Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Wall Street: Milliardenbetrüger Madoff nutzte die Gier seiner Opfer

Von , New York

Manche ahnten es, keiner wollte es wahrhaben: Der legendäre Investor Bernard Madoff hat 50 Milliarden Dollar verjubelt - dabei gab es immer wieder Warnungen, schon vor Jahren ermittelte die Börsenaufsicht. Jetzt läuft die Suche nach Komplizen im größten Betrugsfall der Wall-Street-Geschichte.

New York - Wankt die Börse, blüht der Betrug - das wusste schon der Ökonom Charles Kindleberger. "Crash und Panik, mit ihrem Motto 'Rette sich, wer kann', verursachen nur noch mehr Betrug", schrieb Kindleberger in seinem Bestseller "Manien, Paniken, Crashs". Kindleberger starb 2003, seine prophetischen Erkenntnisse aber sind aktueller denn je. "Rette sich wer, kann" scheint das Leitmotiv dieser Tage.

Das zeigt nichts besser als der gigantische Betrugsskandal um den Investor Bernard Madoff, der an der Wall Street als Legende verehrt wurde. Jedenfalls bis Ende voriger Woche, als er verhaftet und angeklagt wurde, mindestens 50 Milliarden Dollar seiner Kunden verjubelt zu haben.

Es ist schon jetzt der größte Betrugsfall in der Geschichte der Wall Street - mit Opferzahlen, die täglich wachsen, weit über die USA hinaus. Börsenkrise und Rezession offenbaren nun die Schattenseiten des Anlagegeschäfts. Blinde Aufsichtsbehörden und das Vertrauen eingelullter Investoren erleichterten Madoff sein betrügerisches Spiel.

Der als gutmütige bekannte Finanzverwalter Madoff dürfte viele Mittäter und Komplizen gehabt haben. Je mehr die Staatsanwaltschaft enthüllt, desto mehr Fragen stellen sich: Wer wusste wann wie viel? Warum ließen sich so viele Menschen arglos um den Finger wickeln, Profibanker, Privatinvestoren, Prominente? Warum hat keiner die Warnzeichen beachtet, die es wohl schon vor Jahren gegeben hat?

Hier bricht ein ganzes System zusammen, bei dem viele Akteure mitgespielt haben, ob aus Gier, Naivität, Lethargie oder Dummheit. Ein besseres Sinnbild für die Kredit- und Finanzkrise könnte man kaum erfinden.

Es waren auch unangenehm vertraute Szenen, die sich am Freitagnachmittag abspielten: Dutzende entsetzter Klienten drängelten sich in der Glaslobby der Bernard L. Madoff Investment Securities an Manhattans dritter Avenue, verzweifelt fragten sie nach dem Schicksal ihrer Lebensersparnisse. Wie zum Spott überragte ein festlich geschmückter Christbaum die chaotische Szene.

Ähnliches war zur gleichen Zeit etwas weiter südlich zu beobachten, in einem Verhandlungssaal des Bezirksgericht New York unweit der Wall Street: Auch hier hofften Madoff-Investoren auf nähere Informationen. Doch Richter Louis Stanton sagte die geplante Anhörung ab, fror stattdessen alle Madoff-Konten ein und stellte sie unter Verwaltung eines Treuhänders.

Spekulationen über Gesamtschaden

Wie hoch der Gesamtschaden wirklich ist, darüber gibt es hitzige Spekulationen. Die bisher stets genannten 50 Milliarden Dollar beruhen auf Aussagen von Madoff selbst. Die relativ dürren Anklageschriften der Börsenaufsicht SEC und der Staatsanwaltschaft halten sich mit Details dazu auffallend bedeckt. SEC-Direktorin Linda Chatman sprach von "massivem Betrug, sowohl vom Ausmaß wie auch von der Dauer her", ihr SEC-Kollege Andrew Calamari von "epischen Proportionen".

Dabei ist Madoffs mutmaßliche Methode einer der ältesten Tricks der Finanzwelt: der nach dem berüchtigten US-Betrüger Charles Ponzi benannte Pyramidentrick. Dabei wird die "Rendite" von Investoren durch die Einlagen neuer Investoren gedeckt. Das geht gut, bis es keine neuen Investoren mehr gibt - und dann bricht das Ganze zusammen.


Wer war Charles Ponzi? Mehr bei SPIEGEL WISSEN

Fest steht, dass Madoff zuletzt mehr als zwei Dutzend Fonds mit rund 17 Milliarden Dollar verwaltet hat. Sein Kundenkreis - nach SEC-Akten hatte er Anfang dieses Jahres knapp zwei Dutzend Klienten in aller Welt - bestand aus Banken, Institutionen, Millionären, Hedge- und Pensionsfonds, aber auch aus vielen nicht nennenswert betuchten Privatleuten.

