Wall Street im Angstzustand "Die Leute haben die Hosen voll"

Brutale Kursstürze, dramatische Warnungen, pessimistische Aussichten: An der Wall Street herrscht die nackte Panik. Selbst bei hartgesottenen Börsenoptimisten reift die Erkenntnis, dass das Schlimmste noch nicht überstanden ist. Die Amerikaner fürchten eine Depression wie in den dreißiger Jahren.

Von , New York


Richard Fuld galt stets als einer der coolsten Finanzhaie an der Wall Street. Jetzt muss sich zeigen, ob er diese Qualität bewahrt hat. Wie Sperrfeuer prasseln die Vorwürfe auf ihn nieder: Ein Abgeordneter nach dem anderen nennt ihn "überfordert" und "undiszipliniert", geißelt seine Handlungen als "fragwürdig". Er sei mit schuld an der dramatischen Kreditkrise - und habe daran auch noch selbst verdient.

Richard Fuld vor dem Ausschuss: "Entscheidungen klug und angemessen"
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Richard Fuld vor dem Ausschuss: "Entscheidungen klug und angemessen"

Es überrascht nicht, dass der Vorstandschef der bankrotten Investmentbank Lehman Brothers bei seinem ersten Auftritt vor dem US-Kongress einen schweren Stand hatte. Was überrascht, war Fulds Chuzpe: Mit eisern-stoischer, tief zerfurchter Miene rechtfertigte er sein Versagen und kaltblütig die neunstelligen Bonuszahlungen, die er und sein Top-Management noch vier Tage vor der Pleite im September eingestrichen hatten.

"Ich fand diese Entscheidungen und Aktionen sowohl klug als auch angemessen", sagte Fuld vor dem Kontrollausschuss des US-Repräsentanthauses, der ihn vorgeladen hatte, um über die Ursachen der Kreditkrise Rechenschaft abzulegen. "Im Nachhinein kann ich sagen: Ich und viele andere lagen falsch."

Wie falsch, das zeigte sich zur gleichen Zeit dramatisch an der Wall Street. Dort versammelten sich Schaulustige vor dem Börsentempel, Weltuntergangsprediger marschierten mit handgemalten Plakaten auf und ein Mann im Bärenkostüm tanzte durch die Menge.

Hinter der Säulenfassade nahm derweil gnadenlos seinen Lauf, was der Untergang der Ikone Lehman Brothers vorgezeichnet hatte - und wer dachte, das Schlimmste an den Börsen sei nach dem Chaos der vergangenen Wochen überstanden, der musste gründlich umdenken.

Dieser Montag - der erste volle Börsentag nach Verabschiedung des 700-Milliarden-Dollar-Rettungspakets im US-Kongress - entpuppte sich als einer der schlimmsten Tage in der Geschichte der Wall Street. Es war ein unmissverständlicher Beweis, dass es die Politik nicht geschafft hatte, die Panik zumindest psychologisch in den Griff zu bekommen. "Der Boden unter unseren Füßen", sagte US-Finanzstaatssekretär Anthony Ryan, "bewegt sich wie bei einem Erdbeben".

Im Sog einer nun globalen Rezessionsangst, die zuvor bereits die Börsen Europas und Asiens ins Trudeln gebracht hatte, brach der Dow-Jones-Index zeitweise um 800 Punkte ein - der größte Tagesverlust in seinem 112-jährigen Bestehen. Dann legte er in schwindelerregender Achterbahnfahrt wieder rund 500 Punkte zu - nur um am Ende um 369,88 Punkte im Minus zu schließen. Es war das erste Mal seit 2004, dass der Dow unterhalb der 10.000-Punkte-Marke landete.

Das war kaum die Reaktion, die Washington sich von seinem Milliardenpaket erhofft hatte. Statt dessen war es, was sie hier "meltdown" nennen - die finanzielle Kernschmelze.

"Der Crash von 2008", titelte Floyd Norris, der sonst schwer zu beeindruckende Wirtschafts-Chefkorrespondent der "New York Times", auf seinem Blog. Kolumnistenkollege Joe Nocera seufzte hörbar: "Wird das je ein Ende nehmen?"

Alle 30 Dow-Werte verloren, die Hälfte davon so viel und schnell wie nie zuvor. Die Panik war auf dem Börsenparkett spürbar: Händler sahen auf ihren Handcomputern hilflos mit an, wie Hedgefonds ihre Portfolios plünderten, um fahnenflüchtige Klienten auszuzahlen - während die meisten Käufer "in Streik traten", um diesen Trauma-Tag lieber auszusitzen.

Anfangs schien gar nichts zu helfen. Auch die Ankündigung der Federal Reserve Bank nicht, sie werde den US-Banken die ersten Milliarden aus dem neuen Notprogramm zugänglich machen. Weitere Schritte würden folgen, versicherte die Zentralbank, "so es nötig ist, um liquide Geldmarktkonditionen zu fördern".

