Wall Street "Hier ist nichts mehr sicher"

Aufatmen an der Wall Street: Die Rettungsaktion der US-Regierung für den taumelnden Versicherer AIG sorgt kurzzeitig für Entspannung an der Börse. Den staatlichen Eingriff beurteilen viele Händler dennoch kritisch. Und von einem Ende der Krise kann keine Rede sein.

Von Sebastian Moll, New York


New York - Es war wie nach einem schweren Sturm am Dienstag an der Wall Street. Die Menschen wirkten erleichtert, dass das Leben doch noch weitergeht. "Das war doch eine Brise frischer Luft", brach es etwa befreit aus dem Händler John Siegel heraus, als er am Nachmittag mit einem breiten Grinsen auf die Straße trat und sich den Schlips aus dem Kragen zog. Entgegen der schlimmsten Befürchtungen war der Markt nach dem katastrophalen Montag nicht noch weiter eingebrochen.

Wall Street in New York: "Give us a break"
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Wall Street in New York: "Give us a break"

Nach dem Absturz um mehr als 500 Punkte zum Wochenauftakt hatte der Dow Jones Chart zeigen sogar um 141 Punkte zugelegt. Der befürchtete Totalzusammenbruch war vorerst ausgeblieben. Gerüchte um eine Stütze von 85 Milliarden Dollar durch die US-Zentralbank Fed für den taumelnden Versicherungsriesen AIG Chart zeigen, die am späten Abend bestätigt wurden, hatten vorerst verhindert, dass alle Dämme brechen. Die Notenbank wird im Gegenzug für den Kredit 80 Prozent an dem Konzern übernehmen.

Noch 24 Stunden zuvor hatte am Börsenausgang an der Ecke Wall- und Broad-Street die nackte Panik geherrscht. Die Broker und Trader stürmten erschöpft, schweigend und mit abwesendem Blick an den wartenden Reportern vorbei. Wie Soldaten nach einer Schlacht wirkten sie, bleich und offensichtlich tief geschockt. "Give us a break" – habt doch Erbarmen - murmelte einer den Kamerateams zu.

"Das war abgründig"

Ein sehr junger Börsianer lehnte an einem Laternenpfahl und zündete sich eine Zigarette an. Nach zwei tiefen Zügen stammelte er nur: "Das war abgründig." So viel Druck, so große Verluste, das hatte der junge Mann noch nie erlebt. Seit kurz nach dem 11. September 2001 waren die Kurse nicht mehr so rapide abgestürzt.

Ein paar ältere Börsianer wenigstens nahmen die Lage etwas gefasster. "Die jungen Leute haben noch nie einen echten Bärenmarkt erlebt", raunte der 57 Jahre alte Ron Roth, der für die Royal Bank of Canada hier an der Wall Street arbeitet, am Montagabend. Er hingegen habe das schon 1987 gesehen und auch 2001 noch einmal. Deshalb sei er am Montag ruhig geblieben, auch, wenn er an nur einem Tag rund fünf Prozent seines Privatvermögens verloren habe. Das einzige, woran er die Anspannung gemerkt habe, so Roth, sei, dass er sechs Stunden unter Dauerkopfschmerzen litt.

Am Dienstagnachmittag ging es jedoch auch Roth schon wieder deutlich besser. "Das war wenigstens einmal eine Atempause", sagte er, als er um halb fünf in Richtung U-Bahn ging. Von einer Trendwende wollte er jedoch noch nichts wissen. Die grassierende Panik, das war ihm wie den meisten hier im Finanzdistrikt klar, hatte nur eine Auszeit genommen. Alles hatte darauf gewartet, wie es mit AIG weiter geht: "Wenn die auch noch in die Knie gegangen wären", so Roth, "dann hätte es kein Halten mehr gegeben."

Das hatte offensichtlich auch die Fed begriffen und die starken ideologischen Bedenken im Land gegen staatliche Eingriffe in den Wind geschlagen. Die Berichte über die 85-Milliarden-Dollar-Finanzspritze und den möglichen Einstieg der US-Regierung wurden im Verlauf des Abends bestätigt. Gegen 21 Uhr meldeten dann von der "New York Times" bis zu CNN alle maßgeblichen Nachrichtenorganisationen die Übernahme - das Weiße Haus hatte den Deal genehmigt.

Kritik am AIG-Rettungspaket

Auf ungeteilte Zustimmung fiel die Maßnahme in Lower Manhattan allerdings nicht. Die Wall Street ist weltanschaulich ebenso gespalten wie der Rest des Landes, der sich am Dienstag den ganzen Tag und auf allen Kanälen die feurigen Plädoyers von Barack Obama und John McCain für und wider Intervention anhören musste. Nicht wenige an der New Yorker Börse glaubten erstaunlicherweise mit McCain trotz des dräuenden Desasters noch immer, dass der Markt sich schon selbst helfen wird.

John Siegel etwa wollte nach der Entspannung vom Dienstag nur noch von einem unbedeutenden "Stottern" am Montag sprechen, das sich schon wieder geben werde. Die Frage, ob der Staat intervenieren solle, beantwortete er mit der pikierten Gegenfrage, ob man denn dazu bereit sei, mit seinen Steuergeldern solchen Leute wie den Vorständen von AIG, Merrill und Lehmann den "Hintern" zu retten: "Das haben die doch verdient. Das kommt eben davon, wenn man versucht, die kleinen Leute bis zum letzten Tropfen auszuwringen."

Zumindest ein Argument der Interventionsgegner ist tatsächlich schwer vom Tisch zu wischen: Das Grundvertrauen in die Finanzbranche ist auch mit noch so vielen Stützkrediten so schnell nicht wieder her zu stellen. Ein Portfolio-Manager bei einer mittelgroßen Private-Equity-Firma, der vor dem Zusammenbruch des Marktführers bei Bear Stearns gearbeitet hatte, formulierte es am Dienstag so: "Wenn es schon Firmen wie Lehmann und AIG an den Kragen geht, ist hier nichts mehr sicher." Sein Job beispielsweise sehe zwar derzeit relativ krisenresistent aus. Aber, fügte der junge Mann, der anonym bleiben wollte, an: "Niemand hier kann derzeit sagen, was hinter der nächsten Ecke auf uns wartet."



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