S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Das große Einmaleins

Von Wolfgang Münchau

Kann sich Europa aus seiner Schuldenkrise heraussparen? Neue Daten des Internationalen Währungsfonds legen nahe: Sparbeschlüsse beeinträchtigen das Wachstum stärker als bislang angenommen. Wer den Haushalt dann weiter zusammenkürzt, gerät in einen Teufelskreis.

Vorletzte Woche waren es die Portugiesen. Diese Woche sind es die Niederländer. Überall in Europa planen Regierungen Sparprogramme für das Haushaltsjahr 2013. In den Niederlanden beträgt das angepeilte Sparvolumen 16 Milliarden Euro bis 2017, rund drei Prozent der Wirtschaftsleistung.

Die Frage, die sich aufdrängt: Welche Konsequenzen haben diese Programme für das Wachstum im kommenden Jahr und für die Schuldendynamik? Es lohnt sich, dieser Frage mit einer gewissen arithmetischen Pedanterie nachzugehen.

Stellen Sie sich folgendes Gedankenexperiment vor: Ein Staat hat eine jährliche Wirtschaftsleistung von 100 Milliarden Euro und einen Schuldenberg in exakt der gleichen Höhe. Die Schuldenquote beträgt also 100 Prozent. Jetzt will man drei Prozent der Schulden zurückzahlen, indem man einen Haushaltsüberschuss erwirtschaftet. Am Ende des Jahres sinken die Schulden auf 97 Milliarden. Was passiert mit der Wirtschaftsleistung?

Da die Staatsausgaben additiv in die Wirtschaftsleistung eingehen, fällt diese zunächst ebenfalls auf 97 Milliarden - es sei denn, irgendein anderer Zweig der Wirtschaft kompensiert diesen Effekt. In normalen Zeiten würde man genau das auch erwarten. Da sinken die Zinsen, weil die staatliche Kreditnachfrage sinkt, und die Währung wertet ab. Das ist aber jetzt nicht der Fall. Die offiziellen Zinsen sind schon in der Nähe von null, der Euro ist relativ stabil, und innerhalb des Euroraums ist eine Abwertung sowieso nicht möglich.

Trotz Sparprogramm verändert sich die Schuldenquote zunächst nicht

Wenn der niederländische Staat spart, dann wird also kein Konsument oder Investor mehr Haschisch rauchen oder sonst irgendwas konsumieren, weil er sich durch niedrige Zinsen stimuliert fühlt. Da die Schuldenquote eine Quote ist, also ein Quotient aus Schulden und jährlicher Wirtschaftsleistung, verändert sich mit dem Sparprogramm zunächst nichts. Anstatt 100 durch 100 zu dividieren, dividiert man in unserem abstrakten Beispiel 97 durch 97. Sie können den Taschenrechner stecken lassen.

Der Effekt eines Schuldenprogramms auf das Wachstum wird durch den sogenannten Multiplikator gemessen. In unserem oben genannten Beispiel betrug er genau eins.

Jetzt geht man aber beim Internationale Währungsfonds (IWF) intern davon aus, dass der Multiplikator im Euroraum 1,5 sei. Ein Euro weniger Schulden reduziert also die Wirtschaftsleistung nicht um einen Euro wie in unserem Fall, sondern um einen Euro und 50 Cent. Wie kann ein Multiplikator so hoch sein? Und was hätte das für Konsequenzen?

Ich kann zwei Gründe nennen: Zunächst sind da die Zweitrundeneffekte. Der Staat senkt die Sozialleistungen, und die Empfänger konsumieren dann weniger. Eine Mehrwertsteuererhöhung hat den gleichen Effekt. Dieser Effekt ist einmalig und würde nach dem ersten Jahr verfliegen. Und dann gibt es noch länger anhaltende Struktureffekte. Ein Beispiel ist jemand, der in der Krise arbeitslos wird und sich dann später nie wieder in den Arbeitsmarkt integrieren wird. Das reduziert langfristig die Wirtschaftsleistung.

Wenn der Multiplikator tatsächlich so hoch ist, dann tritt ein perverser Effekt auf: Anstatt zu fallen, erhöht sich der Schuldenstand kurzfristig. Wenn man wie in unserem Beispiel die Schulden um drei Milliarden auf 97 Milliarden verringert, die Wirtschaftsleistung aber um einen Faktor von 1,5 des Schuldenabbaus fällt, also um 4,5 Milliarden, dann liegt die Schuldenquote am Ende des Jahre bei ungefähr 101,6 (97 geteilt durch 95,5).

Heißt das, dass man nicht sparen darf, wenn der Multiplikator über eins liegt?

Teufelskreis des Sparens

Nicht unbedingt, aber Sie müssen zwei Dinge beachten. Zunächst müssen Sie sich darüber im Klaren sein, dass ein Sparprogramm den Schuldenstand im ersten Jahr erhöht. Sie kommen erst zu einem unbestimmten späteren Zeitpunkt wieder auf das ursprüngliche Schuldenniveau zurück, und erst danach wird es besser. Vor allem aber dürfen Sie nicht jedes Jahr neue Sparprogramme auferlegen, weil Sie damit jedes Jahr erneut diesen perversen Kurzfrist-Effekt haben.

