausgehen.

Widerstand ist zwecklos

Erstaunlicherweise ist der ein oder andere Börsenkandidat mit diesem Rundum-Service in der Vergangenheit nicht zufrieden gewesen. Den Investmentbanken konnte das allerdings ziemlich schnuppe sein. Man mag sich folgendes Gespräch vorstellen:

Unternehmensgründer: "Wie bitte? Ihr spielt mit meinen Aktien den Sugardaddy bei Euren Branchenkumpels, produziert ein paar nutzlose Studien, und dafür wollt ihr dann auch noch sieben Prozent haben? Ihr habt doch nicht alle Murmeln im Sack!"

Starbanker: "So sind die Regeln. (Unterdrückt mühsam ein Grinsen). Sorry, ich habe sie nicht gemacht."

Unternehmensgründer: "Das ist Abzocke! Da spiel' ich nicht mit."

Starbanker (Jetzt breit grinsend): Sie können es natürlich gerne woanders versuchen. Vielleicht .. (kichert) .. an der Börse in Lima? Oder Ulan Bator, die sollen besser als ihr Ruf ..."

Unternehmensgründer (resigniert): "Nein, schon gut. Klingt nach einem Superdeal."

So ähnlich lief das. Doch dann kam Google. Das Unternehmen ist so glühend heiß, dass es sich den Luxus leisten konnte, die feinbezwirnten Banker ein bisschen auf den Knien rutschen zu lassen. Dem Vernehmen nach hat Google von dieser Möglichkeit ausgiebig Gebrauch gemacht. Wie Bittsteller mussten die Topbanker nach Berichten des "Wall Street Journal" in Mountain View vorstellig werden. Genaueste Auskünfte über ihre bisherige Arbeit hätten Merrill Lynch, Morgan Stanley sowie zahlreiche andere einreichen müssen. Schriftlich. Von Google bekamen die Banken laut "Journal" im Gegenzug nichts - bis auf den trockenen Hinweis, jemand werde sich bei ihnen melden. Irgendwann. Vielleicht.

Gewonnen haben diesen Selbstverleugnungsmarathon Morgan Stanley und Credit Suisse First Boston (CSFB). Sie dürfen die Aktien jedoch nicht selber verteilen, denn Brin und Page wollen nach eigenen Angaben einen "fairen Prozess", der keinen potenziellen Investor diskriminiert. Und den zu organisieren, trauen sie den Banken nicht zu. Stattdessen wird es eine elektronische Auktion geben, an der jeder teilnehmen darf, der sich zuvor bei Morgan oder CSFB registrieren lässt. Die Investmentbanker, einst Herren des IPO-Verfahrens wurden vom misstrauischen Google-Management zu bloßen Erfüllungsgehilfen degradiert.

Google, der Gleichmacher?

An der Wall Street wird derzeit spekuliert, ob der Fall Google ein Dammbrecher ist und den Investmentbanken ihr lukrativstes Geschäftsfeld flöten geht. Kann Google den von einer kleinen Clique kontrollierten IPO-Prozess in ein offenes, gerechtes und egalitäres System verwandeln? Gegenfrage: Wird Google das Silicon Valley retten? Die Armut beseitigen? Den Weltfrieden sichern? Die Google-Boys haben bereits das Internet umgekrempelt, jetzt sollen sie auch noch als Reformer der Wall Street herhalten. Unwahrscheinlich. Es ist absurd, was inzwischen so alles in dieses kleine Dotcom hineinprojiziert wird.

Allerdings könnte Google dazu beitragen IPOs per elektronischer Auktion salonfähig zu machen. Das gäbe zukünftigen Börsenkandidaten eine Alternative zum klassischen Weg - und damit einen Knüppel in die Hand, falls die Investmentbanker allzu frech sind. Aber wer weiß? Vielleicht ist eBay Chart zeigen in zwanzig Jahren eine führende Investmentbank.



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