"Wall Street Journal" in Not Flaggschiff in der Flaute

Krise beim Hausblatt der US-Börsen: Das "Wall Street Journal" fährt immer höhere Verluste ein. Nun gehen die Anteilseigner auf die Barrikaden. Empörte Aktionäre wollen die Macht des mächtigen Eigentümer-Clans Bancroft brechen und fordern den Verkauf des Mutterverlags Dow Jones & Co.

Von , New York


Händler an der Wall Street: Krise beim Haus- und Hofblatt
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Händler an der Wall Street: Krise beim Haus- und Hofblatt

New York - Die Meldung ist winzig und versteckt, ganz hinten, auf Seite 109 der heutigen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins "Business Week". Unter dem Titel "Was nun, Dow Jones" stellt Kolumnist Gene Marcial dort eine provokante Frage: Ist Dow Jones & Company (DJ), der legendäre Verlag des New Yorker Börsen-Hausblatts "Wall Street Journal" und Betreiber des gleichnamigen Kursindexes, als Familienunternehmen am Ende? Oder, im Klartext: "Ist DJ reif für den Ausverkauf?"

Es ist eine Frage, die Insider schon lange bewegt. Schließlich ist DJ, obgleich an der Börse notiert, als einer der letzen US-Medienkonzerne noch fest in der Hand des einstigen Gründerclans, ähnlich wie die "New York Times". Doch diesmal, schreibt Marcial unter Berufung auf einen "wichtigen Anteilseigner" des 123-jährigen Verlagshauses, stünden die Zeichen auf Sturm. Sprich: eine Veräußerung der angeschlagenen Institution - "Wall Street Journal" inklusive.

"Dow Jones könnte zum Übernahmeziel werden", sekundiert auch George Putnam, der Herausgeber des Börsenbriefs "Turnaround Letter". Eine brisante Aussicht: Was wird dann aus der sagenumwobenen Zeitung, die nicht nur für die Wall Street unabkömmlich ist, sondern für viele als die beste der Welt gilt?

Millionenverluste im ersten Quartal

Die Zahlen bestätigen die Gerüchte: Das DJ-Ergebnis verkümmert, der Kurs liegt im Keller, die Analysten verlieren den Glauben. Als der Verlag - der neben dem "Wall Street Journal noch 33 US-Lokalzeitungen besitzt und an zahllosen weiteren, internationalen Medien-Unternehmungen beteiligt ist (CNBC, Faktiva, Stoxx) - Mitte April seine Quartalsergebnisse bekannt gab, stockte der Branche der Atem.

Die Gewinne fielen im Vergleich zum ersten Quartal 2004 um 54 Prozent, die Einnahmen von 17,8 Millionen auf 8,18 Millionen Dollar. Triefende Ironie der Geschichte: Während der Dow-Jones-Index der 30 wichtigsten US-Konzerne in den vergangenen fünf Jahre um 3,8 Prozent abrutschte, stürzte die Dow-Jones-Aktie seither um satte 50 Prozent ab. Kein Wunder, dass die ersten Börsenanalysten begonnen haben, ihr DJ-Rating herabzustufen.

Die Hauptschuld an der Misere trägt eben das 1889 gegründete Verlags-Flaggschiff, das "Wall Street Journal". Das Blatt dümpelt, wie dieser Tage der gesamte US-Zeitungsmarkt, in einer anhaltenden Anzeigenflaute: Kunden inserieren vermehrt online, bei Yahoo oder Google, oder gezielt in lokalen Blättern. "Wir kämpfen gegen ein beharrlich schwieriges Print-Anzeigenklima, vor allem in der Kategorie Technologie", sagt Verlags-CEO Peter Kann.

Das gilt nicht nur fürs "Wall Street Journal", dessen Anzeigenumsatz um fast elf Prozent fiel, sondern auch für das DJ-Magazin "Barron's". Der gesamte Print-Bereich des Verlags fuhr deshalb im ersten Quartal 2005 Verluste von 7,1 Millionen Dollar ein. Vor einem Jahr waren es noch 4,6 Millionen Dollar Gewinn gewesen.

