Wall Street Hohe Prämien für applaudierende Analysten

Wall-Street-Analysten hatten ein finanzielles Interesse daran, die Arbeit ihrer Kollegen im Investmentbanking mit schöngefärbten Analysen zu unterstützen. Das belegen Arbeitsverträge, die jetzt erstmals veröffentlicht worden sind.


New Yorker Börse: Die angeblich unparteiischen Analysten zu Marketingfritzen degradiert
AFP

New Yorker Börse: Die angeblich unparteiischen Analysten zu Marketingfritzen degradiert

New York - Seit längerem werfen Kritiker den großen Investmentbanken vor, sie hätten ihre Analysten dazu missbraucht, mit Jubelgutachten Kunden für das gewinnträchtige Investmentbanking zu ködern. Alles Unsinn, sagen die Banken: Analysten seien durch "Chinese Walls" von ihren Kollegen im Bankgeschäft getrennt.

Spätestens nach dem Skandal um interne Mails von Merrill Lynch glaubt das zwar kaum noch jemand. Beweise für die Anschuldigung, das Research sei lediglich der verlängerte Arm des Marketings waren bisher aber Mangelware. Bis jetzt. Nun hat das "Wall Street Journal" Auszüge aus Arbeitsverträgen veröffentlicht, die beweisen, dass die Bezahlung von Analysten direkt an deren Beiträge zum Investmentbanking gekoppelt war.

Wer das Investmentbanking ankurbelt, bekommt mehr Geld

Einer der Verträge stammt von der Investmentbank Credit Suisse First Boston (CSFB). In dem Papier heißt es, der Analyst erhalte eine "garantierte Kompensation" für die Jahre 2000, 2001 und 2002. Hinzu komme ein "Leistungsbonus", der in bar ausgezahlt werde. Das Schreiben erwähnt aber noch eine weitere Einnahmequelle:

  • "Sie können außerdem an bestimmten Anreizprogrammen für jene Transaktionen mit Wertpapieren (inklusive Wandelanleihen) und Hochzinsanleihen teilnehmen, die von Mitgliedern des Equity Research [d.h. den Analysten] eingeworben worden sind."
  • Weiter führt der Vertrag aus, dass diese Bonuszahlungen nach dem "Grad des ... Beitrags" berechnet würden, den der Analyst geleistet hat, um seiner Firma einen Deal zu sichern. Konkret stünden dem Analysten ein bis drei Prozent des "Nettogewinns der Firma bei der Transaktion zu ... bis zu einem Maximum von 250.000 Dollar", so das CSFB-Schriftstück. Berechnungen des "Journal" zufolge bedeutet dies, dass ein Analyst für jeden mit seiner Hilfe vermittelten Deal 30.000 bis 150.000 Dollar extra kassieren konnte.

    Ähnliche Vereinbarungen finden sich in einem Jobangebot der Investmentbank Donaldson, Lufkin & Jenrette (DLJ), die inzwischen von CSFB geschluckt worden ist. Dort heißt es:

  • "Sie werden in den ersten beiden durch diese Vereinbarung abgedeckten Kalenderjahren eine Kompensation für mit der Banksparte zusammenhängenden Geschäfte erhalten. (...) Wir wissen, dass Sie einen substanziellen Beitrag zu DLJ's Geschäft leisten können."
  • Alles nur Einzefälle?

    Nachdem sich die Sache nicht mehr grundsätzlich leugnen lässt, spricht die Branche nun von Einzelfällen. Eine Sprecherin von CSFB sagte dem Journal, lediglich in "einer Hand voll Fällen" habe es eine Verbindung zwischen Analystengehältern und Erfolgen im Investmentbanking gegeben. "CSFB fühlt sich der Integrität unserer Research stark verpflichtet und arbeitet aggressiv an der Entwicklung von Standards für die Unabhängigkeit von Analysten", so die Sprecherin.

    Das es sich bei den "banking related compensations" für Analysten eher um einen Industriestandard denn um Einzelfälle handeln dürfte, legt ein internes Memo von Prudential Securities aus dem Oktober 1997 nahe. In dem Schreiben, das an alle hochrangigen Aktienanalysten versandt wurde, heißt es, Prudential habe "feste Prozentbeträge formuliert, um die Boni zu bestimmen, die Analysten von den Umsätzen aus Investmentbanking-Transaktionen gezahlt werden". Prudential zahlte offenbar noch sattere Prämien als CSFB. Für einen Aktiendeal, in dem die Bank "als Konsortialführer für einen erstmaligen Klienten" fungiere, könne ein beteiligter Analyst 8,5 Prozent des Umsatzes der Transaktion erhalten, wenn "der Analyst bei der Gewinnung des Mandats entscheidend behilflich war".



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