Genau das ist in Griechenland passiert, wo die Schulden zu Anfang der Krise bei 110 Prozent lagen und jetzt bei 170 Prozent. Das gleiche Drama wiederholt sich jetzt in Italien, Spanien und sogar in den Niederlanden. Man rennt einer Zahl hinterher - in diesem Fall einer Neuverschuldungsquote von 3 Prozent - verpasst das Ziel, weil das Wachstum kurzfristig fällt und die Steuereinnahmen fallen und legt dann ein neues Sparprogramm auf, das genau den gleichen Kreis durchläuft. Man hofft irgendwie, dass die Weltwirtschaft in Schwung kommt, und dass die Exporte das Land wieder hochziehen. Aber die Eurokrise behindert auch den Aufschwung der Weltwirtschaft. So gerät man in einen Teufelskreis des Sparens.

Man kann sich darüber streiten, ob der IWF mit seiner Einschätzung eines hohen Multiplikators Recht hat. Ich halte sie angesichts des wirtschaftlichen Umfeldes für plausibel, aber es gibt da auch andere Meinungen.

Wenn der IWF aber Recht haben sollte und wenn die europäischen Länder ihre derzeitige Haushaltspolitik fortsetzen, dann steht ihnen eine Schuldenexplosion bevor - nicht obwohl sie sparen, sondern weil sie es tun.

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insgesamt 170 Beiträge
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    Seite 1    
1. Potzblitz
graphicdog 31.10.2012
Zitat von sysopKann sich Europa aus seiner Schuldenkrise heraussparen? Neue Daten des Internationalen Währungsfonds legen nahe: Sparbeschlüsse beeinträchtigen das Wachstum stärker als bislang angenommen. Wer den Haushalt dann weiter zusammenkürzt, gerät in einen Teufelskreis. Wann Sparprogramme funktionieren und wann nicht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/wann-sparprogramme-funktionieren-und-wann-nicht-a-864421.html)
Potzblitz! Wer hätte das gedacht!? Vielleicht sollten die "Experten" ab und zu mal in einem Internetforum lesen. Das man ein Wirtschaft "kaputtsparen" kann, lese ich hier seit mindestens zwei Jahren. graphicdog
2. Der Name des Autors ...
coyote38 31.10.2012
... reicht bereits aus, um diesen Beitrag NICHT gelesen haben zu müssen und ihn DENNOCH kommentieren zu können. Gehen wir einfach mal davon aus, dass Herr Münchau den gleichen neoliberalen und weltfremden, großkapitalistischen Blödsinn geschrieben hat, wie sonst auch immer.
3.
dendrocopos 31.10.2012
Zitat von sysopKann sich Europa aus seiner Schuldenkrise heraussparen? Neue Daten des Internationalen Währungsfonds legen nahe: Sparbeschlüsse beeinträchtigen das Wachstum stärker als bislang angenommen. Wer den Haushalt dann weiter zusammenkürzt, gerät in einen Teufelskreis. Wann Sparprogramme funktionieren und wann nicht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/wann-sparprogramme-funktionieren-und-wann-nicht-a-864421.html)
Eine Wirtschaft, die in einem hohem Maß auf öffentliche Aufträge angewiesen ist, kann nur scheitern.
4. Einerseits richtig ...
SenYek 31.10.2012
... auf der einen Seite kann ich Herrn Münchau (ausnahmsweise) zustimmen: Durch immer weiteres Sparen - wie bisher - wird die griechische Wirtschaft nicht gesunden. Nur leider hat die Vergangenheit gezeigt, dass der Umkehrschluss *nicht* funktioniert: Auch eine kontinuierliche Steigerung der Staatsausgaben hilft der griechischen Staatsschuldenquote nicht wirklich. Mit anderen Worten: Sparen ... oder nicht sparen ... es gibt keinen Weg, die griechische Wirtschaft ohne wirklich einschneidende Eingriffe zu retten. Daraus kann doch nur folgern: Jegliche "Griechenlandhilfe" kann keinen Erfolg haben - ohne substanzielle Strukturreform (die nicht in Sicht ist) bleibt das Land definitiv ein Faß ohne Boden. Danke, Herr Münchau, für diese Erkenntnis!
5. keine Lösung
MütterchenMüh 31.10.2012
Zitat von graphicdogPotzblitz! Wer hätte das gedacht!? Vielleicht sollten die "Experten" ab und zu mal in einem Internetforum lesen. Das man ein Wirtschaft "kaputtsparen" kann, lese ich hier seit mindestens zwei Jahren. graphicdog
Die Alternative, mit verstärkten Investitionen Wirtschaftsleistung zu generieren, bringt in der Regel leider auch keine nennenswerte fiskale Erholung. Wer es nicht glaubt, kann sich ja die Wirtschaftspolitik des Landes Bremen der 90iger Jahre ansehen. Man erkaufte sich zwar ein Wirtschaftsplus. Der Preis war in Form eines desatrösen fiskalen Ergebnisses leider ein Beleg dafür, dass dieser Weg ebenfalls keine Lösung ist. Der Weg liegt wohl in der Mitte. Heisst: solide Haushaltsführung, Strukturreformen und Verzicht auf Markteingriffe (Subventionen).
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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