Wanderarbeiter in China Knechte des Booms

Wer zahlt den Preis für Chinas Wirtschaftswunder? Amnesty International hat den Alltag chinesischer Wanderarbeiter dokumentiert. Die Bilanz: 200 Millionen Menschen werden Tag für Tag betrogen und verheizt – und China riskiert seine Zukunft.

Von Kai Lange


Hamburg - Als die 21-jährige Näherin Zhang zur Arbeit in der Textilfabrik nahe Peking erschien, wusste sie noch nicht, dass es ihr letzter Arbeitstag dort sein würde. Seit Monaten hatte das Management schon keine Löhne gezahlt. Zhang aber berichtet, sie sei nicht sonderlich nervös gewesen. Sie war erst einen Monat lang dabei.

Wanderarbeiterin in einem Zug in Heifei: "Es ist hart für uns. Aber wir hatten nicht angenommen, dass es für unsere Kinder genauso schwierig wird."
REUTERS

Wanderarbeiterin in einem Zug in Heifei: "Es ist hart für uns. Aber wir hatten nicht angenommen, dass es für unsere Kinder genauso schwierig wird."

An diesem Tag kam es zum Streit: "Die Kollegen sagten dem Fabrikleiter, dass sie nicht mehr zur Arbeit kämen, wenn sie nicht endlich bezahlt würden", berichtet Zhang. Und weiter:

"Der Fabrikleiter sagte, wer gehen wolle, könne gehen. Doch wir hatten nicht einmal Geld für die Busfahrt nach Peking. Wir entschieden uns dennoch zu gehen: Da das Fabriktor normalerweise verschlossen war, musste einer von uns den Schlüssel stehlen. Wir gingen am Abend, als nur ein Wächter vor dem Tor stand, der uns nicht zurückhalten konnte. In diesem Moment spürten wir eine Ahnung von Zufriedenheit - es fühlte sich an wie ein Sieg, obwohl einige von uns um den Lohn von vier Monaten Arbeit geprellt worden waren. Ich hatte Glück, denn ich war nur um einen Monatslohn gebracht worden …"

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International greift in einem neuen Bericht auf viele solcher Beispiele zurück, um die tägliche Diskriminierung der Wanderarbeiter zu illustrieren. Das kommunistische Regime in Peking toleriert Arbeitsbedingungen, die an die dunkelsten Stunden des Frühkapitalismus erinnern – gleichzeitig betont Ministerpräsident Wen Jiabao während des Volkskongresses, dass soziale Gleichheit und Gerechtigkeit in China "bewahrt" werden müssen.

"Kosten des Wirtschaftswunders"

Der Amnesty-Bericht "China: Die menschlichen Kosten des Wirtschaftswunders" unterstreicht jedoch: Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Die Zahl der Wanderarbeiter, die vom Land in Chinas boomende Städte sowie in die Küstenregionen ziehen, ist seit 1980 von zwei Millionen auf rund 200 Millionen gestiegen. Bis 2015 werden es wohl 300 Millionen Menschen sein. Beobachter sprechen von der "größten Migrationsbewegung in Friedenszeiten".

Das Heer der billigen Arbeitskräfte hat Chinas Aufschwung erst ermöglicht. Sie ziehen Chinas moderne Metropolen hoch und leisten Schichtarbeit in den Fabriken an der südchinesischen Küste. Obwohl sie die gefährlichsten und schwierigsten Arbeiten leisten, werden ihnen Grundrechte verwehrt, betont Amnesty: Viele von ihnen seien unterbezahlt und ohne Krankenversorgung, und ihre Kinder dürften nicht die staatlichen Schulen besuchen.

Ein Lohn von umgerechnet zwei bis drei Euro pro Tag reicht kaum zum Überleben. Einer offiziellen Regierungsstatistik zufolge verdienten Wanderarbeiter im Perfluss-Delta bei Hongkong im Jahr 2005 durchschnittlich 60 bis 70 Euro pro Monat, wobei die Lebenshaltungskosten in dieser Region bei rund 80 Euro angesetzt waren. "Solch ein Einkommen reicht für vier Schüsseln gebratene Nudeln pro Tag", lautet das Fazit der Statistikbehörde.

In diesen Monatslohn sind alle Bonuszahlungen für Überstunden und Feiertagsarbeit einbezogen. Denn diese sind an der Tagesordnung: Wanderarbeiter arbeiten laut China Labor Bulletin in der Regel zwölf bis 14 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche, haben einen Tag pro Monat frei. Die 21-jährige Zhang, die innerhalb von vier Jahren in neun Fabriken gearbeitet hat, beschreibt ihren Arbeitsalltag so:

"Arbeitsbeginn war jeden Morgen um 7.30 Uhr, Schluss war frühestens um 23 Uhr. (…) Um 12 Uhr mittags gaben sie uns eine halbe Stunde Zeit zum Essen und zum Ausruhen, aber nach dem Essen sind alle wieder direkt an die Arbeit gegangen. Der beste Tag war Sonntag, da mussten wir nur bis 21.30 Uhr arbeiten. Wir waren an der Grenze unserer Kräfte. Einige wurden ohnmächtig vor Erschöpfung."

