Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Wall-Street-Vorschau: Krumme Geschäfte mit dem Krieg

Von , New York

Rüstungswoche an der Wall Street: Mit den großen Waffenkonzernen und zivilen Vertragsfirmen wie Halliburton legen die Kriegsgewinnler ihre Quartalsbilanzen vor. Die Branche boomt - doch nicht immer geht es mit rechten Dingen zu.

Lockheed-Produkt F-22 Raptor:  Atemberaubender Boom

Lockheed-Produkt F-22 Raptor: Atemberaubender Boom

New York - 444,8 Millionen Dollar für General ElectricChart zeigen. 51,9 Millionen Dollar für Pratt and Whitney. 25 Millionen Dollar für Northrop Grumman. 16,4 Millionen Dollar für Lockheed Martin. 7,5 Millionen Dollar für Raytheon.

Die Rüstungsbranche blüht. 786 Millionen Dollar an nagelneuen Rüstungsaufträgen hat das US-Verteidigungsministerium allein in der vorigen Woche vergeben. Die Bombengeschäfte gibt die Pressestelle des Pentagons jeden Tag Punkt 17 Uhr, in einer kurzen, knappen Mitteilung bekannt, über die meist nur die militärische Fachpresse berichtet und vielleicht ab und zu mal das "Wall Street Journal" in einer Randnotiz.

Fotostrecke

5  Bilder
Waffenboom: US-Rüstungsriesen feiern goldene Ära

Dabei ist dies einer der atemberaubendsten Booms der jüngsten US-Wirtschaftsgeschichte. Denn der Auftraggeber ist, dank des endlosen Kriegs gegen den Terror, fast endlos spendabel: Für das kommende Jahr hat das Pentagon schon jetzt Rüstungsaufträge im Wert von mindestens 420 Milliarden Dollar veranschlagt. Hinzu kommen die laufenden Unterhaltskosten für die Truppenpräsenz in Afghanistan und im Irak: Ersatzteile, Wartung und Munition (72 Milliarden Dollar), sowie zivile Aufträge für den Heimatschutz (32 Milliarden Dollar) - macht über eine halbe Billion Dollar.

Rüstungsboom begann mit Bushs Wahl

Wenn man die Gesamtkosten aller 77 neuen Waffenprogramme addiert, die Washington dieser Tage in Entwicklung hat, kommt man nach Berechnung der "New York Times" sogar auf 1,3 Billionen Dollar. Dies wäre die größte Rüstungsexplosion seit dem Kalten Krieger Ronald Reagan.

Während der Rest der US-Börse dahin krebst, geht es den Waffenbauern blendend. Der Kurs des weltgrößten Rüstungskonzerns Lockheed Martin hat sich seit den Zeiten vor dem 11. September 2001 mehr als vervierfacht. Morgen, wenn Lockheed ein letztes Mal in diesem Jahr Quartalszahlen bekannt gibt, könnte es einen weiteren Kurssprung geben. Northrop Grumman (Bilanztermin: Mittwoch) hat ebenfalls enorm zugelegt, mit Jahresumsätzen, die sich seit dem Amtsantritt des selbsternannten US-"Kriegspräsidenten" George W. Bush verdoppelt haben. Ähnlich geht es Boeing Chart zeigen (Bilanztermin: Mittwoch) und Raytheon (Bilanztermin: Donnerstag).

Der Erfolg seines Unternehmens, sagt Lockheed-Sprecher Thomas Jurkowsky, liege an der "veränderten geopolitischen Landschaft", sprich: dem Krieg gegen den Terror. Doch der Erfolg begann nicht erst mit den Anschlägen an 9/11, sondern bereits zehn Monate zuvor - mit der Wahl Bushs. Dessen Wahlkampfversprechen beglückte die Branche schon 2000: "Ich werde das amerikanische Volk gegen Raketen und Terror verteidigen", schwor er damals. "Ich werde beginnen, das Militär des nächsten Jahrhunderts zu schaffen." Und das war, bevor ihm al-Qaida dazu die Rechtfertigung lieferte.

