Ein Kommentar von Beat Balzli
Hannelore Kraft kann manchmal so harmlos wirken. "Akku aufgeladen, bin auf dem Weg in mein Wahlkreisbüro", twitterte die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen vergangenen Montag. Doch beim Thema Schweiz hört der Müßiggang auf. Seit die Bundesanwaltschaft der Eidgenossen gegen drei Steuerfahnder aus NRW einen Haftbefehl ausgestellt hat, mausert sich Kraft zur härtesten Kritikerin der Schweiz. "Für mich ist das ein ungeheuerlicher Vorgang", entrüstete sie sich.
Mit der jüngsten Eskalation scheint das Verhältnis zwischen Deutschland und der Schweiz endgültig vergiftet. Das vermeintlich garstige Bergvolk, dem man im "großen Kanton" gerne mal das Moralempfinden abspricht, fühlt sich eh seit langem ungerecht behandelt. Nicht nur Vertreter rechtsbürgerlicher Kreise schalten nun in den David-gegen-Goliath-Modus.
Doch Emotionen und Nadelstiche bringen die Schweiz im künftigen Nebeneinander kaum weiter. Da hilft nur Nüchternheit. Deutschland ist weder Feind noch Freund. Der Nachbar ist eine Großmacht, die ihre Interessen kompromisslos durchsetzen will. Das zeigen nicht nur der Streit um das Bankgeheimnis und die Verhandlungen über das Abgeltungssteuer-Abkommen. Berlin gibt etwa den süddeutschen Lärmbeschwerden gegen den Flughafen Zürich enorm Gewicht. Deutschland wäre nur noch mit dem Zug oder dem Auto erreichbar, würde die Bundesregierung die Bürgerproteste gegen die eigenen Flughäfen ebenso ernst nehmen.
Das Verhältnis der ungleichen Staaten wirkte früher entspannter. Vor der Osterweiterung der EU lag Berlin gefühlt näher bei Bern. Bis 1998 regierte zudem ein Kanzler, der die Schweiz als Verschiebebahnhof für seine Parteifinanzen brauchte. Bis zum Jahr 2000 saß Kohl im Beirat der Großbank Credit Suisse. Daneben pflegte er eine Freundschaft mit dem Liechtensteiner Promi-Treuhänder Herbert Batliner, der Gelder mit Vorliebe bei der UBS deponierte. In dieser Gemengelage hatte die Schweiz wenig zu befürchten.
Schweizer wollen immer geliebt werden
Inzwischen herrscht längst ein raueres Klima. Darum braucht die Schweiz etwas, das die Deutschen zur Genüge besitzen. "Wir haben keine Streitkultur", sagte der Schweizer Botschafter in Berlin Tim Guldimann kürzlich in einem Interview mit der "Zeit". Die Kompromisskultur habe viel für sich. "Trotzdem könnten wir von Deutschland lernen, wie man Positionen auf den Tisch legt, bevor man den Kompromiss sucht."
Schweizer wollen immer geliebt werden. Sie halten dicke Luft kaum aus. Nachgeben gehört zum guten Ton und funktioniert im Binnenverhältnis prächtig. In der Außenpolitik führt dieser Weg jedoch ins Verderben. Deutschland geht mit Maximalforderungen in die Gespräche und schaut, was der Gegner macht. Man will zwar auch geliebt werden - aber erst beim gemeinsamen Bier nach den Verhandlungen.
Von Deutschland zu lernen, heißt übrigens auch, Politiker und ihre Botschaften nicht immer ernst zu nehmen - so wie bei Hannelore Kraft. Am Freitag vergangener Woche 8.55 Uhr schrieb sie auf Facebook: "Guten Morgen. Habe schlecht und wenig geschlafen..."
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