Auch Wang Yuangcheng, Mitglied des Nationalen Volkskongresses, sieht ein wachsendes Problem auf die Regierung in Peking zukommen. "Wanderarbeiter leben in provisorischen Unterkünften, können sich nur das billigste Essen leisten. Sie haben keinen Versicherungsschutz und bekommen erst mit Verspätung ihre Löhne. Von den Städtebewohnern werden sie als Bürger zweiter Klasse angesehen", sagt Wang.

Dennoch zögert das kommunistische Regime, das Hukou-System – eine der Grundlagen für die tägliche Diskriminierung von Millionen Menschen – grundlegend zu reformieren.

Ohne Meldepapiere keine Rechte

Chinas Hukou-System zwingt jeden Bürger, sich an seinem Wohnsitz registrieren zu lassen. Wer sich länger als drei Monate außerhalb des ihm zugewiesenen Wohnsitzes aufhält, muss eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis beantragen. Voraussetzungen dafür sind in der Regel ein Arbeitsvertrag, eine Arbeitserlaubnis vom Heimatstandort sowie ein polizeiliches Führungszeugnis - hinzu kommen Kosten für Ausstellungsgebühren und Schmiergelder. "Die Polizei gibt die Permits nicht so einfach heraus, man braucht gute Beziehungen (Guanxi)", zitiert der Bericht einen Wanderarbeiter in Peking.

Da die meisten der Wanderarbeiter weder alle nötigen Dokumente noch das Geld für solch einen "temporary permit" haben, bleiben sie ohne Papiere und damit illegal in den Städten. Sie sind in der Regel der Willkür ihres Arbeitgebers als "Sponsor" ausgeliefert, der um den unsicheren Status der Arbeiter weiß und ihnen meist auch keine Arbeitsverträge ausstellt - ein Teufelskreis.

Laut einer offiziellen Statistik des State Council Research Center hat jeder zweite Wanderarbeiter keinen Arbeitsvertrag - doch nach Schätzungen von Amnesty liegt die Dunkelziffer viel höher. Eine Untersuchung im Auftrag der Nationalen Volkspartei Ende 2005 ergab, dass weniger als 20 Prozent der chinesischen Unternehmen Arbeitsverträge nutzen. In Suizhou City bei Hubei überprüfte die Arbeitsbehörde insgesamt 134 Unternehmen: Nicht eines konnte Arbeitsverträge für seine Angestellten vorweisen.

Arbeitsvertrag? Wieso Arbeitsvertrag?

Als Gründungsmitglied der International Labour Organisation (ILO) wendet sich China offiziell gegen Zwangsarbeit, Kinderarbeit und Diskriminierung am Arbeitsplatz. Die Praxis sieht anders aus: Aufgrund ihres unsicheren rechtlichen Status, ihrer Isolierung und ihrem Gefühl der sozialen Unterdrückung werden Wanderarbeiter ihrer Rechte beraubt. "Niemand hat hier einen Vertrag bekommen", wird eine Fabrikarbeiterin zitiert. "Niemand hat dies erwähnt, als wir hier anfingen zu arbeiten."

"Neue Gesetzentwürfe sind begrüßenswert, helfen den Betroffenen derzeit aber nicht", sagt Dirk Pleiter, China-Experte der deutschen AI-Sektion. Wirkungsvoller wäre, freie Gewerkschaften zuzulassen, die unabhängig vom staatlichen Gewerkschaftsverband als Ansprechpartner vor Ort agieren könnten.

"Wenn du zu erschöpft bist, um aufzustehen, kannst du einen Tag unentschuldigt fehlen. Aber das sollte man nur im äußersten Notfall machen, denn dann verlierst du deinen Anwesenheits- und Überstundenbonus für den gesamten Monat. Außerdem ziehen sie dir den Lohn für vier volle Tage ab, als Strafmaßnahme."

So schildert eine Fabrikarbeiterin aus Dongguan im China Labour Bulletin das System, mit dem Wanderarbeiter unter Druck gesetzt werden. Zwar können lokale Behörden in China einen Mindestlohn festsetzen, der auf den örtlichen Lebenshaltungskosten basiert. Durch den Zwang zu Überstunden, Geldbußen für Widerreden oder Nichterscheinen und durch das Zurückhalten von Löhnen haben manche Manager jedoch ein wirkungsvolles System etabliert, um die durchschnittlich gezahlten Löhne zu drücken.

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