Fette Aufträge an die "usual suspects"

Erfreut schossen die Kriegskonzerne Bush und seinen Republikanern in jenem Wahlkampf 9,1 Millionen Dollar an Parteispenden zu - fast zweimal so viel wie sie für die Demokraten locker machten (sicher ist sicher). Noch im selben Jahr begannen die Kurse der Waffenunternehmen anzuziehen. "In dem Moment, da die Öffentlichkeit und die Investoren merkten, dass Bush eine Chance aufs Präsidentenamt hatte, gingen die Rüstungsaktien sofort hoch", sagte der Branchenexperte Paul Nisbet dem "Wall Street Journal". Dann kam 9/11 - "und die Schleusen öffneten sich", so Gordon Adams, Rüstungshaushaltsexperte unter Bill Clinton.

Halliburton-Gebäude: Immer wieder Beschwerden über Auftragsvergabe ohne Ausschreibung
REUTERS

Halliburton-Gebäude: Immer wieder Beschwerden über Auftragsvergabe ohne Ausschreibung

Das Center for Public Integrity - eine unabhängige "Watchdog-Gruppe", die den Geldfluss in Washington untersucht - hat sich die Vergabe von US-Rüstungsaufträgen kürzlich einmal etwas genauer angesehen. Das Ergebnis, zusammengefasst in der lesenswerten Studie "Das Outsourcing des Pentagons": Nur 40 Prozent aller Verträge kämen in "offenem Wettbewerb" zu Stande. Der Rest werde den Begünstigten "außerhalb des Auktionsverfahren" zugeschachert, also auf Beschluss im stillen Kämmerlein.

Vetternwirtschaft wie gehabt: In den sechs Jahren von 1997 bis 2003 gingen nach Recherchen des Centers die fettesten Aufträge stets an die "usual suspects" Lockheed Martin (94 Milliarden Dollar), Boeing (82 Milliarden Dollar), Raytheon (40 Milliarden Dollar), Northrop Grumman (34 Milliarden Dollar) und General Dynamics (33 Milliarden Dollar). Dies waren zugleich auch die fleißigsten Wahlkampffinanziers Bushs.

Zehn Millionen Dollar eingefroren

Aber auch die Zivilbranche kassiert ab. Über 150 amerikanische Vertragsfirmen teilen sich lukrative Wiederaufbau-Aufträge in Afghanistan und im Irak im Wert von insgesamt über 51 Milliarden Dollar. Ganz oben auf der Liste, allseits bekannt: Halliburton, das seine letzten Quartalszahlen ebenfalls morgen präsentiert.

Daran ändern auch die Ermittlungsverfahren nichts, die inzwischen wegen Wucherverdachts gegen den texanischen Konzern anhängig sind. Halliburton - das mit seinem ehemaligen Chef und jetzigen US-Vizepräsidenten Dick Cheney beste Connections ins Weiße Haus hat - hat der Regierung über seine Tochter Kellogg Brown & Root bisher über 12 Milliarden Dollar allein im Irak in Rechnung gestellt. Davon sind aber fast drei Milliarden Dollar nach Aktenlage des Pentagons "fraglich" oder "nicht belegbar".

Dabei ist Halliburton gar nicht mal das einzige Unternehmen, das im Verdacht steht, beim Krieg kräftig abgezockt zu haben - mit oder ohne Wissen der Regierung. Vor drei Wochen zum Beispiel beendete das Pentagon alle Geschäftsverbindungen mit der profilierten Wachfirma Custer Battles und fror zehn Millionen Dollar noch ausstehenden Honorars ein. Grund: In einer Zivilklage werfen ehemalige Mitarbeiter der Firma vor, über gefälschte Rechnungen und Scheinfirmen zweistellige Millionensummen erschwindelt zu haben. Auch das Pentagon wollte anfangs klagen, nahm aber dann überraschend wieder Abstand davon. Als Erklärung war zu hören, die geschädigte Partei existiere ja nicht mehr - die provisorische Koalitionsverwaltung im Irak.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: