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Washington Mutual: Kollaps eines Krisenkünstlers

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Der Zusammenbruch der Sparkasse Washington Mutual ist die größte Bankenpleite der US-Geschichte - und erhöht den Druck auf die Regierung, ihr Multi-Milliarden-Rettungspaket auf den Weg zu bringen. Tragisch: Fast Hundert Jahre lang konnte das Traditionsinstitut aus Krisen Kapital schlagen.

Hamburg - Die Finanzkrise fordert ein neues Opfer. Nicht irgendeins, ein höchst symbolträchtiges. Sie reißt die größte US-Sparkasse in den Abgrund, die insgesamt sechstgrößte Bank Amerikas. Der Kollaps von Washington Mutual - allgemein WaMu genannt - ist der größte Zusammenbruch in der Geschichte der Banken.

Washington-Mutual-Logo in New York: Beispielloser Kollaps
AP

Washington-Mutual-Logo in New York: Beispielloser Kollaps

Und das ist nicht alles: Während eine weitere Riesenbank ihre Eigenständigkeit verliert, scheiterte am Mahagonitisch des weißen Hauses vorerst die Absegnung des Multi-Milliarden-Pakets zur Rettung der Weltwirtschaft. Schon wieder drehten die Börsen weltweit ins Minus.

Der Kollaps der WaMu ist beispiellos. Er übersteigt in den USA alles bisher Dagewesene, den Zusammenbruch der Continental Illinois National Bank mit 40 Milliarden Dollar im Jahr 1984 ebenso wie den der IndyMac-Bank mit 32 Milliarden Dollar im Juli 2008.

Die Washington Mutual verwaltete in ihren rund 2200 Filialen zuletzt Einlagen von 307 Milliarden Dollar. An diesem Freitag wurde bekannt, dass JP Morgan Chase, die drittgrößte US-Bank, WaMu schluckt. Der Kaufpreis ist mit 1,7 Milliarden Euro nahezu lächerlich.

Rund 31 Milliarden Dollar an ausstehenden Kreditforderungen muss JP Morgan übernehmen. Viele Schuldner der US-Sparkasse sind längst nicht mehr zahlungsfähig. Immerhin: Die Abschreibungen für JP Morgan könnten sich noch verringern, falls der Rettungsplan der Regierung noch verabschiedet wird - und JP Morgan davon Gebrauch macht.

Geboren in der Krise

Der Bankrott der Washington Mutual ist in gewisser Hinsicht tragisch: Fast Hundert Jahre lang konnte das Traditionsinstitut aus Krisen stets Kapital schlagen. Bereits gegründet wurde die Bank im Notstand, nach dem Großbrand 1889 in Seattle (US-Bundesstaat Washington), um den Wiederaufbau von 25 zerstörten Wohnblöcken zu finanzieren.

Angelegt war die WaMu als Savings & Loans Association (S&L), als Spar- und Kreditgesellschaft. Die S&L führen vor allem Spareinlagen privater Kunden und vergaben private Immobiliendarlehen. Das tun Deutsche Sparkassen auch, trotzdem bestehen sie darauf, dass Savings & Loans wegen ihrer Rechtsform nicht mit den Instituten hierzulande gleichzusetzen sind.

Die Savings & Loans unterlagen in den USA bis Anfang der achtziger Jahre strengen Regulierungen. Dann wurden die Kontrollen gelockert, der US-Immobilienmarkt schwächte sich ab - und viele US-Sparkassen gingen pleite. Ihre Zahl schrumpfte auf etwa 1500.

Die WaMu jedoch profitierte von der S&L-Krise - sie übernahm zahlreiche Institute und avancierte zur größten Sparkasse Amerikas.

Wie es zum Zusammenbruch kam

Erst im Juni 2007 kam eine Krise, die die Washington Mutual nicht überleben sollte. Wie viele andere US-Banken wurden auch der WaMu ihre Verluste aus dem Hypothekengeschäft zum Verhängnis. Allein im Jahr 2006 finanzierte die US-Bank nach eigenen Angaben Immobilienkredite im Wert von 150 Milliarden Dollar. Im Rausch des angelsächsischen Turbokapitalismus baute die Bank ihr Subprime-Geschäft immer weiter aus, vergab immer leichtsinniger Hypotheken und andere minderwertige Kredite, ohne die Bonität der Schuldner hinreichend zu prüfen.

Washington Mutual - die wichtigsten Daten
Firmensitz :Seattle
Filialen in den USA :2200
Vorstand :Stephen J. Rotella
Finanzvorstand :Thomas W. Casey
Angestellte :49.403
Umsatz :26,523 Milliarden Dollar
Dividende :2,21 Dollar pro Aktie
Operativer Gewinn :5,214 Milliarden Dollar
Gewinn vor Steuern :309 Millionen Dollar
Rang in der Liste der Fortune 500 :97
Alle Werte gelten für 2007; Quelle: Hoovers (www.hoovers.com)
Als die Immobilienblase im Juni 2007 platzte, musste die WaMu Milliarden abschreiben. Im Dezember kündigte sie einen Kahlschlag bei ihrem Immobiliengeschäft an, 160 der insgesamt 336 Hypothekenbüros wurden geschlossen, Tausende Stellen gestrichen. Im April 2008 verschaffte sich die WaMu von Investoren rund um die Beteiligungsgesellschaft TPG eine Kapitalspritze von sieben Milliarden Dollar. Anfang September trat der seit 1990 amtierende Vorstandschef Kerry Killinger zurück, Alan Fishman wurde an die Spitze berufen.

Doch es nützte alles nichts. Noch immer belasteten milliardenschwere Abschreibungen die Bank. Allein in den vergangenen drei Monaten beliefen sie sich auf 6,1 Milliarden Dollar. Im dritten Quartal rechnete das Institut mit weiteren Abschreibungen von etwa 2,7 Milliarden Dollar. Die Verluste in den nächsten drei Jahren taxierten US-Experten auf 20 bis 40 Milliarden Dollar.

Der Aktienkurs der WaMu geriet aufgrund dieser Horrormeldungen in einen Abwärtsstrudel. Seit Jahresbeginn verlor die Bank mehr als 90 Prozent ihres Börsenwerts. Der Schlusskurs vom 25. September betrug gerade noch 1,51 US-Dollar. Der Höchstkurs der letzten 52 Wochen hatte 39,25 Dollar betragen. Vor dem Platzen der Immobilienblase hatte sich der Aktienkurs der US-Bank jahrelang um 50 US-Dollar bewegt.

Wegen der Schieflage stand die WaMu zuletzt bereits unter verschärfter Aufsicht. Hinzu kam als Todesstoß die Abstufung durch Ratingagenturen auf "Schrott"-Niveau. Anleger lösten in Scharen ihre Konten auf. Der Notrettung waren der Aufsichtsbehörde zufolge Einlagenabflüsse in Höhe von 16,7 Milliarden Dollar seit dem 15. September vorausgegangen.

Insidern zufolge verfügte Washington Mutual zuletzt nicht mehr über ausreichend Liquidität, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Geschäftstransaktionen seien zum Teil nicht mehr gesichert gewesen, erklärte das Office of Thrift Supervision (OTS).

Am Donnerstagabend New Yorker Zeit gab die US-Einlagensicherungsbehörde das Aus der Washington Mutual bekannt.

Mit Material von dpa

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