Warnung des Innenministeriums Cyber-Verbrecher rüsten auf

Rasant breiten sich Computerschädlinge wie "Conficker" aus - so schnell, dass jetzt erstmals das Innenministerium Alarm schlägt. Online-Kriminelle gehen immer professioneller vor, arbeiten profitorientiert, operieren international. Und sie nutzen ähnliche Strukturen wie das organisierte Verbrechen.

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Hamburg - Es trifft Netzwerke von Firmen und Behörden genauso wie Privatpersonen: Computerkriminalität und Spionage via Internet nehmen bedrohlich zu. Das teilte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) am Montag auf der Cebit-Preview in Hamburg mit.

Computervirus: Organisiertes Cyber-Verbrechen nimmt zu
DPA/Kaspersky [M]

Computervirus: Organisiertes Cyber-Verbrechen nimmt zu

Die BSI-Analyse basiert auf ersten Auszügen aus dem 3. Bericht des Innenministeriums zur Lage der IT-Sicherheit, den die Regierung im März veröffentlichen will.

"Die Bedrohungslage hat sich in den letzten zwei Jahren verschärft", sagt BSI-Abteilungspräsident Bernd Kowalski. Cyber-Angreifer professionalisieren sich und gehen immer zielgerichteter vor. Dabei würden solche Angriffe zusehends arbeitsteilig durchgeführt. "Diese Angreifer kooperieren in einer Grauzone des weltweiten Internet." Die Netzwerke agieren laut Kowalski zum Teil aus dem Ausland, wo deutsches Recht nicht greift. Sie weisen laut Kowalski Ähnlichkeiten mit der Organisierten Kriminalität (OK) auf.

Sebastian Schreiber, Diplom-Informatiker und Geschäftsführer der IT-Security-Beratungsfirma SySS, sieht diesen Trend als längere Entwicklung. "Wir beobachten diese Professionalisierung schon seit 2005", sagt Schreiber SPIEGEL ONLINE. "Im Schatten-Internet geht es nicht mehr nur um Prestige - die Hacker-Szene hat sich in den letzten Jahren zusehends kommerzialisiert, Cyber-Verbrecher wollen mit ihren Viren immer öfter Geld verdienen."

Die Folge der Professionalisierung: Die organisierte Online-Kriminalität arbeitet immer effizienter. Die Geschwindigkeit von Cyber-Verbrechen hat sich deutlich erhöht. "Die Anzahl sogenannter Zero-Day-Exploits nimmt zu", sagt Kowalski. Bei Zero-Day-Exploits (mehr bei SPIEGEL Wissen...) werden Sicherheitslücken an ihrem Erscheinungstag ausgenutzt.

Hersteller und Entwickler müssen in diesem Fall unter extrem hohen Zeitdruck eine Gegensoftware programmieren, um die Sicherheitslücke zu schließen - solange sie dies nicht schaffen, können Viren, Trojaner und andere Schadprogramme (Übersicht: siehe Infobox) ungehindert über die Software eindringen.

Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.
Die Cyber-Verbrecher werden dabei immer dreister. "Teilweise werden Schadprogramme sogar in Kombination mit Leistungsmerkmalen angeboten, den Schadcode eine bestimmte Zeit gegen Anti-Virenprogramme resistent zu halten", sagt Kowalski SPIEGEL ONLINE.

"Es gibt inzwischen Viren-Programmierer, die wie professionelle Unternehmen agieren", ergänzt IT-Experte Schreiber. "Sie geben ihren Kunden sogar richtige Garantien, beispielsweise darüber, dass Ihr Virus mindestens sechs Wochen einsatzfähig bleiben wird."

Aktuell hält ein besonders erfolgreicher Computerwurm IT-Sicherheitsexperten in Atem. Der Wurm Conficker oder Downadup befällt augenscheinlich wehrlose Windows-Rechner in Massen. Obwohl inzwischen alle IT-Sicherheitsfirmen und Anbieter von Virenschutz-Software Programme gegen die Wurm-Varianten zur Verfügung stellen, obwohl auch Microsoft selbst in der letzten Woche ein Sicherheits-Update zur Verfügung stellte, verbreitet sich Downadup immer schneller.

Einer US-Studie zufolge richteten solche Cyberkriminellen 2008 allein in den USA einen wirtschaftlichen Schaden von 8,5 Milliarden Dollar an. Neben Firmen sind zusehends auch Privatpersonen durch Online-Kriminalität gefährdet. Über 40 Millionen Deutsche sind inzwischen online, Tendenz noch immer steigend. Laut einer Studie des Branchenverbands Bitkom shoppen inzwischen 41 Prozent der Deutschen gelegentlich im Internet.

Einer CSI-Studie von 2008 sowie einer Studie der Firma Corporate Trust zum Thema Industriespionage zufolge melden gerade mal ein Viertel der Unternehmen IT-Sicherheitsvorfälle. Dies geschehe zum Teil auch deswegen, weil viele Firmen einen Imageschaden befürchteten, wenn sie Sicherheitslücken bekannt gäben. Deshalb schalten sie zunehmend sogenannte IT-forensische Unternehmen ein, um Datenpannen und Sicherheitslücken aufzudecken.

Datenschutz massiv bedroht

Neben der Online-Kriminalität ist auch der Datenschutz in der Bundesrepublik längst zu einem flächendeckenden Problem geworden. Von mindestens jedem vierten Bundesbürger gibt es Schätzungen zufolge Bankverbindungen, Kontostände und andere sensible Daten auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Andere Datenschützer gehen sogar von noch höheren Quoten aus. Zugute kommt dieser Entwicklung, dass das Sammeln von und der Handel mit Daten per se nicht als Verbrechen gelten, sondern erst deren Missbrauch.

Wie hoch das Gefährdungspotential ist, zeigen zahlreiche Datenskandale aus dem Sommer 2008. Damals wurde bekannt, welch reger Handel mit den Daten von Privatpersonen betrieben wird. Im November machte der SPIEGEL publik, dass 2006 mehr als 17 Millionen Datensätze von T-Mobile-Kunden gestohlen worden waren - darunter auch Informationen über Politiker, Minister und TV-Stars.

Deutschlands oberster Datenschützer, Peter Schaar, kritisierte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass es keine Meldepflicht für Datendiebstahl gibt, nachdem der Chaos Computer Club im Juli eine schwerwiegende Datenpanne bei TNS Infratest/Emnid aufgedeckt hatte: Mit einem Trick konnte man gut 40.000 Datensätze der Marktforschungsfirma im Internet einsehen.

Anschließende Recherchen von SPIEGEL ONLINE ergaben, dass die TNS-Nutzerdaten nicht nur abgefragt, sondern sogar manipuliert werden konnten - und dass zahlreiche betroffene Kunden über das Sicherheitsleck nur sehr pauschal informiert wurden. Schaar forderte seinerzeit ein Gesetz, das Firmen dazu verpflichtet, Sicherheitspannen selbständig aufzuklären.

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