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Wall-Street-Wahnsinn: Krisenbanker gönnen sich 70-Milliarden-Belohnung

Wo kann man pokern, alles verlieren und trotzdem kassieren? In der Bankenwelt. Wie der "Guardian" berichtet, zahlen Wall-Street-Firmen ihren erfolglosen Managern noch einmal 70 Milliarden an Gehältern und Sonderprämien - bevor sie in Washington um Hilfe betteln.

Hamburg - Während Politiker in Europa und Amerika Rettungspakete für den Finanzsektor schnüren, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, stellen manche Banker schnell noch ihre eigenen und großzügigen Notfallpläne auf. Wie die britische Tageszeitung "The Guardian" recherchiert hat, verteilen alleine die Geldhäuser an der Wall Street noch einmal 70 Milliarden Dollar an ihr Spitzenpersonal, das meiste davon in diskreten zusätzlichen Bonuszahlungen. Die Manager belohnten sich damit für ein Geschäftsjahr, schreibt der "Guardian", in dem sie das globale Finanzsystem in die schlimmste Krise seit dem Börsencrash von 1929 führten.

Demonstranten vor der Börse in New York: "Now suck it up" - jetzt löffelt eure Suppe gefälligst selbst aus
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In Deutschland muss sich Josef Ackermann für seine Ankündigung ausbuhen lassen, dass er in diesem Jahr auf einen Teil seiner Bezüge verzichten werde. Angesichts der miesen Geschäftslage, sagen die Kritiker, würden in diesem Jahr eh kaum Beträge anfallen, die den Verzicht wirklich schmerzhaft machten. An der Wall Street aber füllt man sich schnell noch einmal die Taschen, bevor die Regelung der Regierung greift, wonach Bankmanager ihre Bezüge reduzieren müssen, wenn sie staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. Sechs Bankhäuser, darunter Goldman Sachs und Citigroup, planen jedenfalls noch einmal bedeutende Auszahlungen an ihr Personal, obwohl man schon Hilfen aus dem 700-Milliarden-Rettungsplan aus Washington beantragt hat.

Was die Rechercheure beim "Guardian" am meisten wunderte: "Die Summen, die Wall-Street-Firmen weiterhin für Gehälter, Abfindungen und die - besonders umstrittenen - Boni zahlen, scheinen in keinem Verhältnis zu den Verlusten zu stehen, die sie auch für die Investoren eingefahren haben." Die Börsenkurse von Citigroup und Goldman Sachs sind seit Jahresbeginn um 45 Prozent gefallen, die Notierungen für Morgan Stanley und Merrill Lynch sind sogar um 60 Prozent eingebrochen. Und Lehman Brothers sind komplett untergegangen.

Der dramatische Rückgang der Unternehmenswerte bei gleichzeitigen Milliardenbonuszahlungen produziert dabei verrückte Szenarien wie diese: In der vergangenen Woche war der Kurs von Morgan Stanley so weit abgestürzt, dass im Topf für die Managergehälter und Prämien mit 10,7 Milliarden Dollar genügend Geld war, um die Bank komplett zu kaufen. Ähnlich interessant waren die Zahlenspielereien, die sich bei der Citigroup ergaben: Dort werden, trotz des Gewinneinbruchs, in diesem Jahr vier Prozent mehr für Gehälter und Boni ausgezahlt als im Vorjahr - insgesamt 25,9 Milliarden Dollar. Gleichzeitig hat die Bank im Rahmen des Finanzrettungsplans 25-Milliarden Dollar als Investition aus Washington akzeptiert.

Nach Angaben des "Guardian" sind auch der Konkurrenz erstaunliche Beträge für Gehälter und Sonderzahlungen aufgelaufen:

  • Bei Goldman Sachs 11,4 Milliarden,
  • bei JP Morgan 6,53 Milliarden,
  • bei Merrill Lynch allein im letzten Quartal 3,49 Milliarden,
  • und selbst bei der Pleitebank Lehman Brothers waren noch 6,12 Milliarden für derartige Zahlungen reserviert.

Keine der Banken war bereit, dem "Guardian" eine Stellungnahme zu geben und die Höhe der geplanten Prämienzahlungen zu kommentieren.

Kritiker der Investmentbanken bemängeln schon länger, dass die Geldhäuser Milliarden in die Bonustöpfe abzweigen, anstatt die Eigenkapitaldecke der krisengeschüttelten Unternehmen zu erhöhen. Der "Guardian" konnte immerhin einen Insider zu einem - wenn auch anonymen - Eingeständnis überreden: "Die Frage ist sicherlich berechtigt", sagte also dieser Banker, "und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Banken diese Praxis bis Jahresende überprüfen werden."

Vielleicht waren dann Leute wie Lehman-Brothers-Boss Dick Fuld oder Merrill-Lynch-Chef Stan O'Neal und ihre Kollegen die letzten einer Generation, die dank der Boni oder großzügigen Abfindungen - die sie in Amerika gerne auch den "golden parachute" nennen, also den goldenen Fallschirm - steinreich wurden.

Dick Fuld verdiente in den Jahren von 2000 und 2007 Gehälter und Sondervergütungen in einer Höhe von 485 Millionen Dollar. Stan O'Neal verkündete noch einen Verlust von acht Milliarden Dollar, bevor er mit einem Abschiedsgeld von 161 Millionen privatisierte. Citigroup-CEO Chuck Prince musste zig Milliarden abschreiben - und verabschiedete sich mit 38 Millionen Dollar in Boni, Aktien und Optionen aus dem Geschäft.

Die Master des Desasters - die Köpfe der Finanzkrise:

oka

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