Wall-Street-Skandal Banker am Online-Pranger

Pikanter Skandal an der Wall Street: Ein Top-Banker der Großbank Credit Suisse verlor seinen Job - wohl auch, weil ein Rivale ihn im Web erbarmungslos erniedrigt hatte. Die Affäre hat an der Wall Street eine Debatte über die Macht des Internets ausgelöst.

Von , New York


New York - Es klang wie eine dieser üblichen Kündigungen an der Wall Street. Steve Rattner, Managing Director der Großbank Credit Suisse, ziehe sich freiwillig ins Privatleben zurück, erklärte der Konzern knapp. Rattner - der bis dahin DLJ Merchant Banking leitete, den milliardenschweren Private-Equity-Arm von Credit Suisse - wolle "mehr Zeit mit seiner Familie verbringen".

Rattner-Attacke im Web: Rache eines gehörnten Gatten

Rattner-Attacke im Web: Rache eines gehörnten Gatten

So weit, so diskret. Es waren die altbekannten Sprachformeln, hinter denen sich alle möglichen Variationen eines Karriereknicks verbergen lassen: Zwangspensionierung, Rauswurf, Degradierung. Dieser Abgang indes beschäftigt die New Yorker Finanzszene seither über alle Maßen. Die Hintergründe sind derart grotesk, dass die Wall Street seit Tagen kaum ein anderes Thema kennt - als willkommene Ablenkung vom trüben Trott der Kreditkrise.

Die Zutaten dieser Saga, die am Ende auch eine Parabel auf die unbändige Macht des Internets ist: ein Seitensprung, ein nach Rache sinnender gehörnter Gatte, ein spendabler Millionärs-Nebenbuhler und exotische Jetset-Schauplätze wie Monaco, Macao, Hongkong, die Philippinen.

Rattner hatte einen stillen, doch lukrativen Wall-Street-Job. Der Finanzier arbeitete seit 1985 für DLJ, eine ehemalige Investmentbank, die im Jahr 2000 von Credit Suisse geschluckt und zur Private-Equity-Abteilung umgebaut wurde. Im Gegensatz zu seinem Namensvetter - dem prominenten Großinvestor Steven Rattner, der eng mit dem New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg befreundet ist und dessen Vermögen verwaltet - wirkte dieser Rattner lieber im Schatten.

Ein Kind von Traurigkeit war der unbekanntere Rattner indes nicht. Vor fünf Jahren hatte der verheiratete Vater eine Affäre mit einer ebenfalls verheirateten Frau. Er gibt den Seitensprung heute offen zu und bereut die ganze Sache.

Die Liebelei, schreibt die bei solch intimen Verstrickungen sonst eher zugeknöpfte "New York Times", habe sich in London abgespielt. "Schließlich brach er das Liebesabenteuer ab, beichtete es seiner Frau und bemühte sich anschließend darum, seine Ehe zu retten." Das gelobte Rattner in der "NYT" sogar persönlich, mit dem Schwur: "Ich liebe meine Frau und Kinder mehr als das Leben selbst."

Damit hätte die Affäre ihr Ende finden können. Tatsächlich aber wurde es jetzt erst richtig spannend. Plötzlich nahm die Geschichte eine für Rattner unangenehme Wendung, deren Verlauf hier jeder seit Wochen auf den Klatschblogs und Websites mitverfolgen kann.

Denn dort, in Diskussionsforen und Online-Kommentarspalten, fand sich immer wieder der gleiche, wutschnaubende Eintrag, gefolgt von seitenlangen Tiraden: "Steve Rattner hat meiner Frau 500.000 Dollar gezahlt, um mich zu verlassen!" Das "New York Magazine" versuchte, die Postings - die mit den Themen der Foren nie etwas zu tun hatten - von seiner Website zu tilgen, doch der Verfasser war schneller. Er lud "alle fünf Sekunden" nach, klagt das Blatt, "während wir ihn löschten".

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.