Schwacher Fußabdruck im Cyberspace

Auch anderweitig steckt das "Journal" in der Sinnkrise. Zwar bereitet es zurzeit mit großem PR-Brimborium für September erstmals eine Samstagsausgabe vor, die "Wall Street Journal Weekend Edition". Zwar bleibt es mit seiner 2,1-Millionen-Auflage die zweitgrößte Zeitung der USA, nach "USA Today". Zwar ist es der "New York Times" meist um Längen voraus, nicht nur bei der Wirtschaftsberichterstattung, und hat bisher 31 Pulitzerpreise eingeheimst. Trotzdem fürchtet der Journalismusprofessor Adam Penenberg von der New York University: "Das 'Journal' droht, irrelevant zu werden."

Grund ist auch hier das Internet. Das "Journal" hat eine brillante Online-Ausgabe, mit detaillierten Angeboten für Laien wie Experten, die dort die kleinsten Börsenbewegungen und Firmenspezifika in Realzeit recherchieren können. Doch als einzige US-Zeitung lässt sich das "Journal" online nicht umsonst lesen, sondern verlangt selbst für die Ansicht der Artikel auf der Homepage eine Nutzgebühr (79 Dollar pro Jahr oder sieben Dollar pro Monat), die derzeit 731.000 Online-Abonnenten zahlen.

Das ist eine unverzichtbare Umsatzquelle für den Verlag, die auch die "New York Times" - die sich nur die Archivsuche bezahlen lässt - intern immer wieder diskutiert. Umgekehrt heißt das aber leider: Wer das "Journal" zu "googeln" versucht, läuft ins Leere. Die Zeitung existiert im freien Internet nicht, und Blogger ignorieren das Blatt zum Beispiel völlig, da sie es nicht "verlinken" können - ein Problem, das auch den britischen "Economist" plagt. "Das 'Journal'", kritisiert Penenberg, "hinterlässt im Cyberspace nur einen schwachen Fußabdruck." Zu schwach, um in der virtuellen Kommunikationswelt auf Dauer zu bestehen?

Protest der Shareholder

Die Malaise des "Journals" ist nicht das Einzige, was die unabhängigen DJ-Minderheitseigner verstimmt hat. Anlass zur Palastrevolte gab kürzlich auch die Übernahme der Wirtschafts-Website Marketwatch.com. 528 Millionen Dollar hat das Portal den DJ-Verlag gekostet. Vielen Aktionären war das zu teuer. Das Geld, klagten die Anteilseigner auf der vergangenen Hauptversammlung, hätte man besser als Dividende ausschütten können.

Das Murren wird lauter. Als sich die Mitglieder des Bancroft-Clans - jene Erben der DJ-Gründerfamilie Barron, die mit 62 Prozent der stimmberechtigten Aktien die Kontrollmajorität halten - jetzt das Recht sichern wollten, ihre Anteile zu veräußern, ohne an Macht zu verlieren, protestierten die übrigen Shareholder sofort. "Die Bancrofts wollen auf zwei Hochzeiten tanzen", schimpfte der Investmentmanager Mark Boyar, dessen Firma 176.000 DJ-Aktien besitzt. "Sie sollten ernsthaft überlegen, die Firma zu verkaufen."

Revoluzzer sammeln ihre Truppen

Davon ist offiziell natürlich keine Rede. "Viele Medien-Konglomerate teilen unsere Definition von redaktioneller Qualität nicht", warnt DJ-Chef Kann. "Die Bancrofts haben unseren fundamentalen Werten sehr genutzt: hohe Qualität, völlig unabhängiger Journalismus."

Doch die Revoluzzer scheinen ihre Truppen zu sammeln. "Wir haben schon Fälle erlebt, wo eine jüngere Generation den Verkauf eines Familienunternehmens erzwungen hat", sagte Buyout-Experte Putnam der "Business Week". Mit einem Börsenwert von knapp drei Milliarden Dollar sei DJ ein "attraktives Ziel für eine größere Company" - oder für eine Equity-Gruppe wie T. Rowe Price, die jetzt schon 15 Prozent am Verlag besitzt und sich an dem jüngsten Salvo gegen die Bancrofts beteiligte.



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