Doch die düstersten Befürchtungen wurden wahr: Die Kreditmärkte - auf denen sich Banken und Firmen Geld leihen - blieben hoffnungslos verstopft. Finanzmanager berichteten, dass das Kreditgeschäft völlig eingefroren sei und es "nirgends Liquidität" gebe. "Es herrscht die wachsende Erkenntnis, dass sich die Kreditklemme nicht eindämmen lässt, sondern sogar noch weiter ausbreitet", sagte der Investmentstratege Ed Yardeni.

Panik und Angst waren die Worte der Stunde - nicht mehr nur bei den Medien, sondern auch bei den hartgesottensten Experten. "Wir befinden uns in einem Zustand der Angst", sagte der Hedgefondsmanager Bill Ackman auf einer Pressekonferenz. "The party is over", verkündete Andy Serwer, der Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins "Fortune", auf CNN. Die Party ist vorbei - Schluss mit lustig.

Selbst Börsenguru Jim Cramer, ein Berufsoptimist bis zuletzt, blies zum Rückzug: "Was auch immer Sie in den nächsten fünf Jahren an Geld brauchen", riet er den Zuschauern des TV-Senders NBC mit weit aufgerissenen Augen, "bitte ziehen Sie es sofort aus der Börse ab!" Der ewige Bulle schlägt Alarm - das war gestern das ultimative Symbol der Kapitulation vor der Krise.

Und das, nachdem der Kongress unter schweren Geburtswehen sein "Rettungspaket für die Wall Street" verabschiedet hatte. Die "New York Times" beschrieb das nun bloß noch als "einen Kieselstein in aufgewühlter See". "Es ist offiziell", erklärte der Ökonom Peter Morichi von der University of Maryland: "Es hat nicht funktioniert." Zumindest steht fest, dass eine reine Liquiditätsspritze keine Lösung ist.

Ist das Börsentief damit erreicht? Kann es nun nur noch aufwärts gehen? Trader bezweifeln das: Dazu sei das Handelsvolumen gestern nicht stark genug gewesen.

"Die Leute haben die Hosen voll"

"Normalerweise würden wir bei diesen Werten denken, dass die Rallye nahe ist", sagte der Marktstratege Steven Goldman dem "Wall Street Journal". "Doch so viel bröckelt in so viele verschiedene Richtungen ab, da stellt sich die Frage: Ist dies anders als früher?"

"Schwer zu sagen, was uns noch bevorsteht", sagte auch der Hedgefondsmanager William Fleckenstein im Wirtschaftssender CNBC. "Es gibt so viele Unwägbarkeiten." Diese Unsicherheit dürfte sich auch heute weiter bemerkbar machen - nicht nur an der Wall Street. "Die Leute haben die Hose voll", sagte der Optionsstratege Bud Haslett dem "WSJ".

Das gilt nicht nur für die Börsianer. Eine aktuelle CNN-Umfrage ging der Angst vor einer Depression nach - Depression, nicht Rezession, nach dem Vorbild der dreißiger Jahre. Dazu zeichneten die Demoskopen ein schauriges Bild: "Rund einer von vier Arbeitern arbeitslos, Bankensterben im ganzen Land, Millionen normaler Amerikaner zeitweise obdachlos." 59 Prozent der Befragten hielten dieses Horrorszenario inzwischen für "wahrscheinlich".

Es war eines der pessimistischsten Umfrageresultate, die es in den vergangenen Jahren gegeben hat. Keine guten Aussichten - so kurz vor der wichtigsten Einzelhandelssaison, die hier nächsten Monat mit Thanksgiving beginnt.

Trotzdem wurden diese Sorgen, kaum zu glauben, im US-Wahlkampf gestern von der ausufernden Schlammschlacht der beiden Kandidaten fast überschattet. Der Republikaner John McCain und seine Vizekandidatin Sarah Palin versuchten, ihren demokratischen Rivalen Barack Obama in die Nähe von "einheimischen Terroristen" zu rücken, wegen einer uralten Connection zu Bill Ayers, einem Mitbegründer der marxistisch-terroristischen "Weatherman"-Gruppe. Obama wiederum thematisierte McCains Verwicklung in den "Keating Five"-Sparkassenskandal Ende der achtziger Jahre.

Während sich die Präsidenten in spe um längst vergessene Skandale zankten, machte sich der US-Kongress mit dem Verhör Richard Fulds an die aktuelle Krise. "Wie viele andere", sagte der entschuldigend, "wurde Lehman Brothers von diesem finanziellen Tsunami mitgerissen."

Und so wie es aussieht, war dies erst die erste Welle.

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