"Es gibt Leute, die waren vor ein paar Tagen noch sehr, sehr wohlhabend und sind nun buchstäblich brotlos", sagte Brad Friedman, einer der Betroffenen-Anwälte. "Sie haben nichts übrig als ihre Häuser - die sie verkaufen müssen, um Geld zum Leben zu haben." Viele Geschädigte residieren in der Millionärs- und Hedgefonds-Enklave Greenwich in Connecticut. Die "New York Post" lästerte, dort dürften wohl die Selbstmord-Hotlines glühen.

Größter bisher bekannter Verlierer ist die Fairfield Greenwich Group, die nach eigenen Angaben 7,5 Milliarden Dollar bei Madoff investiert hatte. "Wir sind schockiert und entsetzt", erklärte Fairfield-Gründer Jeffrey Tucker. "Wir haben seit fast 20 Jahren mit Madoff zusammengearbeitet." Der Hedgefonds Maxam Capital meldete 280 Millionen Dollar Verlust. "Ich bin am Ende", jammerte Maxam-Gründerin Sandra Manzke.

Schriftliche Warnung vor "der Katastrophe"

Fred Wilpon, der Besitzer des New Yorker Baseball-Teams Mets, war ebenso ein Madoff-Investor wie Ezra Merkin, der Vorsitzende des Finanzunternehmens GMAC, einer Tochter des maroden US-Autokonzerns GM. Merkin, ein prominenter Fondsmanager und Philanthrop, hatte fast zwei Milliarden Dollar über Madoff angelegt und warnte seine Klienten am Wochenende schriftlich vor "der Katastrophe".

Dazu kommen die großen Banken: Am Sonntag meldete das "Wall Street Journal", mehrere europäische Banken befürchteten durch Madoff Milliardenverluste. Darunter die spanische Santander, die 3,1 Milliarden Dollar über Madoff investiert habe, und die französische BNP Paribas, die um Einlagen von bis zu 350 Millionen Euro bange. Laut "Financial Times" soll auch die HSBC über eine Milliarde Dollar investiert haben. Die Neue Privat Bank und Reichmuth & Co in Zürich vertrauten Madoff Millionen an, in London sah sich die Asset-Management-Firma Bramdean in den Fall verwickelt: Fast zehn Prozent ihrer Einlagen seien von dem Skandal betroffen, erklärte sie, worauf ihr Aktienkurs um 34 Prozent abstürzte.

Und das hat Folgen: Die Robert I. Lappin Charitable Foundation, eine Wohltätigkeitsstiftung in Massachusetts, musste am Freitag schließen und ihr gesamtes Personal entlassen. Madoff hatte ihr Sieben-Millionen-Dollar-Vermögen verwaltet. Eine zweite Stiftung, die Chais Family Foundation in Kalifornien, machte am Wochenende dicht. Die jüdische Yeshiva University in New York heuerte Anwälte und Buchhalter an, um das Ausmaß des Schadens zu ermitteln. Madoff war ihr Schatzmeister und verwaltete Teile ihrer Stiftungsgelder, deren Wert zuletzt insgesamt rund 1,4 Milliarden Dollar betragen haben soll.

Finanzkrise lässt Madoff auffliegen

Keiner der betroffenen Kunden will auch nur geahnt haben, dass die Gelder nicht sicher sind. Dabei hatte es immer wieder Warnzeichen gegeben und Gerüchte, dass bei Madoffs ungewöhnlich stetigen Renditen nicht alles mit rechten Dingen zugehen könne. So riet etwa die Investmentfirma Acorn Partners ihren Kunden von Madoff ab, weil eine nähere Inspektion seiner Bücher "betrügerische Aktivitäten" nahelege.

Außerdem ermittelte schon 1992 die SEC - die von dem Skandal jetzt völlig überrascht zu sein scheint. Immer wieder berichteten auch diverse US-Medien über Unstimmigkeiten in den Madoff-Konten. 2005 und 2007 nahm die SEC ihn erneut unter die Lupe, rügte ihn aber nur wegen "technischer Verstöße". Die Investoren stellten sich taub.

Erst die Finanzkrise sorgte also dafür, dass Madoff aufflog: Die hohen Verluste an der Wall Street zwang Hedgefonds, ihre Madoff-Investments zurückzufordern. Erst da stellte sich heraus, dass das Geld nur auf dem Papier existierte.

Der Fall dürfte die Vertrauenskrise an der Wall Street nur noch verschlimmern. "Dies wird eine ohnehin skeptische Gesellschaft aus privaten und institutionellen Investoren kaputtmachen", sagte der Hedgefondsmanager Doug Kass der "New York Post". "Sie haben unsere Vermögensverwalter geachtet, nur um wieder und wieder enttäuscht zu werden."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Bernard Madoff: Der tiefe Fall einer Investment-Legende


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: